Fußball

Der andere Bella

Foto: Heiko Kempken / WAZ FotoPool

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Voerde. Michaels Bruder Herbert Bella ist Rekordspieler der Amateure des MSV Duisburg, die es nun seit 50 Jahren gibt. Heimatverein ist Lösort Meiderich. Heute wohnt Herbert Bella in Voerde-Spellen und spielt Tennis für Blau-Weiß Spellen, sogar an Position eins der Herren 65.

Manchmal, da nimmt Herbert Bella seinen Lehrling auf die Schippe. „In der wievielten Liga spielst Du? In der fünften? Das ist doch nur Kreisklasse!” Der angehende Schlosser hat daraufhin reichlich erstaunt aus der Wäsche geguckt. Bella rechnet kurz nach. „Stimmt. Das war damals doch schon die Bezirksklasse”, setzt er ein verschmitztes Lächeln auf. Auch weil er Kevin Grund nicht wirklich ärgern will. „Der Junge ist richtig talentiert. Er muss unbedingt mal eine Chance in der ersten Mannschaft des MSV bekommen”, fordert der Rekordspieler der Zebras.

Rekordspieler? Das ist doch Michael Bella! Stimmt. Denn in der Bundesliga hat nieman öfter für die Meidericher gespielt, als der heute 64-Jährige, der 405 Mal im weiß-blau gestreiften Dress auflief. Doch wenn es um Rekorde bei den Zebras geht, dann ist das eine Familienangelegenheit der Bellas. Zehn Jahre lang hat Michaels Bruder Herbert für die MSV-Amateure gespielt. Keiner spielte länger für die „Zweite” der Meidericher. Nur die genaue Anzahl der Spiele, die hat Herbert Bella nicht parat. Denn eine umfassende Statistik wurde damals in den Anfangsjahren nicht geführt. „Ich weiß, dass ich immer die meisten Spiele gemacht habe.” Ein Ausschnitt aus einem Vereinsheft von 1964, dem Jahr des Landesliga-Aufstiegs, zeigt das: 29 Spiele bestritt er damals. Auf zehn Jahre hochgerechnet macht das so runde 300 Einsätze.

Pi mal Auge, versteht sich.

Damals, 1964, spielte auch „der Bruder von Herbert Bella” erstmals im Amateurteam. „So war das damals. Heute bin ich der ,Bruder von Michael Bella'”, augenzwinkert der 67-Jährige. Dass Herbert Bella ein talentierter Mittelfeldspieler war, dass damals bei den Amateuren etliche talentierte Spieler dem Ball hinterher jagten, die dennoch nie eine Chance beim „großen MSV” bekamen – wer weiß das schon noch? Und so ganz nebenbei: Die MSV-Amateure feiern 2009 ihr 50-jähriges Bestehen.

Fast von Beginn an war Herbert Bella dabei. „Vor den Amateuren gab es nur eine Reservemannschaft, die meist das Vorspiel zur ersten Mannschaft bestritt – gegen die Reserve des Gegners. Ligenbetrieb gab es aber nicht”, erinnert sich Bella. 1958 sollte es mit den Amateuren losgehen. Der Start wurde jedoch um ein Jahr verschoben. Am 30. Juni 1959, dem letztmöglichen Tag, meldete Gründer und Abteilungschef Hans Hammentgen die Amateure in der 3. Kreisklasse an – heute wäre das die Kreisliga C. Zwei Jahre später kam dann auch Herbert Bella zu den MSV-Amateuren.

„Mein Heimatverein ist ja Lösort Meiderich. Für diesen Verein habe ich damals sogar Draht geklaut”, lacht er heute. „Aber so schön es dort auch war. Ich wusste, dass ich woanders hinmusste, wenn ich etwas erreichen wollte.” Also ging es zum Nachbarn MSV. 1968 erreichte das Amateurteam sogar die Verbandsliga Niederrhein – damals die dritthöchste Liga. Und weder vor 1968 noch nach dem Abstieg 1970 spielte die zweite Zebra-Mannschaft wieder in der dritten Liga.

