Motorrad

Stefan Bradl: Plötzlich Ersatz des Motorrad-Stars Marquez

Für Repsol Honda in der MotoGP unterwegs: Stefan Bradl.

Für Repsol Honda in der MotoGP unterwegs: Stefan Bradl.

Foto: AFP

Essen.  Stefan Bradl ist einer der wichtigsten Helfer von Motorrad-Star Marc Marquez. Als der sich verletzte, begann eine außergewöhnliche Saison. 

Als Stefan Bradl ans Telefon geht, sitzt er im Auto. Der verzerrte Ton aus der Freisprechanlage sowie einige Funklöcher machen das Bayrisch des gebürtigen Augsburgers für das ungeübte Ohr zur Herausforderung. Doch diese ist eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Aufgabe, die der Motorrad-Pilot in dieser Saison gemeistert hat. Quasi aus dem Stegreif ist er in der Königsklasse, der MotoGP, vom Test- und Entwicklungsfahrer wieder zum Stammpiloten bei seinem Team Repsol Honda geworden. Der 30-Jährige freut sich auf seinen Einsatz beim Saisonfinale an diesem Sonntag (15 Uhr/Servus TV) im portugiesischen Portimao, doch er sehnt auch „ein wenig Ruhe, Zeit mit der Familie“ herbei.

Es liegt nicht nur an der Corona-Pandemie, dass die Jahresplanung von Stefan Bradl „komplett über den Haufen“ geworfen wurde. Ursprünglich sollte er als Entwicklungsfahrer im Hintergrund dabei helfen, das Motorrad so weiterzuentwickeln, das auf die vergangen vier WM-Titel – eingefahren durch den spanischen Superstar Marc Marquez – ein weiterer folgen möge. „Ein, zwei Renneinsätze“ seien für Bradl, der auch als TV-Experte arbeitet, geplant gewesen.

Bradl ist seit dem dritten WM-Rennen fest Größe bei Honda

Doch als Marquez sich bei einem Sturz im ersten Rennen den Oberarm brach, sprang Bradl kurzfristig ein. Und weil die Genesung des sechsmaligen MotoGP-Weltmeisters langwieriger geriet, wurde Bradl seit dem dritten Rennen in Tschechien zur Dauerlösung. Eine körperliche, aber vor allem eine mentale Herausforderung mitten in der ohnehin schwierigen Corona-Zeit. Wegen der Pandemie wurde der Saisonstart weit nach hinten verschoben. Statt 19 fanden nur 14 Rennen statt, ausschließlich in Europa. Die Fahrer leben in strengen Hygieneblasen, müssen sich zweimal pro Woche testen lassen. Das zerrte zusätzlich an den Nerven.

„Es hat eine Weile gedauert, bis das Team und ich uns richtig abgestimmt und unseren Weg gefunden haben“, erzählt Bradl. Viele Gespräche hätten geholfen, um auszuloten, was möglich war. „Zum Ende hin haben wir es geschafft, gute Rennen abzuliefern, auch WM-Punkte zu sammeln.“ Viermal war dies bei den letzten fünf Rennen der Fall. Mit dem Titelkampf hatte Stefan Bradl allerdings nichts zu tun, derzeit ist er 20. der WM-Gesamtwertung. „Die MotoGP ist in vielen Bereichen intensiver geworden – bei der Physis, aber auch bei der Technik“, sagt er. Nur wer perfekt vorbereitet ist, hat eine Chance. In diesem Jahr nutzte sie Joan Mir. Am vergangenen Wochenende sicherte der Spanier Suzuki in Valencia den ersten Königsklassen-Titel seit 20 Jahren.

Bradl im ständigen Austausch mit dem sechsmaligen Weltmeister Marc Marquez

Marc Marquez musste das tatenlos mit ansehen. Stefan Bradl stand immer wieder mit dem Honda-Star in Kontakt. „Für ihn war das keine leichte Situation“, sagt der Zahlinger. „Aber er hatte viel Verständnis für meine Saison, hat mir die Daumen gedrückt – und war auch zufrieden mit dem, was wir erreicht haben.“

Das Verhältnis der beiden Männer hat sich mit der Zeit verändert. Viele Jahre waren sie Gegner. Schon als Bradl 2011 Moto2-Weltmeister wurde, war Marquez sein ärgster Konkurrent. Heute arbeiten sie im gleichen Team. Marquez ist fahrerisch eine Klasse für sich, seit Jahren dominiert der sechsmalige MotoGP-Champion die Königsklasse. Nicht einmal der italienische Star Valentino Rossi – der in diesem Jahr von einer Corona-Infektion gestoppt wurde – konnte ihm die Titel zuletzt nicht streitig machen.

Doch Bradl trägt mit seiner Entwicklungsarbeit dazu bei, dass Marquez erfolgreich bleibt. „Vor fünf Jahren hätte das vielleicht noch an meinem Ego gekratzt“, sagt Bradl. „Aber so ist der Lauf der Dinge. Das musste ich kapieren und lernen, die Situation zu akzeptieren.“ Damit fährt er gut. Im Idealfall auch an diesem Sonntag.

Bradl bleibt auch 2021 bei Honda als Testfahrer und Marquez-Ersatz

Und danach? Das ist für Stefan Bradl klar. Er will „weiter dabei helfen, mit Honda Titel zu gewinnen“. Am Donnerstag gab sein Team bekannt, dass er auch 2021 als Testfahrer bei Honda bleibt. „Stefan hat fantastische Fortschritte gemacht“, sagte Teamchef Alberto Puig. „Zu Saisonbeginn war ein Jahr als Testfahrer geplant, aber dann kam Corona. Als er dann für Marc eingesprungen ist, musste er seine Einstellung ändern. Das hat er auch gemacht.“

Für Stefan Bradl läuft also alles nach Plan. Sorgen macht er sich allerdings um deutsche Vertreter in der Motorrad-Königsklasse. Seit Jahren ist er der einzige Deutsche, der es in die MotoGP geschafft hat. „Es ist schade, dass derzeit keine neuen aufstrebenden deutschen Fahrer da sind. Die Situation hat sich leider schon länger abgezeichnet. Es gibt einerseits nicht genügend Fahrer, die bereit sind, den Weg nach oben zu gehen“, sagt er. „Aber sicherlich ist die finanzielle Förderung aus deutscher Sicht auch verzagt. Ich würde mich zukünftig gerne mehr in der Nachwuchssuche einbringen, mein Wissen teilen.“

Bradl sorgt sich um deutschen Motorsport-Nachwuchs

Stefan Bradl wolle Vorbild für andere sein. „Ich glaube, es ist wichtig, so einen wie mich zu haben, der weiß, wie hoch das Level ist, der aber auch weiß, was es braucht, um nach oben zu kommen.“ Der Honda-Pilot selbst profitierte da von seinem Vater. Helmut Bradl war in den 1990er-Jahren erfolgreicher Motorrad-Pilot. „Ich habe das also alles von Kindheit an mitbekommen, habe von den Kontakten profitiert. Ohne dieses Umfeld hätte ich es nicht in die Weltspitze geschafft. Ich würde gerne anderen helfen, für sie eine Art Türöffner zu sein – wenn meine Zeit es zulässt.“

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