Ultraläufer

Hans-Jürgen Rohkämper will das „letzte Geheimnis“ lüften

Hans-Jürgen Rohkämper

Hans-Jürgen Rohkämper

Foto: NRZ

Schermbeck.  Hans-Jürgen Rohkämper, Ultraläufer aus Schermbeck, bereitet sich auf Bhutan vor. Der Lauf „The last secret“ hat es mal so richtig in sich.

Der Mann liebt die Einsamkeit. Kann gar nicht anders sein. Wie sonst ist es zu erklären, dass Hans-Jürgen Rohkämper oft stundenlang durch die Schermbecker Wälder joggt und dabei mit sich und der Welt allein ist. Der 52-jährige Schermbecker ist ein Kilometerfresser, ein passionierter Langstreckenläufer. Doch beginnen seine Herausforderungen erst dort, wo andere längst am Ende sind. Für einen Ultraläufer wie Rohkämper fängt der Spaß eigentlich frühestens ab 50 Kilometer und mehr an. „In diesen Tagen und angesichts des wunderbaren Wetters ist das noch besser”, sagt er. „Wenn der Sommer sich nähert, spüre ich diese besondere Spannung in mir.”

In diesen Tagen und Wochen sieht man ihn noch häufiger als sonst seine umfangreichen Einheiten in der Umgebung Schermbecks absolvieren. Denn in der aktuellen Laufsaison will sich Rohkämper einer neuen Herausforderung stellen, die auch für ihn eine noch nicht gemachte Erfahrung darstellt. Rohkämper, hauptberuflich als Controller der Stadt Mülheim beschäftigt, möchte erstmals in seinem Leben einen Etappenlauf absolvieren. Und für sein Debüt hat er sich gleich einen der schwierigsten weltweit ausgesucht. In Bhutan (Südasien) findet ab Ende Mai ein Sechs-Tages-Lauf statt, der den ungewöhnlichen Namen „The last secret” (das letzte Geheimnis) trägt. In sechs Etappen geht es dabei über insgesamt 200 Kilometer mit mehr als 11.000 Höhenmetern durch den Himalaya. „Ich komme als einer der wenigen, die noch regelmäßig arbeiten”, sagt der Langstrecken-Enthusiast.

Laufstrecke zwischen 2500 und 4000 Meter Höhe

Der Lauf in Bhutan ist einer von vier weltweit organisierten Extrem-Etappenläufen. Drei weitere finden in Albanien, Sao Tomé und Kambodscha statt und werden allesamt von einem Wiesbadener Veranstalter namens „Global Limits” organisiert. Bhutan gilt vor allem wegen der Höhenmeter als der vielleicht härteste. Ziel ist dabei das Kloster Taktshang, das zum Weltkulturerbe gehört, in mehr als 3000 Meter über dem Meeresspiegel in den Berg geschlagen wurde und aus der Ferne wie ein Adlerhorst wirkt.

Die längste und anspruchsvollste Etappe, die Rohkämper gemeinsam mit seinem Mitstreiter Wolfram Kühnemund zu absolvieren hat, ist die vorletzte, wobei es insgesamt 54 Kilometer unwegsames Gelände und 2048 Höhenmeter zu bezwingen gilt. Übernachtet wird in Klöstern, Bauernhöfen oder Zelten, wobei sich die Läufer permanent zwischen 2500 und 4000 Meter über dem Meeresspiegel bewegen. „In dieser Höhe”, so Rohkämper, „gehen bis zu zehn Prozent deiner Leistungsfähigkeit verloren.”

Die 40 Starter kommen aus allen Teilen der Welt

Klingt schon ziemlich verwegen, das Ganze. Vor allem, wenn man weiß, dass Etappenläufe dieser Qualität in aller Regel geschlossenen Kreisen vorbehalten sind. Das Starterfeld ist auf 40 Läufer, die aus allen Teilen der Welt kommen, begrenzt. Die Kosten liegen für Veranstaltung und Flug bei weit über 4000 Euro. Hinzu kommt, dass Bhutan von den einreisenden Touristen pro Tag einen Mindestumsatz von 250 US-Dollar verlangt, um Massentourismus a la Nepal einen Riegel vorzuschieben. „Da bedarf es im Vorfeld eines entsprechenden Engagements, um dort zu starten”, sagt Rohkämper. „Und dennoch sind diese Veranstaltungen überbucht.”

