Fußball-Interview

Coronavirus: Fichte Lintforts Georg Mewes nimmt es sportlich

Bleibt im Fußballgeschäft: Fichte Lintforts neuer Sportlicher Leiter Georg Mewes.

Bleibt im Fußballgeschäft: Fichte Lintforts neuer Sportlicher Leiter Georg Mewes.

Foto: Katharina Paris / FUNKE Foto Services

Kamp-Lintfort/Oberhausen.  Das Coronavirus bremst auch Fichte Lintforts neuen Sportlichen Leiter. Doch Georg Mewes nimmt die Situation sportlich, wie er im Interview verrät.

Der gesellschaftlichen Krise durch das Coronavirus trotzt Georg Mewes auf seine Art. Nämlich sportlich. Viermal die Woche joggt der neue Sportleiter von Fußball-Landesligist Fichte Lintfort. Stets rund 7,5 Kilometer. Und das im Alter von 71 Jahren. „Ich bin fit wie ein Turnschuh und fühle mich eher wie 50“, betont der Oberhausener im Interview, „nur im Kopf, da habe ich einen an der Waffel.“ Was unter dem Sammelbegriff „fußballverrückt“ einzuordnen ist. Oder wie Mewes sagt: „Ich habe alles im Kopf, deshalb brauche ich kein Büro. Das ist mein persönliches Alzheimer-Training.“

Herr Mewes, Torwart-Titan Oliver Kahn hat ja den „Es geht immer weiter, immer weiter“-Satz geprägt. Der gilt auch für Sie, oder?

Georg Mewes: Stimmt, aber was soll ich zu Hause? Meine Frau Roswitha hat mir geraten, weiter etwas zu machen, wenn der Trainerjob bei Sterkrade 06/07 erledigt ist.

Ist er denn schon erledigt?

Ich glaube nicht, dass die Saison noch einmal aufgenommen wird. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, nun zu werten.

Welche?

Man annulliert alles und wiederholt die Saison. Oder man wertet nach Status quo und lässt da aber nur Aufsteiger zu. Wenn die meisten Ligen dann mit 20 Teams spielen müssen in der neuen Saison, ist das terminlich verkraftbar. Zwei Englische Wochen im Spätsommer, einen Spieltag noch woanders reinschieben – schon passt es doch.

Nach Sterkrade 06/07 heißt Ihre neue Aufgabe Fichte Lintfort.

Ja, und ich bin schon heiß drauf, habe dazu ganz viele positive Nachrichten auf mein Handy bekommen. Unter anderem hat mir auch Trainer Stefan Janßen vom VfB Homberg zur neuen Aufgabe gratuliert. Das hat mich sehr gefreut.

Bei Fichte lief es seit dem Trainerwechsel von Sven Schützek zu Volker Hohmann nicht rund. Es gab drei Niederlagen, das Kreispokal-Aus und kurz vor der Saisonunterbrechung den Abstiegskampf gegen den Fall in die Bezirksliga.

Als ich vor Ort war zum Gespräch, schienen mir alle ziemlich bedrückt. Ich versuche, mit meiner direkten Art der Gespräche nun wieder etwas Euphorie zu erzeugen. Spaß muss sein. Auch und gerade im Fußball. Und Fichte hat nicht nur aufgrund der Platzanlage doch alle Möglichkeiten, eine gute Rolle zu spielen.

Wegen der Spielpause haben Sie keine große Chance, das Team kennenzulernen. Ärgert Sie das?

Es lässt sich derzeit nicht ändern. Der Kader wird bei Fichte ein anderes Gesicht bekommen – bei einem ähnlichen Etat wie in der aktuellen Saison. Wir wollen jünger werden, offensiveren Fußball zeigen, schnell nach Ballgewinnen nach vorn spielen – und nicht gegen den Abstieg kämpfen müssen. Wir wollen wettbewerbsfähig sein.

Sie sind schon seit über 40 Jahren als Fußballtrainer im Wettbewerb, sind stets erfolgreich mit der Zeit gegangen. Was hat sich vor allem verändert?

Die Generation und das Freizeitverhalten. Früher waren die Fußballer auch auf Amateurebene ehrgeiziger. Wir sind im Team mit 14 oder 15 Spielern ausgekommen. Es gab weniger Spielausfälle und auch weniger Verletzungen. Da wusste noch niemand, dass man sich auch am Schambein verletzen kann. (lacht)

Gleich geblieben ist sicher, dass auch damals schon Geld floss: D-Mark statt Euro allerdings.

Mit dem Unterschied, dass die Prämie oft sonntagabends schon an der Klubhaustheke hängen geblieben ist. Da hatten die meisten Fußballer aber auch einen festen Beruf, das Geld spielte keine große Rolle. Viele Spieler heute sind Studenten, die mit den Euros aus dem Fußball ihre Bude bezahlen. Es gibt auch noch einen anderen Aspekt, der sich nicht verändert hat.

