Sport-Entwicklungsbericht

Unsere Vereine im Zeichen der Corona-Pandemie

Ehrungen und Versammlungen dieser Art sind auch beim TVE Netphen derzeit natürlich ausgeschlossen. Die Vorsitzende Silvia Ossig (auf unserem Archivbild von der Jahreshauptversammlung 2019 ganz rechts) hofft auf eine Wiederaufnahme des Sportbetriebs nach Ostern. 

Ehrungen und Versammlungen dieser Art sind auch beim TVE Netphen derzeit natürlich ausgeschlossen. Die Vorsitzende Silvia Ossig (auf unserem Archivbild von der Jahreshauptversammlung 2019 ganz rechts) hofft auf eine Wiederaufnahme des Sportbetriebs nach Ostern. 

Foto: Karl-Heinz Messerschmidt

Im neuen Sport-Entwicklungsbericht belegen Zahlen die Probleme der Vereine im zweiten Lockdown.Trifft das auch Vereine im Siegerland?

Deutlich mehr zu schaffen als der erste Lockdown im Frühjahr macht den Sportvereinen in Deutschland die zweite Schließung aller Sportanlagen für den Breitensport. Bis zum erneuten Lockdown ab November war der Anteil an Vereinen ausgeglichen, die Mitgliedschaftsrückgänge oder -zuwächse zu verzeichnen hatten (36,6% Rückgänge gegenüber 35,0% Zuwächse). Inzwischen hat sich mit 44,0% der Anteil der Vereine, die für 2020 Rückgänge melden, gegenüber 29,0% mit Zuwächsen deutlich erhöht. Die Veränderungen sind statistisch signifikant.

Diese Zahlen entstammen dem Sport-Entwicklungsbericht für Deutschland, für den mehr als 20.000 Vereine in der Zeit zwischen dem 21. Oktober und dem 21. Dezember 2020 befragt wurden. Gefördert wird der Bericht vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und allen 16 Landessportbünden. Die wissenschaftliche Leitung hat Prof. Dr. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Sport-Entwicklungsberichte analysieren kontinuierlich die Entwicklung von Sportvereinen und deren Beitrag zum Gemeinwohl.

TSV und der soziale Kontakt

"Zum Glück sind Mitgliedsschwankungen bei uns derzeit nicht feststellbar", kann Steffen Weber, der Vorsitzende des TSV Siegen, offenbar auf die Treue der Freizeitsportler in Trupbach und Seelbach bauen. Doch aus Gesprächen in den beiden Siegener Ortsteilen erfährt Weber in diesen ersten Tagen des neuen Jahres, dass den Leuten seit dem Beginn des zweiten Lockdowns Anfang November die sportliche Betätigung und vor allem der soziale Kontakt in einem großen Sportverein wie dem TSV einfach fehlt. "Letzteres", so der TSV-Vorsitzende, "ist wohl das größte Problem."

Professor Breuer von der Deutschen Sporthochschule in Köln dazu: „Je länger Sportvereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Es geht sozialer Kitt verloren. Damit treffen die Folgen nicht nur die Vereinsmitglieder sondern die gesamte Gesellschaft."

Der TSV als Institution leide dadurch kaum. So werden zum Beispiel finanzielle Einbußen nicht befürchtet. Übungsleiter und Trainer hätten mit dem Hinweis aus ihre Untätigkeit auf Zahlungen verzichtet. Weber: "Aber ein Verein besteht aus Menschen. Und wenn die sich nicht treffen können, um gemeinsamen Sport zu treiben, fehlt das grundlegende Element des Sportvereins." Der TSV Siegen mit seinen sechs Abteilungen (Fußball, Turnen, Tennis, Tischtennis, Leichtathletik und Tanzen) zählt rund 1000 Mitglieder.

Erschwerend komme aber auch für den TSV in diesem zweiten Lockdown der verschärfte Kontaktverbot hinzu. Weber: "Im Frühjahr konnte man sich unter freiem Himmel noch mit kleineren Gruppen zum Training treffen. Auch bei uns gab es ein funktionierendes Hygienekonzept. Aber das entfällt eben jetzt alles. Und ein Ende ist nicht in Sicht."

