Serie: Mein größter Tag

Als die Nationalhymne für Biele erklingt

Christian Biele gewinnt Gold bei der Polizei-EM.

Christian Biele gewinnt Gold bei der Polizei-EM.

Foto: privat

Attendorn.  Laufen ist Christian Bieles Welt. Besonders erfolgreich läuft es für den Attendorner bei der Polizei-EM in Donesk. Bieles größter Tag.

Welcher engagierte Sportler – und das gilt für alle gleichermaßen, die sich mit viel Herzblut und höchstem Engagement ihrer Sportart widmen – träumt nicht davon, bei internationalen Großereignissen einmal ganz oben auf dem Podium zu stehen? Der Beste zu sein unter seinesgleichen, ein „Primus inter Pares“.

„Mein Ziel war es immer, einmal den Bundesadler auf der Brust zu tragen und für Deutschland zu starten, mein Land sportlich zu repräsentieren“, macht der Attendorner Christian Biele aus seinem Herzen keine Mördergrube, um dann aber sofort einzuschränken, „was mir jedoch nur indirekt gelang“. Bescheidenheit, aber auch eine realistische Einschätzung der Konkurrenz macht sich da breit.

Doch der heiß ersehnte Bundesadler auf der Brust allein reichte natürlich nicht, um den ehrgeizigen Polizisten zufrieden zu stellen. Er trug das bundesdeutsche Hoheitsemblem nicht nur auf der Brust, sondern auch in seinem Herzen. Denn wie sonst erklärt es sich, dass der Klang der Nationalhymne große Emotionen im fernen Donezk in der Ukraine hervorrief.„Einigkeit und Recht und Freiheit“ – das sind doch genau die Werte, die er nicht nur als Normalbürger verinnerlicht, sondern beruflich gegen die Feinde der Demokratie vereidigen muss.

Stolzer Moment

Daran dachte Christian Biele in dem emotional wohl bewegendsten Moment seiner sportlichen Laufbahn nicht. Es war der Lohn für den Titel über 3000 Meter Hindernis bei den Polizei-Europameisterschaften im fernen Donezk. „Bei so etwas ist man ganz schön stolz auf sich selbst und sein Land, es ist eine unbezahlbare Ehrung.“

Doch der Weg zu nationalen und internationalen Einsätzen und Meriten war wenig geradlinig, nachdem er mit etwa 11 Jahren mit der Leichtathletik begonnen hatte – und nach nur drei Jahren auch fast schon wieder beendet hätte sein können.

„Da stand mein Werdegang in der Leichtathletik auf der Kippe“, schaut der gelernte Werkzeugmechaniker auf die Anfänge zurück. „Ich war der einzige Junge in der Trainingsgruppe des LC Attendorn, der Rest waren nur junge Mädchen im Alter von sechs bis elf Jahren. Ich hatte keine Lust mehr auf Fangenspielen und Hula Hoop.“

Mit Handball begonnen

Da ergriffen ältere Aktive wie Bernd Strotkemper und Edgar Dahle, um nur einige zu nennen, die Initiative, die auch das vielseitige Talent des jungen Mannes erkannten. „Sie nahmen mich zur Seite und trainierten von da an mit mir spezifische Leichtathletik“, erinnert sich Biele an die Anfänge. „Ich lernte Hürdenlauf und Hochsprung, da kam ich als B-Jugendlicher auf 1,85 Meter, und den 200 Gramm-Ball warf ich wenig später auf 94 Meter.“„Springen und Werfen konnte ich aufgrund meiner aktiven und auch recht erfolgreichen Handballzeit als Rückraumspieler bei der SG Attendorn/Ennest.

Aber gleichzeitig kristallisierte sich eine gewisses Talent für den Mittel- und Langstreckenlauf heraus.“ Wohin mit diesem Potenzial? Zehnkampf? „Dafür reichte meine Grundschnelligkeit nicht aus.“ Speerwurf? „Vielleicht.“

„Ich entschied mich, voll auf die Leichtathletik zu setzen und beendete meine aktive Zeit bei der SG Attendorn/Ennest, was mir nicht leicht fiel. Aber ich war beim Laufen einfach erfolgreicher und gehörte seit 1999/2000 dem Landeskader Lauf/Hindernislauf in Westfalen an.“

Ausbildung und Sport kombinieren

Und damit war sein weiterer sportlicher Weg klar vorgegeben. Kein Zehnkampf. Kein Speerwurf. Es war die Zeit, in der der Absolvent mit Fachoberschulreife an seiner beruflichen Ausbildung als Werkzeugmechaniker bastelte. Aber er bastelte auch an seiner leichtathletischen Karriere – und beides „natürlich“ mit Erfolg. Denn was Christian Biele in die Hand nimmt, will er richtig machen.

