TV Jahn Hiesfeld

Präsident Hülsemann warf Hiesfelds Trainer per WhatsApp raus

Am Saisonende trennen sich ihre Wege: Thomas Drotboom (l.) und Dietrich Hülsemann.

Am Saisonende trennen sich ihre Wege: Thomas Drotboom (l.) und Dietrich Hülsemann.

Foto: Jochen Emde

Dinslaken.   Präsident Dietrich Hülsemann hat entschieden: Der TV Jahn Hiesfeld trennt sich zum Saisonende der Fußball-Oberliga von der sportlichen Führung.

Dietrich Hülsemann zögerte nicht lange. Wut und Enttäuschung über die 1:2-Niederlage in letzter Minute gegen den SC Velbert und den damit so gut wie sicheren Abstieg waren noch frisch, als der Präsident des TV Jahn Hiesfeld am Sonntagnachmittag noch einmal zu ungewohnter Stunde ins Büro fuhr. Dort setzte er sich an den Schreibtisch, nahm sein Handy und erstellte die WhatsApp-Gruppe „Trainer“. Fügte die Teilnehmer, das aktuelle und das für die nächste Saison geplante Trainerteam der ersten Fußballmannschaft, hinzu – und eröffnete ihnen, dass ihre Mission zum Abschluss der laufenden Oberliga-Spielzeit beendet wird: „Ihr werdet in der kommenden Saison nicht mehr dabei sein“, tippte Hülsemann ins Handy, „ihr werdet keine Verträge erhalten“. Teammanager Thomas Drotboom und Trainer Markus Kay müssen im Sommer ihre Sachen packen, Innenverteidiger und Kapitän Kevin Corvers darf seine neue Aufgabe als Coach erst gar nicht antreten. Rumms!

Die Entscheidung, sich von seinem sportlichen Führungspersonal zu trennen, war die Konsequenz aus den Eindrücken während der Partie: „Die Leistung hat jeglichen Kampf im Hinblick auf den Klassenerhalt vermissen lassen“, sagt der Vereinschef, „da war kein Einsatz, kein System, gar nichts. So kann man nicht weitermachen.“ Er selbst sei noch als Vorbild vorangegangen: „Ich habe im Spiel hinter dem Tor gestanden und die Bälle geholt, die ins Aus gingen. Dabei saßen fünf Spieler auf der Bank, die auch hinter die Tore hätten gehen können. Von denen hat sich keiner gerührt“, klagt Hülsemann an. „Und unsere Trainer sitzen regungslos auf ihren Campingstühlen. Ich wollte denen schon eine Angel in die Hand drücken“, ereifert sich der 65-Jährige gegenüber der NRZ. „Gucken Sie sich mal Jürgen Klopp in Liverpool an, wie der seine Mannschaft antreibt – da sitzt keiner auf dem Klappstuhl!“ Unter den Voraussetzungen fehle ihm das Vertrauen, dass die derzeit handelnden Personen in Hiesfeld erfolgreich einen Neuaufbau in der Landesliga moderieren könnten.

Auch Spielerverträge stehen infrage

Mit einem Kandidaten, dem er die Aufgabe zutraut, nahm Dietrich Hülsemann bereits am Sonntag Kontakt auf, ein Treffen ist für Dienstagabend anvisiert. Doch nicht nur die Trainer stehen nun zur Disposition, sondern auch der künftige Spielerkader. „Jede Verpflichtung wird hinterfragt“, heißt Hülsemanns Devise. Selbst Stürmer Kevin Menke und Mittelfeldregisseur Gino Mastrolonardo, die bereits Verträge für die nächste Saison besitzen, haben plötzlich keine Planungssicherheit mehr: „Ich werde sie fragen, ob sie bereit sind, sich so einzusetzen, wie es nötig ist, da sie ihre Zukunft mit dem jetzigen Trainerteam verknüpft hatten“, kündigt der Vorsitzende an. Menschlich könne er Drotboom, Kay und Co. „gar nichts vorwerfen, aber sie haben den Karren in den Dreck gefahren“. Im Nachhinein hadert er mit sich, weil er nicht schon im Winter die Reißleine mit der Trennung gezogen hatte, lehnt jetzt jedoch einen sofortigen Schlussstrich ab: „Sie sollen die Saison vernünftig zu Ende bringen, dann müssen wir frischen Wind reinbringen.“ Ein Grund ist auch, dass die Alternative fehlt; der mögliche Nachfolger steht derzeit noch bei einem anderen Verein in der Pflicht.

Die betroffenen Verantwortlichen wurden nach dem Velbert-Spiel naturgemäß von dem Meinungsumschwung ihres Vorgesetzten überrascht. Thomas Drotboom macht im Laufe der Saison nun zum wiederholten Mal ein Hin und Her um seine Person mit: Im Frühjahr erfuhr der Teammanager, dass Markus Kay und Kevin Corvers ihn an der Seitenlinie ablösen sollen, orientierte sich dann zunächst Richtung Bezirksligist SG Unterrath, wollte nach einem Angebot des Regionalligisten SV Straelen Anfang April aber sofort wechseln, erhielt von Hülsemann aber keine Freigabe und sollte schließlich als Bindeglied zwischen Mannschaft, Trainern und Vorstand weitermachen. Jetzt setzt ihm der Präsident zum 30. Juni den Stuhl vor die Tür.

„Es ist sein gutes Recht, so zu entscheiden, er ist der Chef“, gibt sich Drotboom vordergründig diplomatisch, „dann gestalte ich mein Leben eben anders, gehe vielleicht am Sonntagmittag Fahrradfahren“. In der Analyse will er den Vorwurf, „den Karren in den Dreck gefahren“ zu haben, nicht unwidersprochen stehen lassen: „Abgestiegen sind natürlich wir, aber die Gründe dafür liegen schon woanders“, erinnert er an die Entwicklung der vergangenen Jahre, als immer wieder neue finanzielle Probleme den Verein in Schieflage brachten und auch mit dazu führten, dass im vergangenen Winter acht Spieler den Abgang machten.

Zu wenig personelle Substanz

Trainer Markus Kay findet es „enttäuschend, das über WhatsApp zu erfahren, und dann noch nach einem verlorenen Spiel“, und betont die monatelange Arbeit, die Kevin Corvers und er bereits in die Vorbereitung für ihre künftige Aufgabe investiert hatten. „Nach dem Winter war ja schnell klar, dass wir nicht die personelle Substanz haben, die nötig gewesen wäre“, nennt Kay den Hauptgrund für das schlechte Abschneiden. „Aber Hülsemann hatte Corvers und mich gefragt, ob wir übernehmen, ob in der Oberliga oder Landesliga. Und jetzt setzt er kein Vertrauen mehr in uns.“ Der verletzte Kapitän Corvers wiederum erhofft sich zumindest „irgendwann ein Gespräch mit dem Präsidenten, um persönlich die Gründe zu erfahren, warum er so entschieden hat“. Torwarttrainer Uwe Roscher bekam die Nachricht übrigens erst mit Verspätung: Ihn hatte Dietrich Hülsemann am Sonntag nicht mit in die WhatsApp-Gruppe aufgenommen.

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