Fußball

VfL-Bochum-Fans recherchieren Geschichten aus der NS-Zeit

Florian Kovatsch (l.) und Thorben Sommer staunen über die Vielzahl der Spuren im Heft: „Erinnerungsorte am Fußballstandort Bochum“. Foto:Gero Helm

Florian Kovatsch (l.) und Thorben Sommer staunen über die Vielzahl der Spuren im Heft: „Erinnerungsorte am Fußballstandort Bochum“. Foto:Gero Helm

Bochum.   VfL-Fans finden bei der Spurensuche im Stadtarchiv, der Bochumer Synagoge und im DFB-Museum viele unbekannte Verweise. Stadtrundgänge geplant.

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Deutscher Meister 1938? Hannover 96, weiß der Fußballfan. Was aber selbst Fachleute nach einschlägiger Recherche kaum wissen: Auch nach Bochum ging in diesem Jahr ein Deutscher Meistertitel. Schild Bochum spielte am 26. Juni1938 in Köln gegen eine Elf aus Stuttgart, gewann das Finale hochverdient mit 4:1. Doch Grund zum Feiern gab es kaum. Denn Schild Bochum hieß vor 1933 TuS Hakoah Bochum und war ein jüdischer Sportverein, 1925 gegründet.

Die Umbenennung erfolgte auf Druck der Nationalsozialisten, von diesem Moment an spielten jüdische Kicker nur noch in eigenen Verbänden und waren vom eigentlichen Ligabetrieb ausgeschlossen.

Nachzulesen ist das in „Erinnerungsorte am Fußballstandort Bochum“, einer neuen Veröffentlichung des Fanprojekts Bochum. Die Sozialarbeiter haben sich mit aktiven Fans des VfL Bochum auf Spurensuche begeben, Geschichten aus der Zeit des Nationalsozialismus recherchiert und nun auf 48 Seiten zusammengetragen.

Unterstützung durch Synagoge und Stadtarchiv

„Wir haben uns vor drei Jahren erstmals zusammengesetzt. Anlass waren die ,Hogesa‘-Proteste in vielen Fankurven“, blicken Florian Kovatsch (28) und Thorben Sommer (30) zurück. Kovatsch ist Mitarbeiter des Fanprojekts, Sommer überzeugter VfL-Fan. Sie wollten ein Zeichen in eine andere, antirassistische Richtung zu setzen.

„Viele Fanszenen engagieren sich für eine lebendige, authentische Erinnerungskultur. Das wollten wir auch in Bochum schaffen.“ So nahmen gut zehn VfL-Anhänger aus Fanclubs und Gruppen die Arbeit auf. Im Stadtarchiv, in der Bochumer Synagoge oder im DFB-Museum fanden sie Multiplikatoren und Unterstützung. Dass daraus am Ende eine Publikation wird, stand aber lange nicht fest. „Bei den Recherchen ergaben sich dann immer wieder neue Anknüpfungspunkte“, schildern Kovatsch und Sommer.

Orte der Erinnerungskultur

Die Schrift ist eine Art Stadtrundgang zum Nachlesen. Von Fans für Fans und darüber hinaus. Bei der Theorie muss es natürlich nicht bleiben. „Wir wollen Führungen von 45 oder 90 Minuten anbieten.“ Orte der Erinnerungskultur sind etwa das Kortumhaus, der Nordbahnhof oder die Synagoge. Personen wie Karl Springer oder Dr. Otto Ruer kommen zur Sprache. „Dr. Ruer wurde 1933 von der NSDAP abgesetzt. Sein Nachfolger Otto Piclum forcierte dann den Zusammenschluss von Germania, TuS und Turnverein 1848 zum VfL, um einen größeren Verein mit Ausstrahlungskraft zu etablieren.“

Das war am 14. April 1938. Menschen jüdischen Glaubens wurden von einer Mitgliedschaft im VfL ausgeschlossen, kamen stattdessen etwa im Verein Schild Bochum zusammen – und holten im Jahr der VfL-Gründung die Deutsche Meisterschaft. Ein Zeichen der Hoffnung von kurzer Dauer: Auch die Spieler und Funktionäre der Meistermannschaft wurden bis 1945 vertrieben, verfolgt und ermordet.

Wer sich für einen Rundgang interessiert, kann sich beim Fanprojekt melden: f.kovatsch@fanprojekt-bochum.de.

>>> Ausgabe kostenlos im Stadion

Am Freitag, 13. April, spielt der VfL Bochum im Vonovia Ruhrstadion um 18.30 Uhr gegen den 1. FC Kaiserslautern. Ziemlich genau 80 Jahre nach Fusion der Vorgängervereine wird die Schrift des Fanprojekts erstmals erhältlich sein, und zwar im Ostkurventreff, am Infostand Block A, am Infostand der Faninitiative und in den Räumen der Ultras.

Außerdem im Awo-Stadtbüro, Bleichstraße 8, und im Stadtarchiv/Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte, Wittener Straße. Die Abgabe erfolgt kostenlos, wobei sich das Fanprojekt über Spenden für eine Gedenkstättenfahrt freut.

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