Ausbildungsmarkt

Chancen für angehende Azubis werden immer besser

Ausbildung ist das A und O. Der Chemiepark in Marl ist ein gutes Beispiel für gelungene Verbundausbildungen.

Ausbildung ist das A und O. Der Chemiepark in Marl ist ein gutes Beispiel für gelungene Verbundausbildungen.

Foto: Lucal Gaul

Bochum.  Mehr Ausbildungsstellen und weniger Bewerber. Die Bilanz für das Ausbildungsjahr fällt in Bochum positiv aus. Es bleiben Herausforderungen.

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Es geht weiter aufwärts auf dem Ausbildungsmarkt in Bochum (Grafiken): Weniger Bewerber als noch 2018 (2573 statt 2742), dafür mehr Ausbildungsstellen (2275 statt 2114). Allmählich schließt sich die Schere zwischen Bewerbern und Stellenzahl. Das ist die Bilanz zum Ende des Berufsberatungsjahres 2018/19. Was bleibt, ist die schwierige Aufgabe des Matchings, d.h. für jede Stelle den passenden Bewerber zu finden und jedem angehenden Azubi die gewünschte Ausbildung zu ermöglichen.

100 Bewerbern stehen derzeit 88 Ausbildungsstellen gegenüber, die Quote ist von 0,77 (2018) auf 0,88 gestiegen. Und für nächstes Jahr rechnet Frank Neukirchen-Füsers, neuer Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Bochum, gar mit einem Verhältnis von 1:1. Aber schon jetzt sei der Ausbildungsmarkt in Teilbereichen ein Bewerbermarkt. Das ist gut für angehende Azubis, die eher zwischen mehreren Ausbildungsstellen und -berufen wählen können. Zugleich erschwert es die Lage der Unternehmen. Die Herausforderung, den passenden Kandidaten für einen Ausbildungsplatz zu finden, wächst. 202 Bewerber sind derzeit noch unversorgt, 244 Stellen noch unbesetzt.

Viel Potenzial im Verbund

Aus Sicht der Partner des Bochumer Ausbildungspakts, also Arbeitsagentur, Stadt, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, geht es künftig darum, die Instrumente für die Ausbildungsplatzsuche und -vermittlung zu verbessern, aber auch die Rahmenbedingungen für die Ausbildung selbst. „In Verbundausbildungen steckt noch ein großes Potenzial“, sagt Kerstin Groß von der IHK. Wie groß die Herausforderungen seien, zeige folgende Prognose: „Bis 2030 werden allein im Mittleren Ruhrgebiet, also in Bochum, Herne, Hattingen und Witten, etwa 8000 Fachkräfte fehlen.“

Gerade kleinere Firmen hätten oft nicht das Wissen und die Kapazität für eine umfassenden Ausbildung; gemeinsam mit ein oder zwei weiteren Betrieben ließe sich dies aber realisieren. „Am Ende könnten alle davon profitieren“, so Groß, auch wenn der Azubi später nur bei einer Firma arbeiten kann. Wegen des Wissenstransfers hätten alle Beteiligten etwas von dieser Konstruktion. Wie gut ein Verbund funktioniere, zeige sich etwa im Chemiepark Marl, so Dirk W. Erlhöfer, Geschäftsführer der Arbeitgeberverbände Ruhr/Westfalen.

Handwerk fordert Umdenken

Die Abbrecherquote im Handwerk von derzeit sieben auf unter fünf Prozent drücken möchte Kreishandwerksmeister Michael Mauer. Dazu müssten etwa Meister besser auf die neuen Azubi-Jahrgänge vorbereitet werden und Betriebswechsel bei Schwierigkeiten möglich sein. Das Handwerk ist dabei längst auf einem guten Weg. Mit 613 abgeschlossenen Ausbildungsverträgen allein in Bochum verzeichnet es 2019 einen Anstieg von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr (593). Ausbildung bleibe aber eine große Herausforderung, so Mauer. Vor allem Schulen und Eltern fordert er auf, einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft mitzutragen und zu forcieren: „Nicht jeder, der ein Abitur macht, muss studieren.“

Derweil fordern Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch (SPD) und Stefan Marx, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Ruhr-Mark, die Azubis von morgen auf, bei der Wahl ihres Ausbildungsberufs auf dessen Zukunftsfähigkeit zu achten. Tatsächlich ist die Top-Ten der bevorzugten Ausbildungen – und zwar bundesweit – seit Jahrzehnten nahezu unverändert. Unternehmen müssten sich derweil bemühen, zeitgemäßer auf Schüler zuzugehen und sich mit modernen Kommunikationsmitteln zu präsentieren, so Kerstin Groß von der IHK.

