Individuelles Training

Coronavirus: Fußballer laufen gegen die Langeweile an

Ein verwaister Waldsportplatz: Auch beim SV Schermbeck gibt es keine gemeinsamen sportlichen Aktivitäten.

Ein verwaister Waldsportplatz: Auch beim SV Schermbeck gibt es keine gemeinsamen sportlichen Aktivitäten.

Foto: Markus Weissenfels/FFS

Am Niederrhein.  Das Coronavirus verhindert den Trainingsbetrieb. Marek Klimczok vom SV Schermbeck und Johannes Bruns vom PSV Lackhausen wissen sich zu helfen.

Er nimmt es aktuell von der gelassenen Seite. Was soll er auch tun? Wie viele andere Mitmenschen passt sich Marek Klimczok den aktuell veränderten Lebensbedingungen in der Coronavirus-Krise an. Der 40-Jährige, der beim SV Schermbeck in der Oberliga Fußball spielt, macht ganz einfach aus der Not eine Tugend. „Ich genieße die freie Zeit, die ich habe, gemeinsam mit meiner Familie.” Und mehr noch: „Zusammen nutzen wir nun die Gelegenheit und renovieren unser Haus.”

Das Haus der Klimczoks steht in Raesfeld-Erle, also gerade mal fünf Kilometer entfernt von dem Ort, an dem er sich außerhalb seiner Familie am liebsten aufhält: der Waldsportplatz des SV Schermbeck. Aktuell sind auch hier die Tore geschlossen, die Platzanlage ist gesperrt, und die Saison zunächst einmal bis Mitte April unterbrochen. Kein Training, kein Spiel: Der Papa der beiden Töchter Vanessa (13 Jahre) und Viktoria (15) ist plötzlich abends und an Wochenenden daheim. „Das ist vielleicht eine der wenigen positiven Seiten dieser Pandemie”, sagt Klimczok. „Man schätzt plötzlich wieder, was man hat und begreift, was man verlieren kann.” Sein Team besteht derzeit eben nur aus vier, und nicht aus elf Spielern, und statt des Rasens bewegt man sich auf dem Wohnzimmerparkett.

Viel unternehmen können sie derzeit nicht: Restaurants und Kneipen sind ebenso stillgelegt wie Kinos, Theater oder Museen. Klar, die Töchter freuen sich, weil sie nicht zur Schule müssen. Sie haben ihre Hausaufgaben, „aber damit sind sie rasch fertig”, sagt Klimczok. „Und dann langweilen sie sich für den Rest des Tages.” Insofern schien ihm die Idee mit der Freizeitgestaltung in Form von Renovierungsarbeiten als passende Alternative zum Abhängen. „Wir gehen auch schon mal aufs Rad und fahren durch die Natur”, sagt er. „Aber es ist auch mal ganz schön, ein wenig faul zu sein.”

„Sozialkontakte tendieren gegen null“

Teamgeist innerhalb der Familie wird dennoch gelebt. Immerhin darf er sich darüber freuen, dass er und seine Familie bislang ohne Verdachtsmomente hinsichtlich der Coronavirus-Erkrankung geblieben sind. Das gilt ebenso für seine Kollegen vom Fußball. Noch ist der Oberligist verschont von Infektionen, soweit man das überhaupt sagen kann angesichts einer Inkubationszeit von bis zu zwei Wochen. „Meine Sozialkontakte jedenfalls tendieren nahezu gegen null”, sagt Klimczok. „Ich spreche allenfalls mal mit meinem Mitspieler Raphael Niehoff, der in der Nachbarschaft lebt. Aber wir halten Abstand. Das Bierchen trinke ich allein.”

Dass momentan die Arbeit mit dem Ball ruht, versteht sich von selbst. Dennoch ist Klimczok mit reichlich Hausaufgaben seitens seines Coaches versorgt worden. Der Mann, der seit 2011 für den SV Schermbeck spielt und im Februar einen Vertrag für die nächste Spielzeit unterschrieben hat, muss laufen. Mindestens vier Mal in der Woche gilt es, ein entsprechendes Programm abzuspulen – zehn Kilometer pro Lauf, einen nicht unwesentlichen Teil davon mit Tempo. „Solange es keinen anderen Kenntnisstand gibt, arbeiten wir auf den 19. April hin, um den Spielbetrieb wieder aufzunehmen”, sagt Marek Klimczok. „Und dann wollen wir natürlich fit sein.”

