Stadtentwicklung

Bochum: Justizzentrum wird mit 8000 Lkw-Ladungen weggekarrt

Von beiden Seiten zerren die Longfrontbagger, 150 und 135 Tonnen schwer, am letzten verbliebenen Gebäude des ehemaligen Justizarelas.

Von beiden Seiten zerren die Longfrontbagger, 150 und 135 Tonnen schwer, am letzten verbliebenen Gebäude des ehemaligen Justizarelas.

Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services

Bochum.  Auf der größten Baustelle in Bochum beginnt das Finale. Mit 8000 Lkw-Ladungen werden 120.000 Kubikmeter Schutt abgefahren. Dann wird neu gebaut.

Drei Tage lang war es fast ruhig auf der größten Baustelle in Bochum. Der riesige, 60 Meter hohe Drehkran wurde demontiert, Schutt und Stahl fein säuberlich auf große Haufen aufgetürmt. Jetzt beginnt der letzte Teil vom Abbruch des ehemaligen Justizzentrums. Das große Finale.

„Wir fahren jetzt das Material ab“, sagt Projektleiter Frank Sauermilch (68) vom Abbruchunternehmen Moß und rechnet hoch, wie viele Massen bis zum Übergabetermin der Baustelle im Sommer an den Projektentwickler HBB noch bewegt werden müssen. Es geht um 120.000 Kubikmeter Beton, Steine und Erde. Dazu kommt noch der Stahl, der bislang nicht abgebrochen und weggefahren wurde.

Alle sieben Minuten ein Lastwagen

Bislang schlummerten die abgebrochenen Wände, Decken und Böden – fein säuberlich zuvor getrennt von Gefahrenstoffen und von anderen Chargen wie Glas, Holz, Aluminium und vielem anderem mehr – in den Kellern und der Tiefgarage der Hochhäuser. Jetzt werden sie weggekarrt. Etwa 80 Lkw, jeder mit einer Ladekapazität von 40 Tonnen, werden dafür täglich die Baustelle leer an- und voll wieder abfahren.

Gefüllt mit mehr oder weniger fein gekörnten Bauschutt, „der auf Baustellen im gesamten Ruhrgebiet verfüllt wird“, so der Projektleiter. Bevor sie aber auf dem Laster landen, wird Betonblöcken und Steinen in einer 100 Tonnen schweren Brecheranlage, die im Zentrum der Baustelle platziert ist, der Garaus gemacht. „Die schafft etwa 1500 Tonnen am Tag“, erklärt Frank Sauermilch.

Sprinkleranlage für 600.000 Liter Wasser

Mit 8000 Lastwagenladungen, so seine Rechnung, wird bis zum Sommer das gesamten Abbruchmaterial weggefahren sein. Bei 100 Arbeitstagen und zehn Arbeitsstunden pro Tag sind das sieben bis acht Lkw pro Stunde. Dazu gehört auch die Erde von der ersten Baugrube, die demnächst an der Ecke Westring/Junggesellenstraße für das erste von später drei Gebäuden des Viktoria-Karrees gegraben wird. Acht Meter tief wird sie sein. Unter der Bodenplatte, so der Projektleiter, wird noch ein Wassertank aus Stahlbeton liegen, der 600 Kubikmeter Wasser (600.000 Liter) für die Sprinkleranlage fasst.

100 Tonnen schwere Brecheranlage

Der 68-Jährige ist der Chef auf der Baustelle. Er hat die Abbrucharbeiten geplant, er hält den Kontakt zu Behörden und Firmen. Er hat alles im Blick. Und das ist in diesen Tagen ganz besonders viel: Im Zentrum des Platzes muss die gefräßige Brecheranlage gefüttert werden. Entlang der Viktoriastraße unter der aufwändig gebauten Leitungsbrücke, auf der u.a. die Glasfaserleitungen liegen, an denen zahlreiche Gebäude in der Umgebung angeschlossen sind, ist eine riesige Bohrmaschine mit der Pfahlgründung beschäftigt. Beinahe unablässig treibt sie riesige Pfähle in die Erde, die die Tragfähigkeit des Baugrundes verstärken – begleitet vom stakkatoartigen „tack, tack, tack, tack, tack….“.

Auf der Gegenseite am Westring wird der Aushub der ersten Baugrube vorbereitet – auch dort entsteht eine Brücke, auf der vor allem Stromleitungen liegen werden. Und dann sind da ja noch die beiden Longfrontbagger, die mit ihren Scheren am Ende von bis zu 50 Meter langen Auslegern dem letzten verbliebenen Gebäude den Garaus machen. Um die obersten vier der einst 16 Etagen abzutragen musste Moß den Drehkran mieten. Mit seiner Hilfe wurden erst die tonnenschweren Fassadenteile abgehängt und dann die Betonwände in bis zu fünf Tonnen schwere Blöcke zersägt und zu Boden gebracht. Damit ist nun Schluss. Die Longfronts reichen mit ihren Armen bis ganz nach oben und knabbern Meter für Meter aus dem Gebäude ab.

Gefährlicher Arbeitsplatz im Longfrontbagger

„Die Arbeit ist nicht ungefährlich“, sagt Peter Ohme. „Man braucht viel Gefühl und ein gutes Auge.“ Später wird deutlich, was er damit meint. Immer wieder fallen tonnenschwere Teile aus der Höhe herunter. „Besonders tückisch können Ziegelmauern sein“, erklärt Projektleiter Frank Sauermilch. „Bei ihnen lässt sich manchmal nur schwer voraussagen, wie sie fallen.“Hier gibt es mehr Artikel, Bilder und Videos aus Bochum

Nun, hier geht es um Beton. Aber auch um große Höhen und schwere Brocken. Geschützt vor ihnen sitzt Peter Ohme in seiner Kanzel. Seit einem halben Jahr bedient der 30-Jährige einen Longfront, den König unter den Baggern. In seiner Kanzel ist er geschützt durch Panzerglas und Stahlgitter, im Innern sorgen ein bequemer, kippbarer Sessel – damit der Nacken beim ständigen Blick nach oben nicht leidet – und eine Klimaanlage für ordentliche Arbeitsbedingungen. „Das ist ja fast ein Büroarbeitsplatz“, scherzt der Besucher. „Vielleicht“, sagt Ohme. „Aber mein Arbeitsplatz ist viel spannender.“ Stimmt wohl.

Eines der größten Abbruch-Unternehmen

„Von dem größten Longfrontbagger, den wir hier haben, gibt es nur ganze vier in Deutschland“, sagt Projektleiter Sauermilch und deutet damit auch an, dass die Firma Moß zu den größten Abbruchunternehmen in Deutschland gehört. Der Maschinenpark sei eindrucksvoll. „Der Deutsche Abbruch-Verband hat etwa 600 Mitglieder“, so Sauermilch. „Und Moß gehört zu den 15 größten.“

Keine Angaben zu den Abbruchkosten

Während der Rückbauspezialist aus Lingen hier in Bochum noch damit beschäftigt ist, das Justizzentrum dem Erdboden gleich zu machen, hat es Anfang der Woche in Ludwigshafen damit begonnen, eine mehrere Kilometer lange Hochstraße in der Innenstadt abzureißen. Die Abrisskosten werden auf 15 Millionen Euro taxiert.

Wie hoch die Kosten in Bochum sind, darüber schweigen sich Auftragnehmer und Auftraggeber, die Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) aus Hamburg aus. Aber auch sie dürften beträchtlich sein.

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