Homeoffice

Coronavirus: So entsteht die WAZ-Bottrop in diesen Tagen

Redaktionsleiter Michael Friese arbeitet von zu Hause aus – in seinem, „Arbeits-/Musik-/Gästezimmer“.

Redaktionsleiter Michael Friese arbeitet von zu Hause aus – in seinem, „Arbeits-/Musik-/Gästezimmer“.

Foto: Monika Friese

Bottrop.  Die Redaktionsräume der Bottroper WAZ sind derzeit leer. Gearbeitet wird von zu Hause aus. Hier gewährt das Team Einblicke ins Homeoffice.

Das Coronavirus zwingt zu drastischen Einschnitten. Davor ist auch die Lokalredaktion nicht gefeit. Auch für die Redakteure heißt es daher: Ab ins Homeoffice. Recherchieren, schreiben - all das erfolgt weitestgehend vom heimischen Schreibtisch aus. Das Redaktionsbüro, wo es sonst auch mal hektisch zugeht, ist dagegen wie leer gefegt.

Für die Kollegen eine echte Umstellung im Vergleich zum teils jahrzehntelang geübten Alltag. Eine Herausforderung – vor allem in Tagen wie diesen, wo sich die Nachrichtenlage schnell ändert, der Abstimmungsbedarf enorm groß ist – eine Herausforderung für die Kollegen in allen Lokalredaktionen. Hier haben die Redakteure Erfahrungen ihrer ersten Heimarbeitstage zusammengestellt und nehmen Sie, liebe Leser, mit ins Homeoffice.

Der Lokalchef muss alle Bälle gleichzeitig in der Luft halten

Der Teufel steckt im Detail. Um ihn auszutreiben, erfand man das top-organisierte Büro. Mit Kennern und Könnern, die über Jahre und Jahrzehnte die Widrigkeiten aus dem Weg geräumt und durch flüssige Abläufe ersetzt haben. Alles weg. In meinem Homeoffice erlebe ich die Stunde Null des Jongleurs, der ein Dutzend Bälle in der Luft halten soll. Bevor alles scharf geschaltet wird, sitze ich bis tief in die Nacht vor dem Bildschirm, um sämtliche Zugänge und Übersichten einzurichten. Was ein Redaktionsleiter eben so braucht.

Zum Glück haben wir zuhause ein Arbeits-/Musik-/Gästezimmer. Mit einer Altbautür, die den Rabatz meiner beiden Kinder (fast elf und fast 13) ziemlich gut aussperrt. Aber nur ziemlich, wie ich schnell merke. Zwischen all den regelnden Telefonaten, den ein- und ausgehenden Mails und WhatsApps, den elektronischen Konferenzen, den dringenden Fragen aus dem Team, den technischen Hürden und - ja das gibt’s auch noch - dem Schreiben von Artikeln, also zwischen alle dem öffnet sich mit konstanter Boshaftigkeit die schallschützende Tür. Im Rahmen stehen zwei Streithähne, die vom Kadi eine Entscheidung verlangen, Hunger haben oder schlicht eine ihrer zehntausend Fragen pro Tag stellen. Soweit der Einstieg ins Homeoffice.

Der zweite und dritte Tag läuft geschmeidiger, schon weil meine Frau ebenfalls nach Hause geschickt worden ist. Meine Heldin. Sie macht Frühstück, hält die Kinder fern vom Türrahmen, gibt ihnen den ausfallenden Schulunterricht, kocht Essen und erledigt all die geforderten Handreichungen. Ich sitze am Computer mit den beiden Bildschirmen, habe zwölf Programme geöffnet, die Ohren rot vom Telefonieren und switche von einer Aufgabe zur anderen. Aber langsam kommt Struktur in die Sache. Ich bin dabei, den Teufel auszutreiben. Michael Friese

Im Notfall werden auch Haltestelle und Bus zum mobilen Büro

Homeoffice heißt vor allem eins: Das Smartphone gibt kaum eine Sekunde Ruhe. Das Telefon im Büro ist umgestellt auf das Diensthandy. Mails werden umgeleitet, Konferenzen finden in der WhatsApp-Gruppe statt - am ersten Tag hatte ich Sorge, ob der Akku bis abends hält.

