Historische Serie

Universiade 1989: Duisburg probt die Olympischen Spiele

Weltklasse im Hochsprung bei der Universiade: Hier die später für Deutschland startende Rumänin Alina Astafei.

Weltklasse im Hochsprung bei der Universiade: Hier die später für Deutschland startende Rumänin Alina Astafei.

Foto: imago sport

Duisburg.  Den olympischen Ringen war Duisburg schon einmal ganz nah. Im August 1989 stand der Sportpark Wedau neun Tage im Zeichen der Universiade.

Eine einzige Person unterstrich im sommerlichen August 1989, warum Duisburg sportlich plötzlich im weltweiten Fokus stand. Juan Antonio Samaranch hatte sich extra auf den Weg in die einstige Arbeiterstadt am westlichen Rand des Ruhrgebiets aufgemacht, um beim Auftakt der 15. Universiade dabei zu sein. Der autokratisch regierende Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte die Position kurz vor dem Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau übernommen. Mitten in der größten Krise.

Der umtriebige Katalane aus Barcelona, der 2010 im Alter von 89 Jahren verstarb, kommerzialisierte nicht nur die Spiele. Er versuchte auch so, Städte und Regionen wieder als Gastgeber für das größte Sportspektakel der Welt hinter der Fußball-WM zu begeistern. Duisburg und die Region Rhein/Ruhr schien Samaranch da als tauglicher Testballon, für den es gerade einmal fünf Monate an Organisationszeit gab, durchaus geeignet.

Oberbürgermeister Josef Krings, über seine Amtszeit von 1975 bis 1997 hinaus ein prägendes Gesicht der Stadt Duisburg, war in seiner Schaffenszeit zwar eher stets der Kultur zugetan. Die Universiade verstand der Duisserner SPD-Politiker aber durchaus als Chance, IOC-Chef Samaranch die Rhein-Ruhr-Region als olympischen Standort schmackhaft zu machen.

Delegation aus Barcelona

Bei der Leichtathletik, beim Fechten, beim Rudern, beim Basketballturnier stand zwar Universiade auf der Eintrittskarte. Es steckte aber auch eine Menge olympischer Spitzensport drin, der vom 22. bis 30. August 1989 den fast 500.000 Besuchern geboten wurde. Samaranch entging weder die exzellente Organisation noch der Sportmix auf dem kleinen Raum des Sportparks Wedau. Oder etwa die starke mediale Präsenz. Selbst eine üppige Delegation der Sommerspiele 1992 aus Barcelona überzeugte sich vor Ort über Olympia im Kleinen.

Samaranch blieb bei seiner Stippvisite zurückhaltend. Ebenso der damalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), Willi Daume. „Wenn Olympia an Rhein und Ruhr, dann geht es nur mit Düsseldorf“, versicherte Daume nach neun Tagen Universiade. Samaranch war da längst abgereist.

Die nächsten Sommerspiele seinerzeit gingen an Barcelona, an Atlanta mit Hauptsponsor Coca-Cola, an Sydney, an Athen. Bis heute sind die Spiele an Rhein und Ruhr über Wunschdenken nicht hinaus gekommen. Näher dran an Olympia mit dem Besuch des IOC-Chefs im alten Wedaustadion war zumindest Duisburg seither nicht mehr.

Mit Roger Kingdom und Javier Sotomayor

Ein zweiter großer Wunsch von OB Krings ging im Rahmen der Universiade in Erfüllung. Dies blieb auch deshalb im Gedächtnis haften, weil sich Krings einen freud’schen und deshalb verzeihbaren Versprecher leistete. Den olympischen Doppel-Olympiasieger im 110-Meter-Hürdenlauf kündigte Krings in der Abschluss-Pressekonferenz vor dem Universiade-Start markant als „Roger Kingston“ an. Dabei hieß der Muskelmann aus Vienna im US-Bundesstaat Georgia doch Kingdom. Kingdom wie Königreich. Nicht Kingston wie die Hauptstadt der Karibikinsel Jamaika.

