Prozess

Illegal Lippen aufgespritzt: Ex-Jura-Studentin wollte Ruhm

Sie war „Größenwahn“ sagte der Anwalt über die Frau, die wegen illegaler Lippen-Aufspritzungen in Bochum vor Gericht steht.

Sie war „Größenwahn“ sagte der Anwalt über die Frau, die wegen illegaler Lippen-Aufspritzungen in Bochum vor Gericht steht.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Bochum.  Eine Ex-Jura-Studentin (26) hat in Bochum zugegeben, illegal Lippen aufgespritzt zu haben. Sie hatte ihre Kundinnen teils schwer verletzt.

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Das Geständnis war kurz, aber ungeschönt. Der Verteidiger der 26-jährigen Bochumerin, die massenhaft die Lippen und Nasen von jungen Leuten aufgespritzt und sie wegen unsachgemäßer Behandlung teilweise schwer verletzt haben soll, hat eingeräumt, dass alles genau so abgelaufen ist, wie es in der Anklage geschrieben steht.

„Es tut mir leid, wie das ausgegangen ist“, schluchzte die Angeklagte zu einer der Geschädigten (23), der sie mit Spritzen die Nase vergrößert hatte. „Ich hoffe, dass du keine Folgeschäden hast.“

Der Gerichtssaal ist randvoll besetzt mit Zuhörern. Sie erleben, wie eine Zeugin nach der anderen schildert, wie sie im Internet auf das Instagram-Profil der Angeklagten gestoßen. Dort hatte die Angeklagte mit enormen Erfolg – sie hatte eine sechsstellige Anzahl an Followers – über ihre Schönheitseingriffe berichtet und Fotos von erfolgreich behandelten Kundinnen veröffentlicht.

Mehrere hundert Euro kostete eine Behandlung

So wollten die Zeuginnen auch aussehen. Sie machten über WhatsApp einen Termin bei der Angeklagten in Bochum, zahlten einige hundert Euro in bar und ließen sich ein Mittel spritzen. Laut Anklage ging das in 35 Fällen gründlich schief: So viele Fälle der gefährlichen Körperverletzung werden der Bochumerin, die selbst auffallend voluminöse Lippen hat, vorgeworfen.

Seit Anfang April sitzt sie in Gelsenkirchen in U-Haft. Drei Tage vor ihrer Festnahme hatte sie noch geheiratet. Jetzt sitzt sie auf der Anklagebank und muss sich anhören, wie die Geschädigten reihenweise von ihren Schmerzen und Enttäuschungen nach der Behandlung erzählen.

Keinerlei Steuererklärungen abgegeben

Die Angeklagte hatte gar keine Lizenz zum Lippenaufspritzen, war auch keine Heilpraktikerin, wie es nach außen hin den Anschein gehabt haben soll. „Es ist richtig, dass sie wusste, dass sie das gar nicht darf“, sagte ihr Anwalt. Sie habe auch „keinerlei Buchführung“ gehabt und keine Steuererklärungen abgegeben. Brutto war gleich netto. Laut Anklage soll sie seit 2015 rund 1,3 Millionen Euro eingenommen haben.

Ihr wirtschaftlicher Erfolg war ihr offenbar auch fürs Internet wichtig, denn bei Instagram (sechsstellige Anzahl an Followern) genoss sie ihren „Ruhm“, wie sie sagte. Sie sei dort ein „Star“ gewesen. Schließlich war die überwältigende Anzahl ihrer Kundinnen offenbar total zufrieden mit den aufgespritzten Lippen. Sie wurde vielfach weiterempfohlen.

Einige waren aber gar nicht glücklich. „Ich war total panisch“, sagte eine 24-jährige Sozialversicherungsangestellte aus Bochum, als sie die Folgen ihrer missratenen Lippen-Verschönerung schilderte. Zehn Stiche habe die Angeklagte gesetzt. „Von Stunde zu Stunde ist das ganz extrem angeschwollen.“ Alles sei blau geworden. Im Mundinneren sei es „blutunterlaufen“ gewesen. „Es hat beim Einatmen weh. Abends wurde es von Stunde zu Stunde schlimmer.“ Erst nach drei Tagen sei es etwas besser geworden.

Fotos sehen „ein bisschen horrormäßig“ aus

Richter Dr. Markus van den Hövel sagte einmal, dass die zeitnah nach der Behandlung gemachten Fotos von Patienten „ein bisschen horrormäßig“ ausgesehen hätten.

Auch drei weitere Zeuginnen (18, 21, 23) berichteten von starken Schwellungen, Verfärbungen und Schmerzen. „Es tat so weh, dass ich geweint habe“, sagte eine.

Vorher hatten die Zeuginnen zumindest teilweise einen Aufklärungsbogen unterschrieben und dass die Behandlung „auf eigenes Risiko“ erfolge und es kein Geld zurückgebe. Auch das „Risiko auf einen allergischen Schock“ trage mach „selbst“. Das sollen aber gar nicht alle Zeuginnen auch gelesen haben.

Verwundert waren sie alle, dass die Behandlung nicht in einer Praxis, sondern in einer normalen Wohnung erfolgt war. Dann ließen sie sich aber trotzdem auf die Spritzen ein.

Die Angeklagte hatte in Bochum Abitur gemacht und dann sechs Semester Jura studiert. „Dann habe ich gemerkt, dass das doch nichts für mich war.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

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