Fußball

Unter Tage im „Kölner Keller“ beim Videoschiedsrichter

Der Arbeitsplatz mutet an wie eine Kommandozentale: Videoassistent Tobias Welz versucht, mit dem Kollegen Mark Borsch den Überblick zu behalten.

Der Arbeitsplatz mutet an wie eine Kommandozentale: Videoassistent Tobias Welz versucht, mit dem Kollegen Mark Borsch den Überblick zu behalten.

Foto: dpa/pa

Köln.   Im Video-Assist-Center versuchen Schiedsrichter, den Fußball fairer zu machen. Trotzdem ist der Raum für viele Fans ein Ort des Schreckens.

Der „Kölner Keller“ verbirgt sich in einem großen Backsteingebäude. Draußen wehen die Fahnen des Privatsenders RTL, der hier im Cologne Broadcast Center seine TV-Shows produziert. Drinnen gleitet der Fahrstuhl hinab ins erste Untergeschoss. Einmal abbiegen, durch die Tür hindurch, schon steht man im Video-Assist-Center, über das Deutschland so leidenschaftlich streitet.

Ein Ort des Schreckens für die einen. Ein Ort der Gerechtigkeit für die anderen. Dazwischen klafft ein Krater noch größer als der Braunkohle-Tagebau am Hambacher Forst.

Wie ein TV-Studio

Unter Tage in Köln interessiert dies nur wenig. Hier wird geschiedsrichtert. In einem Raum, der an die benachbarten TV-Studios von RTL erinnert. Knapp 50 Quadratmeter groß, Teppichboden, Metalldecke, keine Fenster, dafür erhellt grelles Licht die sechs wie Kommandozentralen anmutenden Arbeitsplätze. Im Grunde ist der „Kölner Keller“ ein Großraum-Büro für Videoassistenten, um das lange ein Geheimnis gemacht wurde.

Denn obwohl die neue Technik schon seit der Saison 2017/18 genutzt wird, erlauben der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) erst jetzt Journalisten, mit dem Fahrstuhl hinabzufahren. Zu sensibel schien die Arbeit der Schiedsrichter. An diesem Sonntag aber darf Tobias Welz beim Abstiegsduell zwischen Hannover 96 und dem FC Schalke über die Schulter geschaut werden.

Der macht es sich auf seinem Bürostuhl in Köln bequem, während Schiedsrichter Sven Jablonski knapp 250 Kilometer entfernt die Mannschaften auf Hannovers Rasen führt. Welz trägt nicht etwa Freizeitklamotten, sondern ein offizielles Trikot. Genauso wie sein Assistent Mark Borsch, der links neben ihm sitzt. Rechts hocken zwei so genannte "Operator" für die technischen Abläufe. Denn die müssen sitzen. Fünf Bildschirme stehen zur Verfügung, jede der zwischen 19 und 21 TV-Kameras im Stadion kann genutzt werden. Wie Fluglotsen starren Welz und Borsch so auf die Bildschirme, kommuniziert wird per Schiedsrichter-Funk. Mit einem Knopfdruck können die Assistenten in die Ohren der Schiedsrichter vor Ort funken.

„Alles okay“, heißt es dann etwa. Zurück knarzt in der Regel ein „Dankeschön“.

1250 Euro für ein Spiel

„Ich darf nicht abschalten, ich muss immer konzentriert sein“, meint Welz. Jede Szene will kontrolliert werden. Auf jedes Vergehen wird geachtet, es könnte ja entscheidend sein. Ein Hochleistungsjob, der Druck erzeugt. Und zudem wesentlich schlechter bezahlt wird als die Millionäre auf dem Rasen, die diszipliniert werden sollen. 5000 Euro bekommt ein Schiedsrichter für einen Bundesliga-Einsatz, seine Assistenten erhalten 2500 Euro. Der Vierte Offizielle verdient 1250 Euro. Genauso viel wird auch dem Videoschiedsrichter überwiesen, sein Assistent kriegt sogar nur 500 Euro.

Da könnte es schon Argument genug sein, den häufig Kritisierten durch die neue Technik dabei zu helfen, seltener als Buhmann zu fungieren. Zumal auch Welz erklärt: „Es hilft.“

Trotzdem gilt der „Kölner Keller“ für viele immer noch als Ort des Schreckens, als Symbol für die Kommerzialisierung des Fußballs. „Ihr macht unseren Sport kaputt“, grölen deswegen viele Anhänger im Stadion, wenn der Videobeweis eingreift (verstummen aber schnell wieder, wenn die eigene Mannschaft begünstigt wird). Doch auch Profis, Trainer, Sportdirektoren und TV-Experten schimpfen gerne über „die da in Köln“.

Nur die großen Brocken

Vermutlich wurde schon bei der Einführung der neuen Technik die falsche Erwartung geweckt. Nämlich, dass es von nun an keine Fehlentscheidungen mehr geben werde. Videobeweis-Projektleiter Jochen Drees bemüht daher das Bild einer Steinwüste, in der jeder Stein für einen falschen Pfiff steht. „Wir wollen nur die großen Brocken finden“, erklärt er. So darf der Videoassistent nur bei einem Tor, bei einem Elfmeter, bei einer Roten Karte oder bei der Verwechslung eines Spielers eingreifen. 63 korrigierte Entscheidungen gab es bislang in dieser Spielzeit, eine davon war falsch (Schalke hätte beim 1:1 gegen Hoffenheim in der Hinrunde einen Handelfmeter bekommen müssen). Im Schnitt dauert die Entscheidungsfindung 57 Sekunden. Wenn allerdings ein ungerechtfertigter Eckball zu einem Treffer führt, darf der Videobeweis nicht eingreifen.

Trotzdem meint Drees: „Der Videoassistent macht den Fußball fairer.“ Auch Ansgar Schwenken, der als Mitglied der DFL-Geschäftsführung die Technik koordiniert, erklärt: „Je mehr Fehler man ausschließt, desto gerechter ist es.“

Während der 90 Minuten in Hannover muss Welz in jedem Fall nicht korrigierend eingreifen. Das einzige Tor des Nachmittages vom Schalker Suat Serdar (39.) überprüft er erst auf Abseits, schaut sich dann die Entstehung an, bis er in Jablonskis Ohr funkt: „Check complete. Tor. Anstoß.“

Ansonsten bleibt auch mal Zeit für taktische Überlegungen, die Welz und Borsch austauschen.

„Hannover verliert hinten die Bälle sehr schnell“, heißt es dann.

S04-Torhüter Alexander Nübel wird gelobt: „Hat er gut gehalten.“

Der letzte Funkspruch aus Köln lautet: „Gut gemacht.“

Morgen wieder Polizist

Während auf den Monitoren die Schalker Profis gemeinsam mit den Fans in der Kurve hüpfen, zieht sich Tobias Welz im Nebenzimmer um. Freizeitklamotten an: Feierabend. Morgen wird er wieder als Polizist in Wiesbaden arbeiten.

Der Fahrstuhl saust nach oben. Draußen hat sich der Himmel aufgezogen, die Sonne scheint. Familien spazieren in Richtung Rhein.

Hannover ist ganz weit weg.

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