Welchen?

Auf dem Platz ist oft die individuelle Klasse weniger Spieler ausschlaggebend. Mehr noch als früher, weil heute die Mannschaften auch im Amateurfußball taktisch sehr gut und auch athletischer sind. Manchmal war früher die Taktik, einfach den Torjäger des Gegners auszuschalten. Egal wie. Und es gab mehr Platz. Da konnte man noch ungestört zaubern.

Werden Sie Ihren Titel „Mister Hö.-Nie.“ noch einmal los?

Den muss ich gar nicht loswerden. Die fast zehn Jahre bei einem kleinen Klub, den vorher kaum einer gekannt hat, waren toll. Auch wenn ich heute noch dran zu knacken habe, dass wir 2014 auf den Aufstieg verzichtet haben. Die SV Hönnepel-Niedermörmter in der Regionalliga – das wäre ein Ding gewesen.

Ihr größter sportlicher Erfolg ist gleichzeitig auch ein ziemlicher Tiefschlag gewesen?

Es war vom Verein zwar eine vernünftige Entscheidung, aber doch ein Schlag ins Gesicht aller sportlich Beteiligten. Wir hätten neun Spiele am Klever Bresserberg bestreiten, hätten organisatorisch einiges bewegen müssen. Alles sehr schwierig. Der FC Kray hat sich als Nachrücker dann auch sehr bedankt, dass wir verzichtet haben. Meine Jungs haben sich in der Saison darauf mit Platz vier nicht hängen lassen. Das war fast eine größere Leistung als die Meisterschaft in der Oberliga.

Damals ist auch Arnd Zeigler mit seiner wunderbaren Fußballwelt im WDR-Fernsehen auf Sie aufmerksam geworden.

Stimmt, ich habe Arnd einen gelb-schwarzen Hö.-Nie.-Schal geschickt. Dann ist er mit Kamerateam zum Acker angerückt, um zu sehen, was da für ein Verrückter arbeitet. Daraus hat sich eine kleine Bande entwickelt. Letztens war mal wieder ein Kamerateam bei mir zu Hause. Meine Arbeit in der Muckibude und die Koi-Karpfen im Garten hatten im Internet eine höhere Einschaltquote als Uli Hoeneß an dem Tag. (lacht)

Mit Hönnepel verbindet Sie auch eine schwere Erkrankung.

Ich hatte im August 2017 dreimaliges Organversagen. Erst das Herz, dann die Lunge. Der Brustkorb hatte sich entzündet. Dann versagten auch noch die Nieren. Der Professor im Krankenhaus meinte da nur: ,Den kriegen wir nicht mehr hoch.’ Da habe ich nur gedacht: Nicht so schnell, mein Freund!

Sie haben sportlich wieder angegriffen.

Genau, aber ganz langsam. Ich hatte viel Wasser im Körper, kam kaum eine Treppe rauf, ohne dass Wasser aus den Oberschenkeln oder Waden floss. Der ganze Spuck hat knapp fünf Monate gedauert, dann stand ich im Januar 2018 wieder an der Linie und auf dem Platz.

War es nie Ihr Wunsch, auch mal als Trainer im Profibereich zu arbeiten?

Ich hatte einen guten Beruf, war als Nachrichtentechniker bei RWE ja auch einmal pro Woche als Prüfer in der Arena Auf Schalke. Da habe ich mich dann während meiner Arbeitszeit auch ein wenig weitergebildet, wenn das Schalke-Training lief. Aber nur rein zufällig. Um die Frage zu beantworten: Nein, ich habe alles richtig gemacht.

Auch, dass Sie nie Ihren markanten Schnauzbart verwettet haben?

Einmal schon.

Bei welcher Gelegenheit?

1992 sind wir mit Adler Osterfeld aufgestiegen, da hatte ich Minipli-Frisur, und der Schnäuzer war noch schwarz statt grau. Zu fortgeschrittener Stunde war er zur Hälfte weg, wuchs dann aber zügig wieder nach. Er ist und bleibt mein Markenzeichen.

In welcher Arena würde Sie denn als Trainer gern mal Ihr Markenzeichen zeigen – wenn sich die Möglichkeit ergeben würde?

Irgendwann muss ich mal Liverpools Anfield Road besuchen. Und den Celtic Park in Glasgow. Mir gefällt die enthusiastische Fußballmentalität der Leute dort sehr. Da wird „You’ll Never Walk Alone“ noch original gesungen oder sogar gebrüllt. Die Dortmunder machen diese alte Tradition ja nur nach.

So spricht ein Schalke-Fan.

Stimmt.

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