Fünf bis sechs Läufe zu je vier Stunden wöchentlich

Dass der Schermbecker Extrem-Läufer deshalb die Vorbereitung sehr ernst nimmt – wer will es ihm verdenken. Und so dreht er nun fast täglich seine großen Runden durch den Dämmerwald, absolviert dabei fünf bis sechs Läufe in der Woche, die nicht selten vier Stunden am Stück dauern. Ergänzt wird dieses Wochenpensum noch von einer zweistündigen Einheit auf dem Fahrrad und einer Einheit in Sachen Kraft und Koordination. „Ruhetage gibt es in dieser Phase nicht mehr”, sagt Rohkämper. Der Körper solle sich schließlich an die dauerhaft hohe Belastung gewöhnen.

Dabei weiß er als Ultraläufer, wie lange Distanzen gehen. Der Mann ist schon 100 Kilometer am Stück gelaufen. So wie 2018, als er in Hagen am Hengsteysee zum ersten Mal auf diese Superdistanz ging und 9:41 Stunden später die Ruhrmündung in Duisburg erreichte. Die Zeit und der vierte Platz brachten ihm die Wildcard für die Wahl zu „Schermbecks Sportler des Jahres” ein, bei der er am Ende Dritter wurde. Oder wie die Teilnahme am Comrades-Lauf in Südafrika nur ein Jahr später, als er gemeinsam mit seinem Laufpartner Martin Lohbreyer die 89 Kilometer und die mit 1800 positiven und 1100 negativen Höhenmetern gespickte Strecke von Durban nach Pietermaritzburg bezwang – in acht Stunden und 15 Minuten. „Aber ein Etappenlauf – das ist etwas ganz anderes“, weiß Rohkämper.

Ein besonderer Trainingsplan liegt derzeit der Sache mit den Höhenmetern zugrunde. Oft fährt er deshalb zur Halde Prosper Haniel in Bottrop. Die sei ideal und biete bei einem Lauf 133 Höhenmeter. Insofern legt er die Strecke innerhalb einer Trainingseinheit gleich sieben bis acht Mal zurück, um auf die geforderten 1000 Höhenmeter zu kommen. „Aber danach biste richtig platt”, sagt Rohkämper. „Beim Bergab-Lauf muss ich dann höllisch aufpassen, dass ich nicht umknicke, weil die Kraft weg ist.”

Coronavirus bedroht auch Etappenlauf in Bhutan

Doch auch das ist Teil der Vorbereitung, weil es in Bhutan – man könnte jetzt sagen – über Stock und Stein geht. Schlechter Untergrund und unwegsames Gelände machen den Läufern das Leben schwer. Deshalb muss die Vorbereitung des Mannes, der einst beim TTC Lembeck als Tischtennisspieler begann, nicht nur über lange Distanzen gehen, sondern unbedingt auch über schwieriges Gelände führen. Das oberste Ziel in Bhutan lautet natürlich: ankommen. „Aber wenn es richtig gut läuft, will ich in die Top Ten laufen – und in meiner Altersklasse unter die ersten Drei.”

Seine größte Sorge aktuell aber gilt gar nicht so sehr dem Extremlauf als solchem. Während die intensiven Vorbereitungen für Rohkämper bislang nahezu unbeeinträchtigt vonstatten gehen können, ist „The last Secret” wegen des Coronavirus von einer Absage bedroht. Derzeit stünden die Chancen bei 50:50, „das ändert aber nichts an meiner Motivation im Training”.

Hans-Jürgen Rohkämper, der in Joggingschuhen mindestens schon einmal den Erdball umrundet hat, denkt bereits über Alternativen nach. Sollte Bhutan in diesem Jahr nicht stattfinden, wird er sich auf den Hohe-Mark-Steig begeben, der ihn dann über 160 Kilometer von Wesel bis nach Olfen führen wird. „Die Form jedenfalls wird von Woche zu Woche besser”, sagt er. „Und nach einem ausgedehnten Lauf darf ich auch mal ohne schlechtes Gewissen faulenzen.”

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