Interview

Marco Cremer: „Das ist aufwändig, nervig, frustrierend“

Joachim Schlüter (links) gratuliert Marco Cremer zur einstimmigen Wiederwahl auf dem Kreisschiedsrichtertag im Frühjahr.

Joachim Schlüter (links) gratuliert Marco Cremer zur einstimmigen Wiederwahl auf dem Kreisschiedsrichtertag im Frühjahr.

Foto: Lothar Linke

Kirchveischede.  Marco Cremer, Vorsitzender des Kreisschiedsrichter-Ausschusses, fand einige kritische Worte zu Entwicklungen im Schiedsrichterwesen.

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Aber es gab auch Erfreuliches.

Fangen wir mit dem Positiven an, Herr Cremer. Was ist gut gelaufen?

Marco Cremer: Positiv war auf jeden Fall, dass wir mal wieder einen Aufsteiger in die Landesliga gehabt haben mit Mika Arlitt. Er hat jetzt vier Spiele in der Klasse gepfiffen und ist da gut angekommen. Sehr gut sogar. Er hatte keine Probleme bei den Spielen und hat einen guten Eindruck hinterlassen.

Am Sonntag hatte er ein Spiel?

Genau. Er hatte ein Spiel zwischen SV Wanne gegen IG Bönen in der Landesliga 3. Da war ich sein Assistent und Sebastian Weber. Er kommt da gut klar, hat keine Probleme, den Sprung zu schaffen, denn der ist von der Bezirksliga in die Landesliga nicht ganz ohne. Weil: Du hast erstmalig Assistenten. Das ist schon etwas neu.

Was ist Ihnen noch positiv in Erinnerung geblieben?

Ganz klar das Kreis-Sportgericht. Und die Konsequenz, mit der es vorgeht gegen teilweise schlimme Dinge. Das, was ich da bei der Verhandlung zum Spiel Attendorn II gegen FC Olpe gehört habe, war unter aller Kanone. Es ist ganz, ganz begrüßenswert, dass das Sportgericht klare Grenzen zieht und gegen Vereine vorgeht, deren Spieler keinen Respekt haben vor dem Gegner, vor dem Schiedsrichter und vor dem Spiel an sich. Um es mal so zu sagen: Dass das Fußballvolk konsequent vor denen geschützt wird. Zum Teil werden da Märchenstorys aufgetischt, aber zum Glück hat das Sportgericht harte Urteile gefällt. Es ist wichtig, dass die Schiedsrichter wissen: Sie sind nicht alleine.

Dass mit Winfried Alterauge ein jahrzehnte lang aktiver Schiedsrichter und Schiedsrichter-Obmann in der Kammer sitzt, ist da sicher nicht von Nachteil, oder?

Das ist zumindest kein Nachteil aus Schiedsrichtersicht, klar. Winfried muss da natürlich neutral sein. Aber wenn da eine solche Perspektive reinkommt, dann ist das sicher nicht schlecht.

Was hat Sie geärgert?

Ich sag mal so: Gesellschaftliche Veränderungen machen weder vor den Vereinen halt, noch vor Arbeitgebern oder Lehrern, noch vor Schiedsrichter-Ausschüssen. Das nun mal eine andere Generation heute, die teils geprägt ist von Unzuverlässigkeit und mangelndem Pflichtbewusstsein, das muss man schon so sagen. Das ist schon sehr betreuungsintensiv.

Was heißt das?

Sebastian Weber, der die Ansetzungen macht, der muss da teilweise sozialpädagogische Arbeit leisten. Das muss man leider so sagen. Wenn du sonntags morgens einen Anruf bekommst und da meldet sich einer krank, und du weißt, der ist nicht krank, der hat nur keinen Bock, dann bist du einfach am rotieren. Du musst drei, vier Spiele umbesetzen, damit da um 13 Uhr idealerweise überall ein Schiedsrichter ist. Das ist sehr aufwändig, nervig, frustrierend. Wir haben auch relativ viele Fälle von Nicht-Antritten. Das ist für mich das Allerletzte, einfach nicht zum Spiel hin zu fahren.

Das gab es früher so nicht?

In dieser Art und Weise nicht. Und wenn man sich mit Vereinsvertretern unterhält, haben die ja die gleichen Erfahrungen. Da fehlen zum Beispiel in der zweiten Mannschaft Spieler unabgemeldet. Das ist jetzt kein schiedsrichter-spezifisches Thema.

In früheren Aussagen des Kreisschiedsrichter-Ausschusses wurde die Messlatte, was Qualität angeht, hoch gelegt. Ist die Messlatte 2019 genommen worden?