Wer Herbert Bella heute trifft, bekommt eine gute Vorstellung davon, wie der Spieler Herbert Bella so war. Wenn er seine Tür in Voerde-Spellen öffnet, blickt dem Besucher ein zurückhaltend lächelnder Mann entgegen. „Wenn es hochkommt, habe ich in den zehn Jahren zehn Tore gemacht. Dafür habe ich etliche Tore vorbereitet”, passt Bellas eigene Beschreibung zu seinem Auftreten. Und es passt zu ihm, dass er einer der wenigen Spieler war, die nach dem „großen Streit” geblieben sind. Denn in den Siebzigern ließ der MSV seine Amateure fallen. „Es ging ums Geld”, klingt viel Wehmut in Bellas Stimme. Die Spieler haben zu viel gefordert – zumindest aus der Sicht der damals Verantwortlichen. „Das ist gar nicht so”, erinnert sich auch Ferdi Tiemann, der heute die Oldie-Mannschaft des MSV organisiert. „Es wurde aber nicht einmal das eingehalten, was versprochen worden war. Genau genommen bekomme ich heute immer noch Geld”, nimmt es Tiemann mit einer Prise schwarzen Humors.

Die Folge war: All die guten Spieler verließen die MSV-Amateure. „Ich weiß noch”, erinnert sich Herbert Bella, „wie ich ins Geschäftszimmer gerufen wurde.” Dort offerierte ihm der Vorstand die Position des Spielertrainers. Und Bella nahm an. „Ich habe versucht, eine neue Mannschaft aufzubauen”, seufzt er. Doch ohne ausreichende Unterstützung des Vereins konnte das nicht funktionieren. Erst 1974, erst in der 2. Kreisklasse, stoppten die MSV-Amateure den freien Fall. 1976 ging es zwar wieder in die 1. Kreisklasse, später Kreisliga A – wo das Team aber bis 1985 blieb.

Für Herbert Bella hatte da längst die Zeit im Altherren-Team angefangen – und die war für den Mann, der als Spielertrainer mit Wanheim 1900 den Landesliga-Aufstieg schaffte, erfolgreich wie eh' und je. „Ich weiß noch, wie wir bei einem Hallenturnier gegen Ajax Amsterdam gespielt haben. Und Ajax war damals richtig klasse in der Halle”, funkeln Bella Augen. „Die geben Gas, wir kontern – 1:0. Die gegen Gas, wir kontern – 2:0”, klingt der Stolz in Bella Stimme durch. Am Ende stand es 11:1.

Für Herbert Bella ist es keine Überraschung. Denn schon damals bei den Amateuren waren tolle Spieler in seiner Mannschaft. „Werner Lehwald zum Beispiel hat damals drei Nationalspieler auf einem Bierdeckel fertig gemacht. Oder auch Rüdiger Mielke. Wolfgang Stürzenbecher. Und Keeper Rainer Rissel. „Das waren alles Klasse-Spieler”, sagt Bella. „Ich weiß noch, wie wir wenige Tage nach der Entscheidung, dass der MSV Gründungsmitglied der Bundesliga wird, ein Freundschaftsspiel bei Alemannia Aachen bestritten hatten, die es nicht geschafft hatten. Da haben wir gegen Aachens ,Erste' 1:3 verloren. Da hieß: Wenn die Reserve von denen schon so stark ist, . . .”

Vor nicht allzu langer Zeit haben sich die Amateure von einst wieder getroffen. „Da hat Hans Hammentgen zu mir gesagt, dass er mich gerne in der ersten Mannschaft gesehen hätte.” Die Antwort von Herbert Bella: „Vielleicht hat es der liebe Gott so gewollt.” Denn während Michael Bella sogar auf vier Einsätze in der Nationalmannschaft brachte, triebt Herbert Bella seine Ausbildung voran. So schaffte er die Grundlage für den brüderlichen Betrieb, die Gebrüder Bella GmbH in Meiderich – ein Stahlbauunternehmen. „Da haben wir auch schon einige Tore gebaut. Zum Beispiel für Lösort oder den SV Spellen. Natürlich einfach so.” So haben die Bellas letztlich immerhin noch etwas mit Fußball zu tun. Und dann ist ja noch der Lehrling namens Kevin Grund . . .

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