46 Fragen

46 Fragen an die Dinslakener Feuerwehrfrau Katrin Aran Huber

Katrin Aran Huber (39) ist Brandmeisterin und Rettungssanitäterin bei der Feuerwehr Dinslaken.

Foto: Lars Fröhlich

Katrin Aran Huber (39) ist Brandmeisterin und Rettungssanitäterin bei der Feuerwehr Dinslaken. Foto: Lars Fröhlich

Dinslaken.   Katrin Aran Huber ist Brandmeisterin und Rettungssanitäterin. Am Beruf schätzt sie das Arbeiten in der Gruppe. Privat zählt Zeit mit der Familie.

Die Tür des roten Feuerwehrhauses an der Hünxer Straße wird von innen aufgestoßen. Klasse, ich werde erwartet! Mein Gedanke ist ein Trugschluss: Brandmeisterin und Rettungssanitäterin Katrin Aran Huber, der ich heute 46 Fragen stellen möchte, sei noch auf einem Einsatz, erklärt mir ihr Kollege Christoph Jonkmanns, der mich stattdessen in Empfang nimmt. Ich nicke verständnisvoll. Menschen helfen geht vor.

Also bleibt Zeit, die Struktur der hiesigen Feuerwehr erläutert zu bekommen: Dinslaken hat keine Berufsfeuerwehr, sondern eine Freiwillige Feuerwehr mit hauptamtlichen Kräften. 180 Freiwillige und 70 Beamten arbeiten hier, Katrin Aran Huber seit 2013. Kaum ist die 39-Jährige eingetroffen, beginnt unser Gespräch.

1. Feuerwehrmann und Feuerwehrfrau – gibt’s da nicht auch einen weniger umständlichen Begriff, der beide Geschlechter einschließt? Ich glaube: Nur Feuerwehrmann und Feuerwehrfrau, das ist auch das, was die Bevölkerung sagt. Ein Allgemeinbegriff fällt mir nicht ein.

2. Wann kommt die Berufsfeuerwehr und wann die Freiwillige Feuerwehr?
Grundsätzlich kommen die hauptamtlichen Kräfte. Je nach Alarmstichwort und Größe des Einsatzes wird dann auch die Freiwillige Feuerwehr hinzugerufen.

3. Warum heißt es eigentlich Feuerwehr, wenn Sie doch auch ausrücken, wenn mein Keller mit Wasser vollgelaufen ist?
Wir haben Aufgaben, die heißen ja: Retten, Löschen, Bergen, Schützen. Und dazu gehört natürlich auch, einen Keller auszupumpen. Wir wollen der Bevölkerung in Not helfen. Man vergisst ganz oft, wie viele Aufgabenbereiche wir haben. Wieso der Oberbegriff „Feuerwehr“ heißt, weiß ich auch nicht. Hat wahrscheinlich sehr viel mit Geschichte zu tun.

4. Warum sind Sie Brandmeisterin und Rettungssanitäterin geworden?
Weil das immer mein Wunsch war, weil mich das begeistert hat. Ich finde es sehr abwechslungsreich, ich arbeite gerne im Team. Es ist nie langweilig. Und ich finde die Kombination aus Rettungsdienst und Feuerwehr halt toll. Zuvor hat Katrin Aran Huber im Büro eines Dinslakener Autohauses gearbeitet.

5. Hatten Sie mal einen Moment, in dem Sie nicht mehr Feuerwehrfrau sein wollten?
Ich hatte während meiner Ausbildung mal kurz eine Phase, weil meine Kinder natürlich zurückstecken mussten. Sie sind mittlerweile 8, 10 und 15 Jahre alt. Einmal stand meine Tochter vor mir, sagte: „Mama, nicht gehen – Uniform ausziehen“ und hat geweint, da habe ich natürlich schlucken müssen. Es hat sich aber alles eingependelt und mittlerweile ist sie auch sehr stolz.

6. Hatten Sie mal einen Moment, in dem Sie wussten: Es ist genau richtig, dass ich Feuerwehrfrau geworden bin?
Hab ich ganz oft. Wenn ich sehe, dass das, was ich da gemacht hab, jemandem geholfen hat. Oder wenn wir gemeinsam eine Aufgabe geschafft haben. Als Team.