Ich glaube, dass wir qualitativ, das waren auf der Schulung jedenfalls die Rückmeldungen, gut liegen. Klar, wir haben einen hohen Anspruch. Aber natürlich bist du auch desillusioniert, wenn du solche Erfahrungen machst. Wir haben das in diesem Jahr nicht so hinbekommen, wie wir uns das vorgestellt haben. Dass muss man ehrlicherweise so sagen. Wir kehren vor unserer eigenen Tür.

Ein Thema ist die Zahl der Schiedsrichter im Kreis Olpe. Wie steht es damit?

Wir haben aktuell 124 Schiedsrichter. Das ist ein Nettoverlust von zwölf. Wir haben einen Kurs ausfallen lassen müssen im März, und beim zweiten waren sieben Mann da. Das sind Dinge, die einfach zu wenig sind, bei dem, was wir anbieten, bei den Gesprächen, die wir mit den Vereinen führen. Ich bin überhaupt kein Freund von Vereins-Bashing. Die Vereine haben Riesenprobleme, Jugendtrainer zu bekommen, Betreuer, Spieler - gar keine Frage. Ich bin aber dennoch davon überzeugt, dass wir ein viel größeres Potenzial haben im Kreis Olpe als 124 Schiedsrichter.

Sie besuchen Vereine zwecks Werbung für das Schiedsrichter-Amt?

Wenn du wiederholt mit Vereinen sprichst, denen anbietest, mal zu kommen zu einer Mannschaftssitzung, um das mal vorzustellen - und da kommt nichts, dann ist das demotivierend. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das auch verstehen. So lange da an jedem Sonntag einer kommt, den man bepöbeln kann, werden die Probleme nicht transparent. Bisher haben wir es immer geschafft, alle Spiele zu besetzen, bis in die untersten Klassen. In anderen Kreisen ist es der Regelfall, dass sie etliche Spiele nicht besetzen können. Und auch bei uns ist es jetzt bei drei, vier Spielen vorgekommen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Vereine die Potenziale nicht ausschöpfen.

Gibt es positive Gegenbeispiele?

Ja. Ich nenne mal den FSV Gerlingen. Christoph Brüser aus der Westfalenliga-Mannschaft. Der ist Schiedsrichter und pfeift seine Spiele samstags, einmal im Monat oder öfter. C-Jugend oder so. Gar kein Problem. Warum ist das woanders nicht möglich?

Was kommt denn bei den Gesprächen heraus?

Wir sagen: Wenn du einmal sonntags morgens ein B-Jugendspiel pfeifst - gerade da können wir neue Schiedsrichter nicht einsetzen, weil es ist eine schwierige Altersklasse ist. Da werden eigentlich Leute gebraucht, die in der Altliga sind, die Fußball-Sachverstand haben. Es wäre doch schön, wenn die sagen: Okay, einmal im Monat stehe ich euch zur Verfügung und komme zu sechs Schulungen im Jahr. Und alles ist gut.

Aber es ist nicht alles gut...

Damals gab es den Spruch „ohne Schiedsrichter geht es nicht“. Irgendwann werden die Schiedsrichter nicht mehr da sein. Dann wird ein Friedhelm Scheppe nicht mehr pfeifen. Dann ist in der Kreisliga C, mindestens in der Kreisliga D, Ende. Da muss sich jeder überlegen, ob er alles dafür getan hat, das zu verhindern. Ich bin nicht so naiv, zu fragen: Warum will eigentlich nicht jeder Schiedsrichter werden? Natürlich rennt man uns nicht die Bude ein. Nur: Ich bin irritiert, dass nichts kommt. Wir vom Schiedsrichterausschuss pfeifen ja selber noch. Wie oft hast du das Problem: Du musst mittags los zu deinem Spiel und hast noch ein Spiel offen. Da sagen wir mittlerweile: Dann kommt halt keiner.

Gibt es dann keine Beschwerden?

Es gibt immer mal Vereine, die mich anrufen: Schick uns mal andere Schiedsrichter. Da sage ich: Wir reden über die tiefste Liga in Deutschland. Folglich spielen da die schwächsten Spieler. Und ein Felix Brych und Manuel Gräfe (FIFA-Schiedsrichter, d.Red.) stehen mir selten zur Verfügung. Auch da kann ich nur sagen: Jedes Spiel, das da besetzt wird, ist ein Erfolg. Es kann immer die letzte Woche sein, dass da einer hinfährt.

Die Frage muss lauten: Was wünschen Sie sich für 2020?

Zwei Sachen. Zum einen, dass von unseren drei Schiedsrichtern, die zurzeit beobachtet werden für höhere Spielklassen, zwei den Sprung schaffen. Das sind Christian Buschmann, Mika Arlitt und Leo Wolf. Das wäre toll. dann wünsche ich mir, dass es einfach mal zwei, drei Spieler eines Vereins gibt, die sagen: Wir probieren das mal aus. Vielleicht macht es Spaß, und wenn sie nach einem Jahr erkennen, dass es doch nichts für sie war.

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