War es einerseits der Abschluss auf der Fachoberschule (Technik und Metall) mit dem Erwerb der Fachhochschulreife, so beeindruckte er andererseits 2004 den damaligen Bundestrainer (Marathon und Hindernis) Dieter Hermann sowie Dieter Fromm – für die DDR zweimaliger Olympiateilnehmer, Europameister und einer der weltbesten 800-Meter-Läufer um 1970.

„In dieser Zeit, nämlich 2003 und 2004, sah mich Dieter Hermann bei den Deutschen Juniorenmeisterschaften, als ich Platz 6 bzw. 4 belegte. Er war von meiner Art zu laufen und meinem Kampfgeist beeindruckt. Kurze Zeit später klingelte zu Hause das Telefon und er wollte mich in seinem Athletenteam in Erfurt haben.

Ein weiterer Besuch in Attendorn folgte und ein Probetraining für zwei Wochen in Erfurt. „Dieter Hermann war beeindruckt, was ich als damaliger Handwerker, Werkzeugmechaniker, mit nur sechs- bis siebenmaligem Training pro Woche sportlich alles geleistet hatte, ohne jede sportliche Förderung.“

Optimale Unterstützung in Erfurt

Biele erinnert sich noch genau an seine ersten Eindrücke als er nach Erfurt kam: „In Erfurt angekommen war ich sofort von der Unterstützung, der Einstellung der Athleten und der Trainer begeistert. Alles war dem Sport untergeordnet. Man merkte die ostdeutsche Mentalität hinter dem Ganzen. Die Trainer wurden mit „Sie“ angesprochen und es wurde nicht viel geredet, sondern einfach gemacht bzw. im Training hart gearbeitet. Die Trainingsbedingungen waren optimal“, schwärmt der Attendorner heute noch.

Dort gewann der Attendorner und Neu-Erfurter Einblick in moderne Trainingsmethoden und –wissenschaften. In dem Zeitraum von 2005 bis 2009 hatte er aber auch seine berufliche Veränderung im Blick. „In Thüringen fand ich meine Bestimmung für den Beruf des Polizeibeamten und erhielt vier Jahre eine Sportförderung. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit und Unterstützung.“ Auch sportlich konnte er über den Tellerrand hinausschauen.

„Unter anderem war mein Zimmergenosse und Kollege der Radprofi John Degenkolb, ein toller Typ als Person und super ehrgeizig. In dieser Zeit waren die Radprofis Marcel Kittel und Toni Martin gute Kollegen, die ebenfalls eine Sportförderung bei der Polizei in Thüringen erhielten.“

Mitte September Papa geworden

Auch wenn sich aufgrund von Problemen mit seinem Trainer, dem Olympiastützpunkt Thüringen und dem Landesdisziplintrainer die Wege trennten, zieht der heutige Polizeikommissar ein bemerkenswertes Fazit: „Es war für mich mit 22 Jahren das prägendste Ereignis. Ich war alleine in einer fremden Stadt und musste mir ein neues Umfeld und Leben aufbauen, was sich nicht selten als schwierig gestaltete. Schlussendlich hängt immer noch ein Teil von mir in Thüringen und besonders in Erfurt, einer tollen Stadt. Ich denke sehr gerne an die erfolgreiche und schöne Zeit zurück.“

Und sicher auch an die Nationalhymne, die einmal zu seinen Ehren intoniert wurde. Mittlerweile hat sich für Christian Biele der Blick auf seinen größten Erfolg relativiert: „Mit der Geburt meines bzw. unseres Sohnes Philipp Mitte September wurden meine sportlichen Erfolge weit übertroffen“, versichert Biele. Absolut nachvollziehbar,

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