Interview

Moskitos-Chef Böttcher warnt: „Verein noch nicht gerettet“

Beim Amtsantritt konnte Moskitos-Chef Thomas Böttcher noch strahlen. Inzwischen sind eher Sorgenfalten an der Tagesordnung.

Beim Amtsantritt konnte Moskitos-Chef Thomas Böttcher noch strahlen. Inzwischen sind eher Sorgenfalten an der Tagesordnung.

Foto: Michael Gohl

Essen.  Moskitos-Chef Thomas Böttcher kritisiert Vorgänger, nicht seriös gewirtschaftet zu haben. Er spricht von Herausforderung und schildert den Plan.

Einen Neuanfang. Den hatte Thomas Böttcher den Mitgliedern der Wohnbau Moskitos versprochen, als er Anfang März zum Ersten Vorsitzender des ESC gewählt wurde. Doch nur wenige Wochen später ist die Aufbruchsstimmung am Westbahnhof gänzlich verflogen. Der Essener Eishockey-Klub wurde von seiner Vergangenheit eingeholt, ist wieder mal finanzielle Schieflage geraten und startet zukünftig in der Regionalliga West. Also der nächste Neuanfang. Thomas Böttcher bezieht Stellung.

Thomas Böttcher, wie fällt Ihr Fazit nach knapp drei Monaten als Erster Vorsitzender der Moskitos aus?

Vieles lief positiv. Nach der Mitgliederversammlung haben wir eine große Euphorie verspürt und damit begonnen, den Verein neu zu strukturieren, weiterzuentwickeln und die wirtschaftliche Konsolidierung voranzutreiben. Dieser Punkt ist zuletzt etwas ins Wanken geraten. Denn die Moskitos haben mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

Verbindlichkeiten innerhalb von Tagen drastisch gestiegen

Warum?

Vor meinem Amtsantritt wurde ich darüber informiert, dass der Verein Verbindlichkeiten hat. In den vergangenen Tagen sind diese allerdings drastisch gestiegen, bis in den sechsstelligen Bereich. Viele Gläubiger sind mit alten Rechnungen auf uns zu gekommen, die bis heute nicht beglichen wurden. Dazu hat die Berufsgenossenschaft ihre Beiträge signifikant erhöht. Und aufgrund der Corona-Krise sind rund 45.000 Euro an eingeplanten Sponsorengeldern nicht geflossen. Natürlich haben wir volles Verständnis für unsere Partner, sie trifft keine Schuld. Aber uns fehlt nun mal Geld, das wir fest eingeplant hatten.

Muss man nicht damit rechnen, dass ein Verein wie die Moskitos von Altlasten gedrückt wird?

Ich kann diese Kritik jedenfalls nachvollziehen, da die Moskitos ein Verein sind, der wirtschaftlich seit vielen Jahren nicht gesund aufgestellt ist. Wenn auf einer Jahreshauptversammlung keine Zahlen und Bilanzen vorgelegt werden, sollte man sich schon seine Gedanken machen. Dass es solche Ausmaße annimmt, damit haben wir allerdings nicht im Entferntesten gerechnet - und das konnten wir auch gar nicht. Fakt ist: Wäre hier in den vergangenen Jahren seriös gewirtschaftet worden, dann wären wir jetzt nicht in dieser Lage. Das macht mich extrem wütend!

Schon nach wenigen Wochen schlaflose Nächte

Wie haben Sie persönlich die vergangenen Tage erlebt?

Ich bin nicht glücklich mit der Situation. Dass ich als Vorsitzender der Moskitos vor der größten Herausforderung meines Lebens stehe, war mir im Voraus bewusst. Allerdings hätte ich niemals damit gerechnet, schon nach wenigen Wochen schlaflose Nächte zu haben. Zumal ich als Vorstandsvorsitzender vollumfänglich in der Haftung stehe.

Am Freitag haben Sie leichte Entwarnung gegeben. Wie ist es nun um den ESC bestellt?

