Fußball

Unter Nachbarn

Der Charme vergangener Jahrzehnte: Hinter diesen Türen liegen die Umkleiden des VfB in der Dorotheen-Kampfbahn.

Der Charme vergangener Jahrzehnte: Hinter diesen Türen liegen die Umkleiden des VfB in der Dorotheen-Kampfbahn.

Foto: Funke Foto Services

Dinslaken.   Die Vereine RWS und VfB Lohberg kämpfen um ihre Zukunft. Mit den gegenwärtigen Umständen können beide auf Dauer nicht überleben.

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Die Sache ist verzwickt. Es geht um zwei Nachbarn, die manches gemeinsam haben, aber nicht zusammenkommen. Sie leben auf engem Raum nebeneinander und können nicht wirklich miteinander. Auf der einen Seite der Verein für Bewegungsspiele, auf der anderen Rot-Weiß Selimiyespor. Beide Vereine kämpfen in Lohberg auf ihre Weise ums Überleben. Jeder für sich. Der eine mit dem Selbstverständnis eines Traditionsclubs, der 2019 sein hundertjähriges Jubiläum feiern möchte. Der andere als 1990 gegründeter Emporkömmling, der sich zeit seines Bestehens trotz aller Bemühungen nicht vollständig anerkannt sieht. Ein Dilemma ohne Lösung. Hüben wie drüben hat sich lediglich eine Erkenntnis in den Köpfen festgesetzt: Unter den gegenwärtigen Umständen sind weder der VfB noch RWS auf Dauer überlebensfähig. Ein Ortstermin auf der städtischen Sportanlage.

Ali Acabuga ist der Mann mit dem Schlüssel. Er hat Anfang des Jahres eine Tür aufgestoßen, eine Diskussion angezettelt, die mittlerweile in der örtlichen Politik mit mehr oder weniger großem Getöse geführt wird. Der Selimiyespor-Vorsitzende kündigte den Nutzungsvertrag mit der Stadt für die Anlage am Fischerbusch. Er wollte nach eigenem Bekunden „gleiche Bedingungen herstellen wie sie alle anderen Sportvereine in Dinslaken haben“. Was neben einheitlichen finanziellen Regelungen im Vertrag für Acabuga dazu gehört, ist ein annehmbares Umkleidegebäude. Selbstverständlich? Nicht bei RWS.

2009 kam das aktuelle Containergebäude auf die Anlage. Zwei Mannschaftskabinen, eine Umkleide für den Schiedsrichter, Materialraum, zwei Duschräume mit insgesamt sieben Duschen. Vom Eingang führt der Gang zu einem weiteren Raum, in dem die Waschmaschine steht. Die Einrichtung sollte generell den Ansprüchen genügen. Sie genügt schon lange nicht mehr.

Sport ist gesund? Der Anblick im Inneren der Umkleiden lässt diesen Eindruck kaum zu. Wer als Gast nach Lohberg kommt, sieht erst mal kein Tageslicht. Das Fenster in der Kabine für die gegnerische Mannschaft ist von außen mit einem Brett verrammelt, in der Scheibe klafft ein großes Loch. Unbekannte haben sie eingeworfen, nicht zum ersten Mal. „Immer wieder wird bei uns eingebrochen“, seufzt Ali Acabuga, „die Scheiben jedes Mal zu ersetzen, ist teuer“.

Noch schlimmer ist der Schimmel. An vielen Ecken sprießt er von den Wänden und Decken, eine Heizung fehlt im Gebäude. „Die Feuchtigkeit kommt nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen“, sagt der Vorsitzende. Die Toilettentür neben einem Duschraum ist rundum mit Klebeband verschlossen, ein kleines Pappschild verrät mit einem Wort den Grund: Defekt. Den Anblick möchte der Verein seinen Gästen ersparen: „Der Raum ist von oben bis unten verschimmelt.“ Aus der Waschmaschine läuft Wasser aus, offen liegende Schalter und Steckdosen an der Wand vermitteln keinen besonders vertrauenserweckenden Eindruck. „Uns wird ständig vorgeworfen, wir hätten hier alles herunterkommen lassen“, ärgert sich Ali Acabuga, „dabei sind wir der einzige Verein in der Stadt, der für die Instandhaltung alles selbst zahlen muss“.

In der Politik sind die Zustände auf der Anlage bekannt. Die Stadtverwaltung präsentierte im September dem Sportausschuss eine Berechnung, nach der die Errichtung eines neuen Umkleidegebäudes rund 285 000 Euro kosten würde. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: „Zu teuer“, befanden die Mitglieder des Stadtrats in ihrer Sitzung vor knapp einem Monat. Im September 2014 hatte eben dieser Stadtrat mit großer Mehrheit für rund 20 000 Euro ein Gutachten über den Sanierungsbedarf auf den städtischen Bezirkssportanlagen in Auftrag gegeben. Das vorhersehbare Ergebnis hätten die Politiker billiger haben können: Insgesamt müssten für mittel- und langfristige Maßnahmen 2,9 Millionen Euro investiert werden, alleine für die Lohberger Anlage wären im Stadion und auf den beiden Aschenplätzen – ohne neues Umkleidegebäude für RWS – 650 000 Euro fällig. In einer Stadt, die unter chronischer Finanzschwäche ächzt und zum Beispiel die Sanierung der Stadthalle seit einer gefühlten Ewigkeit vor sich her schiebt, andererseits aber eine knappe Million in die bei vielen Bürgern umstrittene Erneuerung des Stadtparks steckt, stellt sich die dringende Frage: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