7. Was wären Sie heute, wenn Sie keine Feuerwehrfrau wären?
Ich denke, ich wäre dann immer noch Mama und Hausfrau. Und würde wahrscheinlich nach wie vor im Büro arbeiten.

8. Gibt es eine Eigenschaft, die jeder bei der Feuerwehr hat oder haben muss?
Er sollte Teamplayer sein.

9. Gibt es typische Berufskrankheiten?
Ich würde sagen: Rückenprobleme. Und vielleicht noch Schlafprobleme. Weil man nachts ständig raus und danach wieder runterfahren muss.

10. Mit wem spreche ich denn, wenn ich die 112 anrufe?
Mit der Kreisleitstelle in Wesel. Da gehen alle Notrufe im Kreis ein.

11. Haben Sie einen Weihnachtsbaum mit echten Kerzen?
Nein. Es ist einfach zu gefährlich. Ich könnte da gar nicht bei entspannen.

12. Zu wie vielen Einsätzen rückt die Feuerwehr Dinslaken jährlich aus?
Aran Huber hat vor unserem Gespräch nachgefragt. So 600 bis 800.

13. Bei wie vielen davon sind Sie selbst etwa dabei?
Wir haben gestern mal kurz überschlagen. Wir haben ungefähr 100 Dienste im Jahr: 50 für die Feuerwehr und 50 für den Rettungsdienst. Feuerwehreinsätze machen wir jeder zirka 50 im Jahr, im Rettungsdienst gibt’s so etwa acht bis zehn Einsätze pro 24-Stunden-Schicht.

14. Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Dann bin ich bei meiner Familie: bei meinen Kindern und meinem Lebensgefährten. Wenn dann noch mal Zeit ist, gehe ich gerne zur Freiwilligen Feuerwehr in Eppinghoven und pflege Kameradschaft.

15. Und was machen Sie, wenn sie zwar arbeiten, aber keine Einsätze fahren?
Ich glaube, viele denken, wir sitzen dann bloß rum und warten. Das ist aber gar nicht so: Wir haben eine Menge zu tun. Wir haben alle verschiedene Sachgebiete: Ich bin für die Personaldaten verantwortlich. Die muss ich pflegen. Wir waschen zudem unsere Wäsche selbst, bekochen uns, müssen die Fahrzeuge waschen, machen Brandschutzerziehung. Wir haben selbst Unterricht: theoretischen wie praktischen.

16. Warum fahren so viele Fahrzeuge zum Einsatzort?
Ich glaube, manchmal sieht der Bürger mehr Fahrzeuge, als wirklich da sind. Die Kreisleitstelle bewertet den Vorfall und schätzt, wie viele Fahrzeuge und Einsatzkräfte es dafür braucht. Wir haben dann sogenannte Alarmstichwörter die uns erste Hinweise liefern. Bei „Ölspur“ fährt beispielsweise nur ein Fahrzeug. Weitere Stichwörter seien „Person in Aufzug“, „Person in Wohnung“, „Feuer“, „Tier in Not“, „Amtshilfe“.

17. Warum arbeitet bei einem Einsatz oft nur ein Teil der Feuerwehrleute und nicht alle?
Wir arbeiten truppweise, also immer zu zweit. Wir haben verschiedene Aufgabengebiete, arbeiten uns gegenseitig zu. Es gibt zum Beispiel Leute, die bei einem Feuer draußen warten und aufpassen, dass uns drinnen nichts passiert. Die sehen zwar entspannt aus, sind aber die ganze Zeit im Einsatz und in Bereitschaft.

18. Warum blockiert die Wehr immer die ganze Straße?
Eigenschutz: Damit keiner überfahren wird. Manchmal geht’s auch einfach nicht anders.

19. Wie läuft es mit dem Nachwuchs in Dinslaken?
In Dinslaken läuft es eigentlich ganz gut. In der Jugendfeuerwehr, die es bald seit 50 Jahren gibt, haben wir rund 50 Jugendliche. In der Kinderfeuerwehr haben wir etwa 30 Nachwuchskräfte – und eine Warteliste. Wir versuchen aber immer weiter, der Jugend zu zeigen: Da sind wir.

20. Warum fährt die Feuerwehr auch nachts mit Martinshorn?
Wenn wir die Sondersignale von der Kreisleitstelle freigegeben kriegen, dann ist das Blaulicht nur in Kombination mit dem Martinshorn erlaubt.

