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Petre Ivanescu: Guter Rat muss nicht teuer sein

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Essen. Sein Rat und sein Wissen sind nach wie vor gefragt. Auch mehrere Jahre nach seinem Abschied aus dem Trainer-Job treffen an Petre Ivanescus „Alterssitz” in Essen-Werden regelmäßig Bestellungen für die DVD ein, die er unter dem Titel „Interaktives Handballtraining” produziert hat und vertreibt.

„Unglaublich, wer die alles haben will”, erzählt der 73-Jährige, „sogar Leute aus Südamerika und Afrika.” Sorgen macht ihm allerdings die Zahlungsmoral der Kundschaft. „Viele haben sich das Ding schicken lassen, aber nie bezahlt”, sagt er. Deshalb gibt's die Lehr-DVD seit einiger Zeit nur noch gegen Vorkasse.

Aber das sind längst nicht Ivanescus größte Sorgen. Viel mehr beschäftigt den ehemaligen Bundestrainer, als Coach des VfL Gummersbach und von Tusem Essen x-mal Deutscher Meister, die gegenwärtige Krise des Handball-Sports.

Immer über die Schiedsrichter geärgert

„Ich habe es satt, mich über die Schiedsrichter zu ärgern.” Dies war einer der Sätze, mit denen er sich seinerzeit aus der Szene verabschiedet hat. Und heute? Heute ärgert er sich immer noch über die Schiedsrichter – auch wenn er von der Terrasse seiner Wohnung aus in den blühenden Garten blickt, anstatt vor der Auswechselbank am Spielfeldrand herumzutoben.

Ivanescu sieht in den Schiedsrichtern den Schlüssel zur Lösung der gegenwärtigen Vertrauens-Krise. Manipulationen, Bestechung, Handball unter General-Verdacht: Und immer stehen die Schiedsrichter im Mittelpunkt. Einigkeit herrscht in der Fachwelt weitgehend darüber, dass ihr großer Freiraum bei der Regel-auslegung Beeinflussungen der Spiele ermöglicht und Misstrauen daher provoziert.

Regel-Kommissionen beraten schon

Schon jetzt haben verschiedene Verbände Regel-Kommissionen ins Leben gerufen, die über eine Begrenzung dieser Freiräume nachdenken sollen. Petre Ivanescu steht diesen Plänen skeptisch gegenüber. „Handball muss Handball bleiben”, sagt er und warnt damit vor allzu heftigen Eingriffen.

Für ihn sind die Regeln weitgehend in Ordnung – aber die Schiedsrichter nur ungenügend in der Lage, diese in jeder Spielsituation anzuwenden. „Das Unterbewusstsein spielt mit”, so seine Erfahrung, „mal werden die Schiedsrichter vom Publikum beeinflusst, mal haben sie übertrieben viel Respekt vor einer der beteiligten Mannschaften, mal kann jemand mit der Macht, die ihm übertragen wurde, nicht richtig umgehen.” Echte Bestechung, so seine Meinung, sei viel seltener als gegenwärtig angenommen.

Ivanescus Vorschlag: Die Spielleiter sollen psychologisch geschult werden. „Wir müssen sie sehr, sehr stark machen”, sagt der gebürtige Rumäne.

Aber wer soll dafür sorgen? Wer soll alles bezahlen? „Die Kosten”, so der Ex-Bundestrainer, „wären viel geringer als der Schaden, der durch einen Verlust des Vertrauens entsteht. Und der DHB als größter Handball-Verband der Welt müsste da die Initiative ergreifen.”

Vor allem drei Schwerpunkte hat Ivanescu als typische Schiedsrichterfehler ausgemacht.

Erstens: In beinahe jedem Spiel würden mindestens drei bis vier irreguläre Tore gegeben, weil der Werfer bereits im Kreis gelandet ist.

Zweitens: In jedem Spiel gibt es den klassischen „Ringkampf” am Kreis. Dabei gelingt es dem Kreisläufer, einen oder zwei Spieler in den Kreis zu drängen. Die Schiedsrichter entscheiden dann meist auf Siebenmeter oder sie pfeifen ein Foul. Beide Entscheidungen können als richtig interpretiert werden. Hier sollten notfalls die Regeln angepasst werden und genauer definieren, was akzeptabel ist und was nicht.

Drittens: Ein athletischer Spieler kann beim „Überzieher” den Abwehrspieler mitreißen, die Schiedsrichter pfeifen dann Foul oder Stürmerfoul. Beide Entscheidungen können als richtig interpretiert werden.

Psychologische Schulung tut Not

Mittels besserer Schulung und mithilfe psychologischer Schulung sollten die Schiedsrichter nach Ivanescus Auffassung zu einer klaren Linie finden – und die ewigen Diskussionen um „Schiebereien” würden auch erheblich abnehmen.

Nur: Wie passt das dazu, dass er selbst in seinen Trainerzeiten einer derjenigen war, der die Schiedsrichter am massivsten von außen beeinflusst hat? Ivanescus gelegentliche Tobsuchtsanfälle sind jedenfalls bis heute legendär geblieben. „Das machen doch alle”, verteidigt er sich, „klar habe auch ich immer Gas gegeben. Aber nur, bis ich die gelbe Karte sah. Dann wurde ich sofort ruhig.”

Der Mann, der früher stets eine Aura des Respekts um sich herum verbreitet hat, lächelt, wenn er von den alten Zeiten erzählt. Petre Ivanescu ist längst nicht mehr so rigoros wie einst. Heute macht der früher so Kompromisslose schon mal Zugeständnisse – wenn's dem Handball dient.

Zum Beispiel: Als kürzlich ein Kunde aus Kampala in Uganda schrieb, er habe nicht das Geld, um die 18 Euro für die Lehr-DVD auf einmal zu bezahlen, verzichtete Ivanescu nicht nur auf Vorkasse. Er machte ihm die Scheibe einfach zum Geschenk. NRZ

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