Fußball

Uwe Rösler: „Meine Überlebenschancen lagen bei fünf Prozent“

Ein entspannter Blick am Rhein: Fortuna-Trainer Uwe Rösler.

Ein entspannter Blick am Rhein: Fortuna-Trainer Uwe Rösler.

Foto: Scheidemann

Düsseldorf.  Seit Januar ist Uwe Rösler Trainer von Fortuna Düsseldorf. Aber wer ist der Typ dahinter? Das erzählt er in einem persönlichen Interview.

Der Himmel über Düsseldorf ist an diesem Nachmittag wolkenlos. In Zeiten der Pandemie gibt es nur wenige echte Begegnungen mit Vertretern von Fortuna. Düsseldorf Aus Angst vor einer Ansteckung wird der Trainerstab und die Mannschaft weitestgehend abgeschottet. Doch dieses Gespräch sollte nicht virtuell stattfinden. Das war der ausdrückliche Wunsch von Uwe Rösler. Er wollte den persönlichen Austausch.

Herr Rösler, was macht das mit Ihnen, wenn Sie auf den Rhein blicken?

Rösler: Ich bin im Binnenland aufgewachsen und daher komplett ohne Wasser groß geworden. Ich bin auch kein besonders guter Schwimmer und habe vor dem Wasser unheimlich Respekt. Durch meine Frau, die in Norwegen am Wasser geboren wurde, hat sich das aber alles extrem gewandelt. Jetzt wohne ich in Oberkassel auch direkt am Rhein. Schwimmen gegangen bin ich aber noch nicht (lacht). Ich habe einen Hund, mit dem bin ich dann an den Rheinwiesen unterwegs.

Was haben Sie für einen Hund?

Einen Cavachon.

Und gehen Sie mit ihm auch die fiesen Gassi-Zeiten morgens, wenn es noch dunkel ist und regnet, oder nur bei Sonnenschein?

(lacht) Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich alles meine Frau machen lasse. Wenn es mein Knie erlaubt, bin ich schon ein sehr aktiver Gassigeher. Aber natürlich muss es auch mit unseren Trainingszeiten passen.

Sie sprechen es an – Sie haben sich am Knie operieren lassen. Mittlerweile wieder alles ausgeheilt?

Ist schon alles ganz ordentlich. Mit Sprints halte ich mich noch etwas zurück, aber ansonsten kann ich wieder alles machen. Ich kann auf dem Platz stehen, die Einheiten leiten. Ich bin zufrieden. Da hat unser Doc Ulf Blecker gute Arbeit geleistet.

Verschleißerscheinungen von den Jahren im Fußball?

Definitiv. Manchmal muss man sich mal wieder etwas flott machen lassen. Man muss ja auch regelmäßig mit dem Auto zum TÜV. Ich habe jetzt meine Plakette für die nächsten fünf Jahre bekommen (lacht).

Vor ein paar Jahren sah es mit der TÜV-Abnahme weniger optimistisch aus. Sie erhielten im April 2003 die Diagnose Krebs.

Das hat damals alles verändert. Der Tumor hatte die Größe eines Tennisballs. Die Überlebenschancen, so sagten sie meiner Frau, würden nur bei fünf Prozent liegen – davon erzählte sie mir aber nichts. Für mich gab es nur das eine Ziel: überleben. Aber natürlich war das mental eine enorme Belastung.

In dieser Zeit sind viele durch das Corona-Virus verunsichert – auch viele Ihrer Spieler suchen bei Ihnen Rat. Von wem aber bekommen Sie Hilfe?

Das ist wirklich eine gute Frage. Sehen Sie, auch Anführer müssen manchmal ihren Akku aufladen und sich Rat holen. Ich rede viel mit meinen engsten Mitarbeitern und natürlich unserem Mentalcoach Axel Zehle. Das hilft.

Sie sind in der DDR groß geworden und damit in einem Land, in dem die Freiheiten beschränkt waren.

Und es ist gut so, dass es schon lange anders ist. Ich bin keiner, der sich permanent mit der Vergangenheit beschäftigt. Ich habe mit der Zeit abgeschlossen. Ich bin aber froh und stolz, dass ich das Privileg gehabt habe, zwei politische Systeme erlebt zu haben.

Um das eine mehr schätzen zu können als das andere?

Definitiv schätze ich das jetzige System mehr als das, in dem ich geboren bin. Mir wurden aber auch damals gute Dinge ermöglicht, wie die Kinder- und Jugendsportschule. Wenn ich diese nicht durchlaufen hätte, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Es gibt also auch eine gewisse Dankbarkeit für einige Dinge.

Haben Sie trotz Corona etwas vom rheinischen Frohsinn entdecken können?

Leider viel zu wenig. Als ich unterschrieben habe, hatte ich mich so auf den Karneval gefreut. Doch dann kam Corona. Ich komme ja aus Sachsen. Und da sehe ich viele Ähnlichkeiten zu den Menschen in Düsseldorf. Die Leute gehen gerne mal ein Bier trinken, reden gerne, sind einfach gesellig, sind emotional. Von daher bin ich die Mentalität von früher aus Leipzig gewohnt.

Wie definieren Sie Heimat?

Ich habe mich schon oft heimisch gefühlt. Heimat ist für mich, wenn meine Frau, meine Kinder in der Nähe sind. Ganz generell bin ich Europäer. Ein Sohn spielt in den Niederlanden Fußball, der andere studiert normalerweise in New York, er ist wegen Corona aber auch zurzeit bei uns. Das ist ein großes Privileg. Ich genieße das, solange es geht.

In den ostdeutschen Bundesländern sehen das viele anders und wünschen sich offenbar deutlich mehr Nationalstaat. Warum ist das so?

Ich kann nur für mich sprechen, ich habe Freiheit gelebt. Ich habe Möglichkeiten gehabt, zu reisen, in England zu arbeiten, mit einer Norwegerin verheiratet zu sein. Ich habe etwas erlebt. Man muss aber auch für neue Dinge bereit sein. Und ja, natürlich finde ich es erschreckend, wenn man den Eindruck gewinnt, Fremde seien in Teilen von Deutschland nicht willkommen.

Was wäre das erste, was Sie in die Pfanne hauen würden, wenn Ihre Frau sagt: „Schatz, ich habe mir beide Hände gebrochen, du musst die nächste Zeit kochen“?

Das geht schon mal gar nicht. Dann wird bestellt. Ich kann gar nicht kochen. Meine Frau macht das sehr gut. Ich kann maximal unfallfrei den Lieferservice anrufen.

Sind Sie auch selbst Fußball-Fan?

Definitiv. Wenn Manchester City spielt, dann sitze ich gebannt vor dem Fernseher. Es ist einfach ein wunderschöner Fußball, der unter Pep Guardiola gespielt wird.

Sind Sie neidisch darauf, nicht den Fußball spielen zu können, wie es für Manchester City möglich ist?

Wenn ich eines gelernt habe, dann ist es, dass die Herausforderungen, mit denen ein Trainer in der Kreisliga, ich bei der Fortuna oder Guardiola bei City konfrontiert werden, alle die gleichen sind. Es geht um Menschenführung, Beziehungen im Verein. Das ist überall gleich. Je höher du arbeitest, werden die Dinge nur öffentlicher ausgetragen.

Aber es gibt ja dann doch aufgrund der individuellen Klasse Unterschiede.

Aber es liegt an mir, immer wieder Lösungen zu finden. Jeden, soweit es geht, an seine Leistungsgrenzen zu bringen. Ich will die Spieler besser machen, und dann gucken wir, wo wir am Ende landen. (gic)

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