Heinrich Thyssen erfüllt sich Lebenstraum

Heinrich und Agnes Thyssen aus Kleve wurden von „Eurofighter“ -Kapitän Olaf Thon höchstpersönlich in der Arena empfangen.

Heinrich und Agnes Thyssen aus Kleve wurden von „Eurofighter“ -Kapitän Olaf Thon höchstpersönlich in der Arena empfangen.

Foto: stefan bunse

Kleve/Gelsenkirchen.  Das hatte er sich so gewünscht: Einmal in der Schalker Arena seine Lieblinge sehen! Nun ist für Heinrich Thyssen ein Traum in Erfüllung gegangen.

Vor 70 Jahren lieh sich Heinrich Thyssen in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn eine leere Bierkiste. Darauf stellte er sich, um seinen Lieblingsverein FC Schalke 04 spielen zu sehen. Das Pfand von 5 D-Mark – damals viel Geld für den Heranwachsenden – steckte sich der findige Verleiher ein und machte sich mit der Kohle aus dem Staub. „Auf Schalke“ ging Thyssen danach nie wieder. Jetzt hat sich der 90-Jährige Klever einen Lebenstraum erfüllt und zum ersten Mal wieder ein Spiel der Knappen besucht.

Wir schreiben das Jahr 1948 oder 1949. So ganz genau weiß Thyssen das nicht mehr, denn in der Erinnerung verschwimmen die Zeiten. 1943 hatte der Donsbrügger bei Unilever (Thyssen: „Für mich heißt die Firma immer noch Margarinenwerke Van den Bergh oder Margarine-Union“) eine Lehre als Schlosser angefangen. Am 7. Oktober 1944 wurde das Firmengelände bei einem Bombenangriff fast vollständig zerstört, die Lehre unterbrochen. „Die haben alles kaputt geschmissen“, erinnert sich Thyssen und gibt erleichtert zu: „Zum Glück ist das alles lange her“.

Auf jeden Fall waren 5 Mark kurz nach der Währungsreform 1948 eine Menge Holz. Eigentlich wollte sich Thyssen davon in Gelsenkirchen eine Bratwurst, Getränke oder Bonbons kaufen. Um Fahrkosten zu sparen, legte er die Strecke vom Niederrhein auf der Pritsche eines Milchwagens hockend zurück. Die Eintrittskarte für die Glückauf-Kampfbahn hatte er sich zusammengespart. Doch es kam dann doch ganz anders.

Doch wie ist der Klever in frühester Kindheit überhaupt S04-Anhänger geworden? Zuhause lebte er mit drei Brüdern beengt in einem Zimmer. Zur Großfamilie gehörten neben den Eltern noch fünf Schwestern. Er ist das jüngste Kind. Aufbaujahre, Entbehrung. Sein ganzer Schatz war ein Foto der Schalker Mannschaft. Es hing im Kinderzimmer direkt über dem Weihwassertöpfchen und dem Bild vom letzten Abendmahl, an dem die vier Jungs nicht vorbei gehen durften, ohne sich zu bekreuzigen.

Der Szepan von Warbeyen

Das kongeniale Schwager-Duo Ernst Kuzorra und Fritz Szepan, die Erfinder des legendären Schalker Kreisels, hatte es ihm angetan. „Wenn wir Freizeit hatten, haben wir nur gekickt“, erzählt Thyssen. „Ich war meistens Fritz Szepan.“ Er war sein Lieblingsspieler. Doch Thyssen hat auch selbst im Verein Fußball gespielt. „Ich weiß noch, dass wir damals sonntags immer erst in die Kirche gehen mussten, danach erst durften wir auf den Sportplatz zum Spiel.“

Bis zum 55. Lebensjahr spielte der Klever beim VfR Schwarz-Weiß Warbeyen. Zuletzt mit allen drei inzwischen verstorbenen Brüdern bei den Alten Herren.

Aus Geldnöten hatte er es in seiner Jugend nur dieses einzige Mal in die Glückauf-Kampfbahn geschafft. Nun stand er dort auf den proppenvollen Stehrängen und sah: Nichts. Was tun? Ein windiger Verleiher bot ihm an, eine leere Bierkiste zu mieten. Kuzorra statt Klümpchen. Nach dem Spiel würde er das Geld zurückbekommen. Dass sich Fans auf Getränkekisten stellten, war damals den Erzählungen nach durchaus üblich. Ob dabei auch Geschäfte gemacht wurden, lässt sich nicht mehr verifizieren. Doch beim Abpfiff war der Händler längst über alle Berge. Dafür lagen an der Stelle mehrere Kisten auf einem Haufen. Wütend schmiss Thyssen seine dazu, schreibt der „Schalker Kreisel“, der dem „ewigen S04-Fan“ eine eigene Geschichte widmete.

Sein Leben danach im Zeitraffer: „Arbeit, Arbeit, Arbeit“, sagt Thyssen. Erst keine Kohle, dann keine Zeit mehr für den S04. Er baute für sich und seine Familie ein Eigenheim, einen Gemüsegarten und eine Kaninchenzucht auf, schaffte es höchstens mal über die Grenze in die Niederlande zum Einkaufen. Nur am Samstagabend war Ruhe. Dann drückte und drückt er seinen „Königsblauen“ in der Sportschau die Daumen.

So vergingen Jahre und Gesundheit. Aber die Sehnsucht blieb. „Einmal noch Schalke sehen“, wünschte sich der inzwischen 90-Jährige sehnlichst. Im September beim 3:0 der „Knappen“ gegen Hertha BSC Berlin ging der Traum in Erfüllung. „Schalke 04 ist alles für meinem Mann“, sagt Agnes Thyssen. 65 Jahre sind die beiden verheiratet. Längst ist sie selbst mit dem blau-weißen Virus infiziert.

Frau Agnes zum ersten Mal im Stadion

Sie war zum ersten Mal in ihrem Leben bei einem Fußballspiel in einem großen Stadion. Und völlig aus dem Häuschen. „Es war überwältigend. Der FC Schalke 04 hat sich so viel Mühe gegeben, meinem Mann diesen Wunsch zu erfüllen, das war beeindruckend“, war Agnes Thyssen voll des Lobes für den Ruhrpott-Klub. Als sie dann noch ihrem Lieblingsspieler Olaf Thon die Hand schütteln durfte, war es um die 89-Jährige geschehen.

Zu Hause in Kleve angekommen nahm Heinrich Thyssen seinen neuen S04-Schal in die Hand und vergoss die eine oder andere Träne vor Glück. So hatte ihn seine Familie noch nie gesehen. Es stimmt wohl: „Einmal Schalke, immer Schalke“. Oder: „Blau und Weiß ein Leben lang“.

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