Ärger über Kobelts Worte

Die Phantasie des überwiegenden Teils der Fraktionen für einen Ausweg aus der Misere beschränkt sich darauf, VfB und RWS Lohberg zu einer Kooperation zu bringen, die beide im Grunde nicht wollen. Während der Ratssitzung am 29. September brachte Volker Kobelt (SPD) die Meinung vieler seiner Kollegen mit einem Satz auf den Punkt: Es müsse „möglich sein, dass wie in Duisburg zwei Vereine auf einer Anlage spielen“, persönliche Befindlichkeiten sollten da hinten anstehen. Besonders beim VfB kam die Einlassung überhaupt nicht gut an, zumal Kobelt zu aktiven Zeiten in der damaligen Fußball-Verbandsliga selbst das Tor der „Knappen“ hütete.

Keine Annäherung

Der Sportausschuss-Vorsitzende Karl-Heinz Dasbach bemühte sich in den vergangenen Wochen in Gesprächen mit den Vereinen um eine Annäherung. Wenig erfolgreich. Den kostengünstigen, aber wenig sensiblen Willen in Reihen der Politik, dass Rot-Weiß auf Dauer das bisher vom VfB genutzte Umkleidegebäude am Aschenplatz besetzen soll und den Schwarz-Gelben lediglich die Kabinen in der Dorotheen-Kampfbahn bleiben, halten die Verantwortlichen beider Clubs nicht für umsetzbar. „Wir wären letztlich wieder die Bösen, weil wir dem VfB Lohberg die Räume wegnehmen“, argwöhnt Ali Acabuga. Und beim Nachbarn schrillen ohnehin bereits seit geraumer Zeit die Alarmglocken, nicht nur weil im Sommer einige Nachwuchsfußballer zu RWS wechselten. Selimiyespor hatte den Jugendlichen ein attraktives Angebot zur Sportausrüstung gemacht – eine legitime Art der Akquise, die auf der anderen Seite des Zauns jedoch nachhaltig schmerzt. Dass der VfB eine Zusammenarbeit mit den Rot-Weißen ablehnt, gleichzeitig aber den Oberligisten TV Jahn Hiesfeld am kommenden Mittwoch zum Pokalspiel gegen Kray ins Stadion lässt und auch darüber hinaus eine Kooperation mit den „Veilchen“ anstrebt, sorgte im Gegenzug bei RWS für Irritation.

Aktuell besteht die Jugendabteilung des VfB nur noch aus drei Mannschaften; der Verein fürchtet, das Nutzungsrecht für das Stadion zu verlieren, falls die Abteilung weiter schrumpft und sich irgendwann mangels Masse auflösen müsste. Ohne die Umkleiden am Aschenplatz bestehen wiederum wenig Möglichkeiten, die Anzahl der Jugendteams auf längere Sicht deutlich ausbauen zu können. Wo sollten die im Trainings- und Spielbetrieb hin?

Karina Wistuba und Klaus Schwan kennen noch mehr Argumente gegen den aktuell von Außenstehenden favorisierten Weg. Die VfB-Vorsitzende und ihr Stellvertreter verweisen auf die aktuelle Verteilung der Mannschaften: Die beiden Kabinen im Stadion werden von den drei Herrenmannschaften genutzt, die Damen brauchen einen getrennten Trakt und ziehen sich am Aschenplatz um. Dabei sind dort die Kabinen in der Größe für kleinere Jugendmannschaften ausgelegt, in die vorhandenen vier Umkleideräume wurden vor einiger Zeit Zwischenwände gezogen. „Wenn unsere Damen spielen, sitzen sie nun praktisch in zwei Kabinen“, sagt Karina Wistuba. Ein paar Eimer Farbe könnte das Gebäude auch gut vertragen. Die Einrichtungen in der Dorotheen-Kampfbahn sind veraltet; die zweite Mannschaft hübschte ihre Kabine vor gut zwei Jahren in Eigenregie auf, die sanitären Anlagen versprühen den Charme vergangener Jahrzehnte. In den Räumlichkeiten unter der Tribüne gibt es genau eine Damentoilette, „und die möchte man auch nicht unbedingt jederzeit benutzen“, so Wistuba.

Klaus Schwan weiß von einem Besuch des Baudezernenten Thomas Palotz im Stadion: „Als er den Zustand der Kabinen sah, hat er nur mit dem Kopf geschüttelt“, berichtet der „Vize“ der Schwarz-Gelben. Als Kämmerer achtet Palotz demgegenüber penibel darauf, dass die Stadtkasse von Ausgaben verschont bleibt. Wenn es um die Beschreibung der Situation ging, hörte die Vereinsführung von städtischer Seite meist nur einen Standardspruch: „Das ist alt, aber noch gebrauchsfähig.“ Für die Zukunft bringt das den VfB allerdings in seinen Problemen ebenso wenig wie RWS.

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