Sorge von Marek Klimczok gilt der Großfamilie in Polen

Fitness ist ohnehin ein zentrales Thema für den gebürtigen Polen. Der Mann, der im linken und im zentralen Mittelfeld einsetzbar ist und den seine Karriere bis in die 3. Liga trug, ist mittlerweile 40 Jahre alt. Das macht ihn beim SV Schermbeck zu so etwas wie den Claudio Pizarro der Oberliga. In 230 Spielen für den SVS erzielte er 37 Treffer und bereitete 29 vor. Er gilt als Stratege und kann, so sein Trainer Thomas Falkowski, „auch jüngere Spieler an die Hand nehmen und laut werden, wenn es mal nicht so läuft. Gerade für das Gegenpressing und für das rasche Umschaltspiel nach Balleroberung ist er nahezu unverzichtbar für uns”, so der Coach.

Davon ist der Kicker, der wie seine Ehefrau sein Geld im Medizin-Großhandel verdient und der deshalb täglich mit den unmittelbaren Folgen der Coronavirus-Pandemie konfrontiert wird, derzeit weit entfernt. Natürlich freue er sich darauf, endlich wieder Fußball zu spielen. „Doch aktuell gilt meine Sorge meiner Familie, meinen Freunden und den zahlreichen Klimczoks in Polen”, sagt er. Seine Großfamilie stammt aus dem Großraum Kattowitz, und seitdem die Grenzen geschlossen sind, ist an Besuchen nicht zu denken. „Deshalb können wir derzeit nur aus der Distanz Kontakt halten“, erzählt der Linksfuß des SV Schermbeck.

Rückkehr zwei Tage bevor Spanien dicht macht

Einen Auslandsaufenthalt, sogar Urlaub, hat Johannes Bruns noch so gerade genießen können. Vor drei Wochen war der Kapitän des Landesligisten PSV Lackhausen zusammen mit seiner Freundin in Andalusien. „Zwei Tage nach unserer Rückkehr war Spanien komplett dicht“, erinnert sich der 24-Jährige. Glück gehabt in Zeiten des sich rasend schnell ausbreitenden Coronavirus. Darüber ist sich auch der Abwehrspieler im Klaren.

Deshalb will er „Fortuna“ nicht noch weiter strapazieren oder herausfordern. Kontakt mit der Familie, ja – alles andere liegt derzeit auf Eis. Für Treffen mehrerer Personen, wie es zuletzt immer noch mal vorgekommen ist, fehlt Johannes Bruns jegliches Verständnis. Allerdings räumt er ein, dass „das Virus alle unterschätzt haben“. Er selbst auch – die Zeit ist definitiv vorbei.

Johannes Bruns kann sich gut motivieren

Genauso wie im Augenblick die Trainingseinheiten am Molkereiweg. Der PSV Lackhausen hat wie alle Amateursportler den Betrieb eingestellt, schon vor der offiziellen Anordnung. Auf sportliche Aktivitäten will Johannes Bruns deshalb nicht verzichten. Stabilitätsübungen absolviert er im Wohnzimmer, zum Joggen geht es alleine nach draußen. „Zwei- bis dreimal die Woche laufe ich, entweder fünf oder zehn Kilometer“, erzählt der Lackhausener Kicker. Zudem übt er sich im Sprint, den Damm hoch.

„Ich halte mich allein schon aus Langeweile fit“, sagt Bruns. Dies gilt auch für die Fußballkollegen beim PSV. „Selbst diejenigen, von denen man es nicht erwartet hat, machen etwas.“ Ohne Sport fühlt sich dann doch keiner wirklich wohl. Und bis auf absehbare sind die Treffen zum gemeinschaftlichen Training dienstags, donnerstags und freitags wohl passe. Sich großartig zu motivieren, dies sieht der 24-Jährige auch nicht als Problem an. „Allein schon, weil ich gerne esse.“

Am heutigen Montag endet sein Urlaub, als Mitarbeiter der Stadtwerke steht dann Homeoffice an. Dass es in dieser Saison noch mal um Punkte geht, damit rechnet Bruns nicht: „Es wird zu einem Abbruch der Spielzeit kommen.“

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