Auch dann war keine Ruhe. So viel war noch zu besprechen, zu regeln, zu reflektieren. Es stimmt: Homeoffice bedeutet erst mal, deutlich länger zu arbeiten. Zum Glück haben wir Lisa. Die Redaktionssekretärin schickte die Redakteurs-Rasselbande schließlich mit einem scharfen Ordnungsruf ins Wachfrei.

Und: Homeoffice hat seine Grenzen. Wie es in Kirchhellen aussieht nach jeder neuen Verfügung, dass kann ich zu Fuß erkunden. Doch wie voll die Innenstadt noch ist, wer sich wie an die Vorgaben hält: Das lässt sich nicht reintelefonieren. Das muss ich mir ansehen. Und dafür brauche ich den Bus. Leider.

Auf den drei Metallsitzen im Wartehäuschen lässt sich die Zeit überraschend gut mit dem Notebook überbrücken (Wann der mittlere Sitz wohl wg. Sicherheitsabstand abgesperrt wird?). Beim Einsteigen fällt der Plausch mit dem Fahrer aus. Er sitzt auf Distanz, abgesperrt mit Flatterband. Die Fahrgäste halten sich voneinander fern. Geht zum Glück, die Zahl der Mitfahrer sinkt von Tag zu Tag. Ich habe noch nicht ausprobiert, was wohl passiert, wenn ich huste. Kai Süselbeck

Es fehlt der direkte Austausch

Ins kalte Wasser zu springen, also im übertragenen Sinne, ist für Journalisten ja nicht neu. Wer weiß schon, was kommt. Was zum Beispiel, wenn der Leiter des Bottroper Krisenstabes mitten in dem Gespräch über die Corona-Krise einen Anruf bekommt und dann sagen muss: Niemand verlässt mehr das Rathaus!

Kein Drama. Ist nur ein Beispiel dafür, wie sich Dinge überschlagen könnten. So wie in dieser Woche: Wegen der Corona-Krise stand für die Bottroper WAZ-Redaktion ein Test an, ob das Arbeiten von zu Hause aus zur Not technisch funktioniert. Um mehr als Technisches geht es ja nicht. Der Journalisten-Job bleibt ja derselbe, ob sie die Nachrichten nun in Steintafeln meißelten, auf Papier drucken oder elektronisch verbreiten. Von welchen Büros aus, Journalisten das tun, spielt keine Rolle, nur dass es jetzt, unbezahlt übrigens, ihre privaten Räume und Geräte sind. Denn der geplante Techniktest wurde in Wahrheit der Ernstfall. Ausprobiert haben alle Redakteure in Bottrop das an ihrem freien Wochenende. Es funktioniert irgendwie!

Der Austausch mit den Bürgern, Bürgervertretern und Kollegen von Angesicht zu Angesicht fehlt aber schon. Auch das journalistische Leben spielt sich jetzt also noch stärker am Computer, am Telefon, in sozialen Netzwerken ab. Das ist kein Problem, war es nie. Die Dinge einzuordnen, gehört ja auch zum Journalisten-Job.

Es gibt noch immer viel zu entdecken und zu bestaunen. Ein Bottroper Bezirksvertreter etwa empfahl in Zeiten ausfallenden Sozialkontakte feinsinnig über Facebook Gesellschaftsspiele. Ein alter Schulkollege, der sich für eine Rechtsaußen-Partei einsetzt, forderte respektvoll, am besten kostenlos über die Corona-Krise zu informieren. Schließlich kämen Journalisten ja einer hoheitlichen Aufgabe nach. Ist das so? Waren wir neulich nicht noch Lügenpresse?

Wirklich wichtig ist jetzt: # Stay Home. Flatten the Curve. Bleiben wir gesund. Norbert Jänecke

Arbeit am eigens angeschafften Gartentisch im Schlafzimmer

Homeoffice ohne eigenes Arbeitszimmer – diese erste Hürde ist dank Gartentisch, Küchenstuhl und einer letzten freien Ecke im Schlafzimmer schnell genommen. Könnte sein, dass mein Rücken demnächst eine andere Ausstattung einfordert, aber zum Start läuft’s prima. Auch die Internetverbindung spielt mit, technisch gibt’s für mich als Reporterin also kein Problem.

