Eiskunstlaufen

NRW-Meisterin Celine Göbel träumt von einem Olympia-Start

Ein Lächeln auf dem Eis: Celine Göbel fühlt sich mit Kufen an den Füßen wohl.

Ein Lächeln auf dem Eis: Celine Göbel fühlt sich mit Kufen an den Füßen wohl.

Foto: André Hirtz

Dinslaken/Essen.   Eiskunstläuferin (19) Celine Göbel hat in Aljona Savchenko und Nicole Schott große Vorbilder. Die NRW-Meisterin träumt von einem Olympia-Start.

Celine Göbel hat schon viele Stunden in der Umkleide unter der Stehplatztribüne der Eissporthalle am Essener Westbahnhof verbracht. Genau unter jenen Betonstufen, auf denen die Anhänger des Oberligisten ESC Moskitos während der Saison lärmen und jeden Treffer ihrer Stechmücken feiern, liegt die Kabine der 19-jährigen Eiskunstläuferin aus Dinslaken. Die Bänke links und rechts der Tür sind mit roten warmen Decken belegt. Vor Kopf an der Wand hängt ein deckenhoher Spiegel. Bevor die NRW-Meisterin aus Lohberg auf ihren Kufen die Treppen hinunter zur Eisfläche schreitet, guckt sie kurz in ihr Spiegelbild. Letzte Kontrolle. Alles sitzt. Kann also losgehen.

Losgleiten müsste es korrekterweise heißen. Celine Göbel gleitet sanft und scheinbar mühelos mit den silber-blanken Kufen über das glatt geputzte, gefrorene Wasser. „Beim Eislaufen kann ich total abschalten, habe gar keine Probleme. Auf dem Eis bin ich in meiner eigenen Welt und komplett frei“, so beschreibt Göbel ihre Gefühle, die sie im Banden-Oval spürt.

Was für viele wie Luxus für Kopf und Körper klingt, ist allerdings auch mit harter Arbeit, viel Zeitaufwand und einigen Schmerzen verbunden.

Snoopy-Kurs in Dinslaken

Auf jene sportliche Leidenschaft, die die 19-Jährige bis zu Platz sieben bei den Deutschen Meisterschaften im vergangenen Jahr geführt hat, lenkte sie ihre Mutter. „Sie hat mir vorgeschlagen, ich sollte mal Eislaufen lernen. Damals ging es bei Kindergeburtstagen oft in die Eishalle.“

Der Snoopy-Kurs für Anfänger in der Dinslakener Halle machte Spaß. Ebenso das Eismärchen Kids on Ice, wo die ganz junge Celine im Alter von fünf Jahren mitmachen durfte.

Dann wanderte die Show allerdings nach Wesel aus. Göbels Eltern wollten nicht in die Nachbarstadt fahren. Zu weit. Statt Eisgleiten also doch lieber Reiten, Celines zweite Leidenschaft? Nein, weil sich unerwartet die Gelegenheit ergab, beim Essener Jugend-Eiskunstlauf Verein (EJE) ein Probetraining zu absolvieren. Mit sechs Jahren zeigte Celine Göbel am Westbahnhof ihr sportliches Talent. „Und ich habe sie überzeugt.“ Das war 2006.

Dreifachsprünge zeigen

Der Weg nach Essen war dann doch nicht mehr zu weit für Celines Eltern. 13 Jahre später zählt Göbel zu den Vorzeigeläuferinnen in Deutschland. Die NRW-Meisterin war im vergangenen Jahr die siebtbeste deutsche Läuferin. Ehrgeiz und Durchhaltevermögen zahlten sich aus.

Ein Treppchenplatz bei der Deutschen Meisterschaft, eine Startchance bei der europäischen Titelkämpfen, vielleicht mal unter den olympischen Ringen Dreifach-Sprünge zeigen – das sind die Ziele der 19-Jährigen. An denen arbeitet sie mit Trainerin Gudrun Pladdies.

Die Duisburgerin Pladdies hat schon Paarläufer Daniel Wende (34) zu zwei Olympia- und vier WM-Starts verholfen. Dazu Nicole Schott, knapp vier Jahre älter als Göbel, zu den Olympischen Winterspielen gebracht. Im Februar 2018 in Pyeongchang/Südkorea landete Schott auf Platz 18.