Der Verein ist noch nicht gerettet! In der vergangenen Woche haben Simone Wettstein (Schatzmeisterin der Moskitos, Anm. d. Red.) täglich bis in die Nacht Gespräche mit unserem Hauptsponsor Wohnbau eG, Teilen des Aufsichtsrats und unseren Partnern geführt. Wir hoffen nun auf weitere Unterstützung und haben teilweise bereits positive Signale erhalten. Verbindliche Zusagen gibt es aber noch nicht. Gleichzeitig versuchen wir, neue Erlösquellen zu generieren. Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir uns entschieden haben, in der Regionalliga anzutreten. Dadurch können wir Einsparungen in Höhe von mindestens 200.000 Euro einnehmen.

Start in der Regionalliga ist ein Rückschritt

Wie bitter ist der Rückzug aus der Oberliga in sportlicher Hinsicht?

Sehr, denn eigentlich wollten wir den Verein in den kommenden Jahren wieder zu einer Top-Adresse in der Oberliga entwickeln. Die Planungen für die kommende Saison waren bereits weit fortgeschritten. Die Oberliga ist unser Zuhause, hier haben die Moskitos in den vergangenen Jahren durchaus erfolgreich abgeschnitten. Dass wir nun für die Regionalliga melden, ist ein großer Rückschritt, aber es führt kein Weg daran vorbei. Ansonsten bestünde die Gefahr, dass wir im Herbst unseren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Das darf keinesfalls passieren, schließlich sind wir für den Gesamtverein, dem auch rund 150 Nachwuchsspieler angehören, verantwortlich.

Was passiert mit den neun Spielern, die bereits unter Vertrag stehen?

Das werden Gespräche in den kommenden Tagen zeigen. Es wird sicherlich Spieler geben, die kein Interesse daran haben, für weniger Geld eine Liga tiefer zu spielen. Dafür habe ich volles Verständnis. Schließlich müssen die Spieler ihren Lebensunterhalt verdienen und teilweise Familien ernähren.

Trainer Frank Petrozza geht den Weg mit

Wie sieht es mit Frank Petrozza, Chefcoach und Sportlicher Leiter der Moskitos, aus?

Er hat sofort klargestellt, dass er auch in der Regionalliga dabei bleibt. Das ehrt Franky sehr, zumal er sich auch an die Situation anpasst. Er ist zweifelsohne der richtige Mann für diesen Job. Er hat bereits mehrfach - unter anderem in seiner Zeit beim Herner EV - bewiesen, dass er eine Mannschaft mit jungen Spielern entwickeln und das Maximus aus einem geringen Etat herausholen kann.

Welche Rolle sollen die Moskitos in der Regionalliga spielen?

Wir werden einen jungen, konkurrenzfähigen Kader stellen und unseren Zuschauern guten Sport bieten, auch wenn das Niveau etwas schwächer als in der Oberliga sein wird. Dass der EV Duisburg auch in der vierten Liga an den Start geht, garantiert uns immerhin spannende Derbys. Noch ist ja gar nicht klar, wann und mit welchen Teilnehmern die Liga beginnen wird. Wenn ich sehe, welche Regionalligisten jetzt Unterlagen für die Oberliga eingereicht haben, frage ich mich schon, warum diese Klubs in der Vergangenheit nicht von ihrem Aufstiegsrecht als Meister Gebrauch gemacht haben.

Moskitos brauchen die Fans mehr denn je

Die Anhänger der Moskitos haben viel durchgemacht, ihr Vertrauen wurde mehrfach missbraucht. Sorgen Sie sich, dass sich viele Fans nun endgültig vom Verein abwenden?

Fakt ist, dass sich eine Misswirtschaft immer rächt. Jetzt müssen wir die Fehler von früher ausbügeln. Ich kann nur appellieren, dass die Fans die Moskitos weiterhin unterstützen. Im Vorstand tun wir alles, um den Verein endlich auf eine seriöse Basis zu stellen. Aber dafür brauchen wir natürlich auch unsere Fans auf den Rängen, wenn die Liga irgendwann beginnt.

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