Um auf die Zahlen aus dem Sport-Entwicklungsbericht zurückzukommen: Mittlerweile erwartet jeder zweite Sportverein (52,4%) in Deutschland in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohliche Lage. Auch hier zeigt sich ein signifikanter Anstieg seit dem zweiten Lockdown. Ursache hierfür ist für zwei von fünf aller Vereine (41,3%) der Mitgliederrückgang aufgrund der Pandemie (vor dem zweiten Lockdown: 36,5%). Als weitere Ursache wird von 34,9% aller Vereine der pandemiebedingte Rückgang an Ehrenamtlichen genannt (vor dem zweiten Lockdown: 32,8%). Jeder fünfte Verein (22,1%) rechnet mit einer existenziellen Bedrohung aufgrund pandemiebedingter finanzieller Engpässe (vor dem zweiten Lockdown: 21,1%).

Kaan: Kommunikation per Mail

Heike Klein, die Vositzende des TuS Kaan-Marienborn, hat mit ihren Vorstandskolleginnen und -kollegen bereits einen geringfügigen Rückgang der Mitgliederzahlen registriert. So ungefähr 30 Kündigungen sind eingegangen", berichtet sie. "So langsam macht sich das bemerkbar." Entgegenwirken wollen die Käner diesem Trend, indem sie die ansonsten im Januar fälligen Jahres- und Halbjahresbeiträge erst im März oder April einziehen. "Wir wollen abwarten, bis eine Perspektive absehbar ist", so die TuS-Vorsitzende. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der normale Sportbetrieb vor Ostern in Gang kommen wird."

Heike Klein hofft, dass zumindest der Rehasport, der beim TuS vor der Corona-Pandemie Zuwächse erfuhr, in absehbarer Zeit mit einem durchdachten Hygienekonzept wieder durchführbar sein wird. "Gerade in der Prävention sind diese Kurse für die Leute sehr wichtig", hat Heike Klein erkannt. Über die sozialen Gesichtspunkte in einem daniederliegenden Vereinsleben muss sie gar nicht groß nach nachdenken. "Da spielt sich nichts ab, und das ist besonders traurig." Man versuche, den Kontakt zu Mitgliedern über kleinere Mitteilungen per Email über geplante Maßnahmen und Vereins-Interna so gut es geht aufrecht zu halten.

Digital-Training beim TVE Netphen

Die digitalen Möglichkeiten der Kommunikation mit den Mitgliedern nutzt verstärkt der TVE Netphen. "Da sind wir dem Landessportbund dankbar, dass er uns die vielen Möglichkeiten der online-Betätigung aufzeigt und zur Verfügung stellt", so Silvia Ossig, die Vorsitzende des 1200 Mitglieder zählenden Turnvereins "Einigkeit". Festgestellt habe aber auch ihr Verein, dass das Corona-Jahr 2020 die Zahl der Frauen, Männer und Kinder im TVE um etwa 100 verringert habe. "Eigentlich ein normaler Schwund", so Ossig, "aber es kommen keine neuen hinzu. Wer will sich schon in einem Verein anmelden, der derzeit einfach stillsteht?!"

In finanzieller Hinsicht gibt es in Netphen keine Probleme. "Wir haben ja keine Ausgaben", so die Vorsitzende, "die Finanzierung des 2017 eingeweihten Neubaus leidet nicht." Die großzügigen Platzverhältnisse dort hätten dafür gesorgt, dass die für den TVE so wichtigen Reha-Angebote auch in der Zeit bis Anfang Dezember noch durchführbar gewesen seien. Silvia Ossig: "Und darauf hoffen wir natürlich spätestens ab Ostern, also Mitte April." Dann könnten hoffentlich auch die Outdoor-Angebote auf dem Freigelände wieder aufgenommen werden.

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