Laufen

Lydia Heuel: Dublin-Marathon in weniger als vier Stunden

Lydia Heuel (Mitte)  mit dem Lauftreff Bigge-Lenne.

Lydia Heuel (Mitte) mit dem Lauftreff Bigge-Lenne.

Foto: volkher pullmann

Attendorn.  Von einem zwanglosen Lauftreff zum Marathon nach Dublin: Lydia Heuel aus Neu-Listernohl läuft für ihr Leben gern.

Irgendein Sonntag. 10 Uhr. Parkplatz am Lister Yachtclub. Ein gutes Dutzend junggebliebener, vor allem sportlicher Ü50, die sich zwanglos zur Bewegung an Bigge und Lister treffen. „Hier gibt es keine Hierarchien“, erläutert der „Siebziger“ Heinz-Werner Köster, in der Szene besser unter HWK bekannt, „es ist ein völlig freier Zusammenschluss, ein zusammengewürfelter Haufen.“

Und doch spielt sich an diesem Sonntagmorgen etwas Besonderes ab. Eine Athletin wird erwartet. Der Lauftreff formiert sich – und als SIE kommt, ist La Ola fällig. Das „Hej, hej, hej“ übertönt die vereinzelten Motorengeräusche auf der Straße zwischen Olpe und Attendorn. Geräusche, denen die Lauf-Oldies entfliehen wollen. SIE: das ist Lydia Heuel aus Neu-Listernohl.

Glückwünsche und Umarmungen

Die 52-Jährige muss erst einmal Umarmungen und Glückwünsche über sich ergehen lassen. Aber es war nicht ihr Geburtstag. Auch die Geburt ihres ersten Enkelkindes lag schon etwa zwei Monate zurück. Ebenso wenig war es ihr erster Marathon, den sie bewältigt hat. Noch nie war die Spätstarterin der Langlaufszene unter vier Stunden geblieben. Aber verfolgen wir die Chronologie ihres sportlichen Lebensweges, denn am Ende dieses Weges ist es für Lydia Heuel ein Quantensprung: eine Verbesserung von fast einer halben Stunde. Da ist La Ola gerechtfertigt.

„Ich war eigentlich schon immer in Bewegung“, beginnt sie, „aber das Laufen war noch weit weg.“ So um 2000 habe sie ganz klein angefangen. Eine Minute Laufen, eine Minute Gehen. Dann wurden die Laufeinheiten etwas länger. Erst fünf, dann zehn Kilometer. Es folgten Straßenläufe ohne festen Trainingsplan, wie man halt so anfängt. „Die Zeit war für mich unerheblich, ich wollte nur draußen laufen.“

Vereinslos auf die Laufstrecken

Die Vereinslose zog es zum Halbmarathon. Rothaarserie in Fleckenberg, München, Würzburg, Biggesee(halb)marathon. Jetzt hatte sie das Virus voll im Griff. Aber Marathon? „Da hatte ich einen Heidenrespekt vor.“ 2016 war’s dann soweit. Münster bei 26 Grad. „Leute mit Wasserschläuchen in den Gärten sorgten für Kühlung. Bei Kilometer 38 dann der Mann mit dem Hammer, nur große moralische Unterstützung von außen half mir ins Ziel. 4:02 Stunden.“

2017 in Hannover 4:08 Stunden. 2018 folgten Köln und Oldenburg. Stürze und Verletzungen warfen sie zurück, „aber ich habe mich durchgekämpft, Aufgeben niemals“. Danach Physiotherapie in Lüdenscheid. „Der Osteopath Martin Felgenhauer hat mich nach mehreren Sitzungen hinbekommen. Die Probleme an der Hüfte waren weg. Schmerzfrei. Ich war wieder fit.“

Dehnen ist wichitg

Lydia Heuel hat ihre Hausaufgaben gemacht. „Ich habe gelernt: Dehnen nach dem Lauf ist ungemein wichtig. Für 2019 hatte ich einen festen Plan und ein Ziel: Dublin dank Google und unter vier Stunden.“ Zehn Wochen konsequentes Training lagen vor ihr, vier Mal pro Woche sowie ein Mal Fitness, Ergänzungstraining für Rumpf, Arme, Oberkörper. Dazu keine Süßigkeiten mehr, keine Chips.“ Ergebnis: sieben Kilogramm waren runter. „Ich fühlte mich rundum wohl.“

Dublin konnte kommen. Am letzten Oktober-Wochenende. Organisiert von InterAir (Pohlheim). Vier Tage, Freitag bis Montag. Eine bunte Reisegruppe aus Jena, Dresden, Berlin, auch Österreicher – alle mit demselben Ziel: Marathon. Etwa 25 unter 17 680 Teilnehmern.