Aber: Die Kollegen fehlen! Sonst sitzen wir zusammen in einem Großraumbüro, und ich gebe zu: So manches Mal hätte ich gerne eine Tür zu machen können, um mal allein zu sein. Doch jetzt vermisse ich den schnellen Austausch über die Schreibtische hinweg. Klar wird weiterkommuniziert, per Telefon oder Chat, aber das ist gewöhnungsbedürftig.

Ebenso gewöhnungsbedürftig übrigens wie die Tatsache, dass Arbeit und Familie jetzt viel enger zusammenrücken. Hat es meine neunjährige Tochter an meinem ersten Homeoffice-Tag noch heldenhaft geschafft, die Tür zu meinem improvisierten Büro praktisch gar nicht zu öffnen, so zeichnet sich ab, dass sie das nicht auf Dauer durchhalten wird. Wir fanden einen Kompromiss, und so setzte sie sich jetzt zum ersten Mal mit ihren Schulaufgaben zu mir an den Tisch. Beide arbeiteten wir eine Weile still, bis ich ein Recherche-Telefonat führen musste. Kommentar meiner Tochter: „Mama, sei doch mal leise, ich kann mich gar nicht konzentrieren!“ Nina Stratmann

Da steht ein Schaukelpferd in der Behelfsredaktion

Klar, ganz ohne Außentermine kommt ein Reporter auch zu Corona-Zeiten nicht aus. Doch dass ich nun vor dem Gang zum Termin zunächst die Hausschlappen gegen die Straßenschuhe tauschen muss, irritiert mich dann immer noch. Ganz abgesehen von dem Schaukelpferd, das Sohn Nummer eins aus der Abstellkammer auf dem Dachboden hervorgekramt hat und ins angrenzende Arbeitszimmer geschleppt hat, um sich mit seinen fast fünf Jahren auf den alten Klepper zu zwängen.

Doch ein wenig Gesellschaft tut ja gut, im heimischen Büro. Der Austausch mit den Kollegen, das schnelle Grübeln über eine Formulierung oder die Bitte um Kontaktdaten von Gesprächspartnern - all das muss nun über Nachrichtendienste im Internet oder das Telefon laufen. Das fehlt durchaus was.

Und im Zweifel bekommen die Kollegen während der Telefonkonferenzen dann auch Teile des Familienlebens mit zwei Kindern mit. Matthias Düngelhoff

Im Zweifel wird dann eben der Ess- zum Schreibtisch

Homeoffice: Das war zuletzt vor 20 Jahren, damals noch mit dickem Mäc, passender Maus, Drucker, Computertisch etc. im richtigen Arbeitszimmer. Heute – in Coronazeiten - steht nur ein kleiner Laptop auf dem zweckentfremdeten Esstisch, daneben ein viel zu häufig vibrierendes Mobiltelefon, das nie den schnellen Zuruf, ein kurzes „Jau, so machen wir das!“ geschweige denn eine Redaktionskonferenz im Team ersetzen kann.

Alles funktioniert langsamer, bei mir auch noch an Tag vier des verordneten „Sicherheitsexils“. Entschleunigung? Weit gefehlt. Alles dauert länger, ist komplizierter in den Abläufen. Produktiver scheint das nicht zu sein. Vielleicht aber ein Ausblick in die Zukunft der neuen Heimarbeit. Eine ideale Situation für eine Theaterkritik oder CD- Besprechung. Für ein Redaktionsteam, in dem jeder über (fast) alles berichten soll, scheint diese Situation auf Dauer nicht ideal zu sein.

Darüber tröstet auch der Ausblick in den momentan menschenleeren, aber blühenden Stadtpark kaum hinweg. Aber: Im Gegensatz zu vielen anderen gibt es für uns auch in Coronazeiten noch Arbeit. Und plötzlich freut man sich über den Blick aus dem Esszimmerfenster. Dirk Aschendorf

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