Gedenken

30 Stolpersteine, 30 Schicksale

Stolpersteine der Familie Wolf, die in Dinslaken ein Zigarrengeschäft führte.

Stolpersteine der Familie Wolf, die in Dinslaken ein Zigarrengeschäft führte.

Foto: WAZ FotoPool

Dinslaken.   An neun weiteren Stellen in Dinslaken wird seit Samstag den Opfern des Nationalsozialismus gedacht.

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Gunter Demnig arbeitet ruhig, schnell und präzise. Mit einem Eisen löst er einzelne Steine aus dem Pflaster der Neustraße, hebt den losen Boden darunter aus, füllt die Lücke mit einem speziellen Betonestrich an. Dann setzt er die Stolpersteine ein. Für die Mitglieder der Familie Davids an der Neustraße 15, wie wenige Minuten zuvor vor dem Haus Neustraße 45 für die Familie Wolf. Wie an sieben weiteren Stellen in der Innenstadt, Hiesfeld und Barmingholten an diesem kalten Februar-Tag. Demnig lässt Wasser aus einer Gießkanne in die Fugen fließen, verfüllt sie mit Zementmörtel. Zehn Minuten braucht der Betonestrich, um sich zu verfestigen, innerhalb einer Stunde ist er getrocknet.

Demnig säubert die Messingplatten auf den Steinen. Insgesamt alles eine Arbeit von wenigen Minuten. Nächste Woche wird er in Holland den vierzigtausendsten Stolperstein verlegen, 95 Prozent der Steine in 1000 Städten, darunter 817 in Deutschland hat er bislang selbst in Gehwege eingelassen.

40 000 Steine für 40 000 Schicksale. Und noch lange kein Ende in Sicht. 49 Steine sind es seit Samstag in Dinslaken. Anne Prior rechnet damit, dass die drei- bis vierfache Anzahl folgen muss, um allen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft allein in Dinslaken gerecht zu werden.

„Stadt der Toleranz“

„Mögen die Stolpersteine dazu beitragen, die Erinnerung in die Gegenwart zu tragen und Dinslaken die Stadt der Toleranz bleiben zu lassen“, schließt Bürgermeister Dr. Michael Heidinger seine Ansprache zur Verlegung des ersten Steins des Tages. Er stellt die Aktion in den Kontext des Gedenkjahres 2013: 80 Jahre Machtergreifung, 75 Jahre Pogromnacht, aber auch 20 Jahre Mahnmal von Alfred Grimm in Dinslaken. „So bitter der Anlass ist“, sagt Heidinger über die Stolpersteine, „so groß ist die Freude über den Einsatz der Bürger.“ Der Verein Stolpersteine für Dinslaken steht hinter der Verlegung, Institutionen wie Privatpersonen haben die Steine gespendet.

Dr. Thomas Götz legt Rosen auf die Steine von Hugo Wolf und Bertha Davids nieder. Die Stadtwerke haben für diese die Patenschaft übernommen. „Man sieht Dinslaken mit ganz anderen Augen, wenn man die Schicksale der Menschen kennt, die hier wohnten.“

Die Scheins, die Katzs, die Cohens... Anne Prior hat ihre Biographien international recherchiert, nun trägt sie sie neben den Gedenksteinen vor.

Gabi Khannas Israel AG des THG kennt einen derer, für deren Steine sie die Patenschaft übernahm, persönlich. Fred Spiegel wohnte als Kind im Haus Bismarckstraße 61. Sieben Stolpersteine lässt Gunter Demnig für die Familie in den Gehweg ein. Die Schülerinnen und Schüler der Israel AG schildern in kurzen Texten und Spielszenen die Biographien, berichten von persönlichen Erlebnissen mit Fred Spiegel unter anderem bei den Dreharbeiten zum Film mit Adnan Köse, der am 5. März im Rahmen des Festivals Paul Spiegel in Düsseldorf gezeigt wird.

Der erste Stolperstein in Hiesfeld: Vor der Krengelstraße 43 erinnert er an das KPD-Mitglied Alexander Grandys, der das KZ überlebte. Ebenso wie Wilhelm Bathen, der 1945 nach acht langen Jahren in den KZ Buchenwald und Dachau am 29. April 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Er war Zeuge Jehova. Diese wurden von den Nazis auch verfolgt, weil sie den Dienst an der Waffe verweigerten und damit Sand im Getriebe der Kriegsmaschinerie waren. Den Stolperstein für Wilhelm Bathen stiftete seine Familie: „Sein Leben hat unser politisches Bewusstsein geprägt.“

Die letzten Steine, die am Samstag in der Dinslakener Innenstadt verlegt wurden, erinnern an Salli, Miriam und Ruth Weinberg. Der Lions Club Dinslaken 2012 fördert die Verlegung ihrer Stolpersteine vor dem Haus Hünxer Str. 45. Am vergangenen Montag hat Anne Prior das Schicksal dieser Familie vor Mitgliedern des Lions Clubs vorgetragen.

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