Der Weltrekordhalter von 1992 fand das wenige Tage später eher amüsant, lutschte dabei vor den Mikrofonen der Fernsehsender an seinem Kirsch-Lolli und versicherte nur ganz trocken: „Ich bin hier, um zu gewinnen. Die Zuschauer wollen sicher etwas sehen.“

25.000 waren im Wedaustadion dabei, als Kingdom allen Konkurrenten die Hacken zeigte. Florian Schwarthoff, damals bester deutscher Sprinter, wurde mit Bronze dekoriert. Dazu kämpften Weltrekordhalter Javier Sotomayor aus Kuba und die Rumänin Alina Astafei im Hochsprung mit einer glitschigen Bahn. Siebenkämpferin Sabine Braun gewann Silber mit Deutschem Rekord, die deutsche Sprintstaffel holte Bronze.

Konrad organisiert Leihboote

Im Blickweite von der Stadiontribüne war die Regattabahn bei diversen deutschen Rudersiegen prächtig gefüllt. Regattaleiter Werner Konrad hatte, weil einige Teilnehmer ohne Gerätschaft angereist waren, 76 Leihboote organisiert. „Hier ist ja mehr los als bei der WM“, erklärte ein glücklicher Werner Konrad, der 2015 mit 94 Jahren verstarb.

Im Sportpark-Getümmel traf man US-Aktivensprecher Harvey Glance, Sprint-Olympiasieger von 1976 über 100 Meter. Oder etwa den kubanischen Delegationsleiter Albert Juantorena, der ebenfalls in Montreal über 400 und 800 Meter gold-reif sprintete.

93 Nationen erfreuten sich an beschwingten, friedlichen und doch aufregenden Tagen. Ghana meldete wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier als letztes Land. Die Studenten Lawrence Tetteh und Eric Ansgar wollten beim Schwimmen mitmachen. Mangels Becken und Wettbewerben stiegen die Westafrikaner auf die Leichtathletik um. Mit dabei war das Duo dann auch beim Einmarsch der Nationen wenig später. Fahne und Namensschildchen wurden in Windeseile besorgt. Viel mehr olympischer Geist bei der Universiade ging nicht.

Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet Spiele

Übrigens: Die Organisation der Universiade vor 31 Jahren war ein Meisterwerk. Der Allgemeine Deutsche Hochschulsportverband mit seinem damaligen Generalsekretär, dem Juristen und Langstreckler Till Lufft, hatte mit der Stadt Duisburg nur 153 Tage Vorlaufzeit, um die Studentenspiele zu retten. Dank zahlloser Helfer und vieler Studenten der nahe Universitäten gelang das Kunststück. Fünf Monate vor dem Starttermin waren die Organisatoren von Sao Paulo/Brasilien kurzerhand abgesprungen.

Duisburg stemmte ein abgespecktes, aber sportlich hochklassiges Programm zu großen Teilen im Sportpark Wedau. Dort gab es in Laufweite drei Sportarten auf Weltklasseniveau zu sehen: Leichtathletik im Wedaustadion, Rudern auf der Regattabahn und Fechtwettbewerbe in der Wedau-Eishalle. Dazu liefen die Basketballspiele in Duisburg, Düsseldorf, Hagen, Moers, Gelsenkirchen und Bottrop.

Heide Ecker-Rosendahl trägt die Fackel

Bei der Eröffnungsfeier trug als Schlussläuferin Heide Ecker-Rosendahl, Doppel-Olympiasiegerin mit der Sprint-Staffel und im Weitsprung von München 1972, die Studentenfackel nach einem 500 Kilometer langen Lauf über die 26 Hochschulstandorte des Ruhrgebiets ins Wedaustadion.

Nach der farbenfrohen Eröffnungsfeier vor 30.000 Zuschauern gab Bundeskanzler Helmut Kohl den Startschuss für neun fröhliche Sport- und Festtage.

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