Eigennutz und gesellschaftliche Verantwortung

Hier gibt es mehr Artikel, Bilder und Videos aus BochumDie Stadt sieht sich derweil in Sachen Ausbildung in einer Vorreiterrolle. „Aus Eigennutz“, wie OB Eiskirch nicht verhehlt. Denn auch für sie werde die Lage auf dem Stellenmarkt schwieriger. Aber auch wegen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bilde die Verwaltung in einigen Bereichen über ihren Bedarf aus und gebe dabei auch jungen Menschen eine Chance, die vermeintlich aus der zweiten Reihen kommen wie etwa über das Programm „Fit für Future“.

Die Stadt Bochum habe die Zahl ihrer Ausbildungsanfänger seit 2013 von 53 auf mittlerweile 128 (2019) geschraubt und werde nächstes Jahr 150 Plätze vergeben. „Damit werden wir die Zahl binnen fünf Jahren verdreifacht haben“, so Eiskirch. Im gesamten Konzern Stadt, also bei Verwaltung und Tochterunternehmen, seien derzeit weit mehr als 500 Auszubildende beschäftigt.

Stimmen zur Ausbildungsmarktbilanz 2018/19:

Frank Neukirchen-Füsers (Arbeitsagentur): „Wir müssen die jungen Leute besser abholen und noch besser über die beruflichen Möglichkeiten und auch Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt informieren. Ausbilder hingegen sollten noch stärker unsere Fördermöglichkeiten nutzen, um bei der Rekrutierung des Nachwuchses bessere Erfolge erzielen zu können.“

OB Thomas Eiskirch: „Bochum ist Talentschmiede im Ruhrgebiet, die Qualifizierung von Menschen für moderne Berufe aller Art gelingt hier. Die Wirtschaftslandschaft bietet die ganze Palette zeitgemäßer Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze. Bochum ist gleichermaßen attraktiv für Gründerinnen und Gründer wie auch als Standort etablierter Unternehmen.“

Michael Mauer (Kreishandwerkerschaft): „Die anhaltend hohe Studierneigung und die veränderten Berufsvorstellungen junger Menschen erschweren den Unternehmen jedoch die Suche nach geeigneten Auszubildenden. Deshalb brauchen wir einen Richtungswechsel in der öffentlichen Wahrnehmung. Unsere zentrale Botschaft lautet, dass es für junge Menschen auch außerhalb der Hochschulen chancenreiche berufliche Bildungs- und Karrierewege gibt. Handwerk ist keine Sackgasse.“

Kerstin Groß (IHK): „Was schmerzt ist die Tatsache, dass mehr als 200 Stellen bei den Unternehmen nicht besetzt werden konnten, obwohl es unversorgte Bewerber gibt. Daraus ergibt sich die Aufgabe für alle Partner: Wir müssen Unternehmen und Bewerber zusammenbringen, wir müssen dafür Gelegenheiten schaffen.“

Dirk W. Erlhöfer (Arbeitgeberverbände): „Wir müssen die jungen Menschen ermutigen, sich auch in anderen Städten und anderen Berufsfeldern umzuschauen. Eine gute Vorbereitung auf eine mögliche spätere Ausbildung ist und bleibt ein Praktikum.“

Stefan Marx (DGB): „Leider ist man trotz abgestimmter Vorgehensweisen seitens Kammern, Agentur und Land immer noch nicht soweit, passende Plätze den passenden Bewerbern anzubieten. Dieses zeigt auch die Anzahl der aufgelösten Ausbildungsverhältnisse. Hier müssen alle Akteure der dualen Ausbildung weiter zusammenarbeiten. Insbesondere die unterdurchschnittliche Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist ein Makel. Hier müssen wir gemeinsam alles daran setzen diese Bereitschaft zu erhöhen.“

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