„Nicole hat Ausstrahlung und Leidenschaft. Und sie hat sich läuferisch enorm verbessert“, lobt Göbel eines ihrer Vorbilder. Sie bewundert auch die sechsmalige Weltmeisterin Aljona Savchenko, die in Südkorea Gold im Paarlauf gewann – im für Eiskunstläuferinnen eher biblischen Alter von 34 Jahren: „Ich finde es toll, dass sie für ihr Ziel so lange durchgehalten hat.“

Paarlauf wäre für Celine Göbel auch eine Alternative. „Reizen würde es mich schon. Es gab auch einmal ein Angebot aus Berlin. Doch mein Abiturjahr sprach gegen einen Wechsel.“ Der berufliche Weg neben dem Training – „mindestens viermal pro Woche jeweils zwei Stunden, ein strammes Programm“, wie Göbel betont – ist wichtig.

Eiskunstlaufen auf hohem Niveau geht schließlich nicht ewig. Und Verletzungen können Träume zerstören. Rasend schnell sogar. Die Dinslakenerin durchlebte bereits genau diese schmerzhafte Erfahrung. Schleimbeutelentzündungen in beiden Knien und auch eine Sprunggelenksverletzung zwangen sie zwischenzeitlich zu einer langen Pause. Die Entzündungen kamen schleichend. „Ich bin im Training umgeknickt, habe aber weitergemacht, weil ich nichts gespürt habe. Daraus resultierte dann auch noch eine Fehlbelastung des anderen Knies“, erinnert sich Celine Göbel. Sie kam mit Geduld, Glaube, Ehrgeiz und Motivation zurück aus der Zwangspause. Der Gewinn des NRW-Titels vor wenigen Wochen in Dortmund war ein verdienter, weil hart erarbeiteter Lohn.

Und doch steht der Beruf über der Berufung. Wenn auch im Moment nur knapp. Geld mit Eiskunstlaufen verdienen allenfalls Weltmeister und Olympiasieger – und Trainer. Die 19-Jährige absolviert in Oberhausen eine Ausbildung zur Fitness-Fachwirtin und Betriebskauffrau, darf während der Arbeitszeit aber auch Sport machen und bekommt so vom Arbeitgeber einen gewissen Freiraum. Nicht selbstverständlich, aber hilfreich. „Es geht für mich vermehrt auch an die Dreifachsprünge, da ist viel Üben angesagt.“

Celine Göbel nutzt ihren Freiraum aber nicht nur für das eigene Training. Sie bildet sich weiter, indem sie sich mit ihrem Sport auch über die Eisfläche hinaus auseinandersetzt. Sie zeichnet ihre Kleider für Kurzprogramm und Kür selber – „einmal peppig, einmal etwas ruhiger“ – und lässt sich alles vom Schneider anfertigen. Das fördert den Wohlfühlfaktor. Ein wichtiger Aspekt, um Ausstrahlung auf dem Eis zeigen zu können.

Dazu entwickelte Celine Göbel mit ihrer 16-jährigen Klubkollegin Angelina Ciszynski über fast sechs Monate hinweg die aufwändige Choreografie für das große Essener Starlight-Schaulaufen mit über hundert Kindern. Sie organisiert zudem Gastauftritte der EJE-Crew mit, beispielsweise für die Messe ins Essen.

EM 2023 soll in Essen steigen

Aus dieser Arbeit ergeben sich andere Ziele als die rein sportlichen. „Ich würde gern auch mal im Ausland ein Trainingslager mitmachen, in den USA oder Kanada etwa, um zu sehen, wie dort gearbeitet, was dort gefordert wird“, betont Celine Göbel. Das Vorhaben ist realistischer, machbarer als ein Olympiastart. Das weiß Göbel genau. Und es dient der Weiterbildung. Göbel hat sich schon den C-Trainerschein für Leistungssportler gesichert und könnte sich einen Berufsweg als Eiskunstlauftrainerin vorstellen – irgendwann in ein paar Jahren.

Doch bis mindestens 2023 soll es auf dem Eis noch Göbel‘sche Soli geben. EJE-Spartenleiterin Lisa Steinmetz möchte in vier Jahren gern die Europameisterschaft an den Westbahnhof holen. Erste Gespräche laufen. Celine Göbel ist als Vorzeigeläuferin auserkoren.
Die Umkleidekabine unter den Betonstufen der Essener Eishockeyfans wird also noch eine Weile ihr fast tägliches Terrain bleiben.

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