Keine Nervosität

„Mein Ziel: 3:45 Stunden.“ Ganz schön mutig bei einer Bestzeit von mehr als vier Stunden. „Ich hatte kein Lampenfieber, war ganz locker. Ich war im Block der 4:15-Läufer, rappelvoll. Ich lief Zick-Zack durch die Meute, ziemlich unökonomisch, aber ich hatte ja eine klare Zeitvorgabe im Auge.“ Ganz entgegen den Empfehlungen der alten Hasen HWK und Horst Normann: „Mach langsam am Anfang, am Ende kannst du Gas geben.“

Als das „Landei“ aus Neu-Listernohl aus dem Pulk raus war, konnte es die riesige Begeisterung der irischen Metropole voll aufsaugen. „Es war unglaublich, ganz Dublin war da auf den Beinen, so schien es zumindest. Blauer Himmel und sechs Grad ließen den Lauf zum Event und persönlichen Spektakel werden. „Good job“ und „Go Lydia go“ – da war so viel Euphorie. „Ich habe es einfach genossen, bin gelaufen und habe mich gefreut.“

Familie verfolgt Rennen

Die Unterstützung von Zuhause hat sie permanent am Oberarm gespürt. „Die haben das doch Online verfolgt, alles hautnah. So wurde ständig meine Position, meine Zeit angeklickt, jede Zwischenzeit registriert. Ich war nie allein. ‚Die Frau ist der Hammer‘, schrieben sie mir.“

„Nein, ich habe das alles eigentlich noch gar nicht so richtig realisiert. Unterwegs war es mir nicht klar, dass ich schnell unterwegs war. Die Angaben mal in Kilometer, mal in Meilen sorgten bei mir schon für einige Verwirrung.“ Doch diese Irritationen waren schnell vorbei – und: „Ich fühlte mich im Ziel einfach nur gut. Alles okay, nicht kaputt. Selbst am Tag danach kaum Muskelkater.“

Erst etwas später fuhr ihr der Schreck in die Glieder. „Was hast du gemacht?“ fragte unser Reiseleiter. Und dann verwies er auf die Zeit: 3:35 Stunden. Eine Verbesserung um 27 Minuten. Unglaublich. Doping? Diese Frage blieb unbeantwortet. Und schon gab es einen Rollentausch in der Reisegruppe. Nicht Lydia Heuel fragte, sondern sie wurde befragt: wie sie das gemacht habe? Plötzlich gab sie anderen Tipps. „Früher habe ich andere bewundert, jetzt werde ich bewundert. Das erfüllt mich mit viel Stolz.“

Sekt und Kuchen für Lauftreff

Zurück an die Bigge. Der neue Star – „nein, das gibt es bei uns nicht“ – öffnet den Kofferraum. Sekt hat sie mitgebracht, auch Kuchen. Aber erst ruft die Pflicht: Laufen. „Es ist eine tolle Gemeinschaft“, gerät HWK immer wieder ins Schwärmen. „Und das soziale Gefüge wächst natürlich durch gemeinschaftliche Aktionen.“

Zur Intensivierung der internen Kommunikation sorgen auch weitere Trips mit ein, zwei Übernachtungen. Auf ihrem Programm standen schon Leipzig, Meißen, die Ahr. So ganz nebenbei kommt auch der Genuss nicht zu kurz. Der Rotwein-Lauf an der Ahr („Ahraton“) oder die Weinberge bei Meißen lassen schon ahnen, was anschließend folgt.

Fazit: Laufen macht süchtig. Lydia Heuel hat Blut geleckt. Für einen Großteil dieser Sucht ist die Familie „Lauftreff Bigge-Lenne“ verantwortlich. Hobbyläufer können dazu stoßen: sonntags, 10 Uhr, Parkplatz Lister-Yachtclub. Ihr Beispiel sollte Vier-Stunden-Läufern Mut machen: es geht schneller, egal welchen Alters.

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