21. Erschrecken Sie sich, wenn das Martinshorn ertönt?
Ne. Manchmal grins ich mir einfach einen, weil ich denke: Schön, ich hab frei.

22. Wollte oder will eines Ihrer Kinder auch Feuerwehrmann oder Feuerwehrfrau werden?
Meine achtjährige Tochter möchte auf jeden Fall noch Feuerwehrfrau werden. Aber sie möchte auch ganz vieles werden: Sängerin. Und Schauspielerin. Und eben Feuerwehrfrau.

23. Hatten Sie früher ein Feuerwehrauto im Kinderzimmer?
Ganz viele. Ich war nie so die Puppentante.

24. Für welche Arten von Einsätzen werden Sie am häufigsten gerufen?
Ich glaube Brandmeldeanlagen haben wir häufig, ebenso wie Ölspuren oder Personen in Wohnungen. Und First-Responder – also Rettungseinsätze, die die Feuerwehr fährt.

25. Ihr spannendster Einsatz?
Der allererste Dachstuhlbrand während meiner Ausbildung: Da konnte ich nichts sehen und musste reinkrabbeln. Das war spannend, danach war ich auch stolz wie Oskar. Gerade auf solche Einsätze arbeitet man in der Ausbildung ja hin.

26. Der kurioseste?
Als ich mit einer Kollegin im Zweiertrupp war und wir zusammen in ein Feuer mussten. Zwei Frauen gemeinsam ist schon ungewöhnlich. Das war an einem Sonntag, erzählt Aran Huber dann noch. Während andere mit ihren Familien zuhause gesessen und Kuchen gegessen hätten, bekämpften Aran Huber und ihre Kollegin das Feuer – zwölf Stunden lang.

27. Und der traurigste?
Ein unschöner Übergang: Ich merke das, als ich die Frage stelle und stocke. Aran Huber nimmt es auch wahr, aber mir zum Glück nicht krumm. Es gibt immer wieder Einsätze, die traurig sind. Aber in dem Job muss man lernen, Sachen abhaken zu können. Im Rettungsdienst hatte ich mal einen älteren Herren, der hatte gar nichts mehr – keine Frau, keine Kinder. Als er dann da lag in einem Hemd und zu mir sagte: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, da musste ich schlucken. Das war sehr emotional.

28. Wie ist das Verhältnis von Frauen und Männern bei der Wehr in Dinslaken?
Wir sind rund 70 Leute, darunter vier Frauen. Frauen sind schon noch die Ausnahme. Bei den Zahlen handelt es sich um die hauptamtlichen Kräfte.

29. Haben Frauen einen eigenen Umkleideraum?
Ja. Eigene Duschen, Toiletten und Umkleideräume. Haben wir alles. Auf die Geschlechtertrennung wird strikt geachtet.

30. Gibt es für Frauen andere Kleidung als für Männer?
Nein. Am Anfang, erzählt Aran Huber, musste sie erst lernen, welche Männergröße sie hat. 46/48. Sagt mir nichts, antworte ich und sie lacht verständnisvoll. Ein kleines Paar Schuhe musste ich auch schon mal bestellen lassen. Aran Huber trägt Größe 39. Geht aber alles.

31. Wie viel wiegt ihre Uniform?
So zirka 30 Kilo, mit Atemschutzgerät und Helm. Das ist schon ein bisschen was.

32. Tut der Rücken nach so ‘ner Schicht weh?
Ja. Definitiv.

33. Wie fit muss ein Feuerwehrmann sein?
Der muss schon sehr fit sein. Sollte er zumindest.

34. Welchen Klischees sind Feuerwehrleute heutzutage noch ausgesetzt?
Dass sie sehr vertrauenswürdig sind. Teilweise als Helden betitelt werden. Dass sie harte Kerle sind. Letzteres ist heute allerdings nicht mehr unbedingt so.

35. Wie viele Kalender mit leicht bekleideten Frauen hängen bei Ihnen auf der Wache?
Gar keine. Vielleicht hat der eine oder andere einen im Spind. Aber das weiß ich natürlich nicht.

36. Und wie viele mit leicht bekleideten Männern?
Auch keine.

37. Was ist Ihr Lieblingsort am Niederrhein?
Mein Zuhause. Aran Huber wohnt in Möllen, rund 200 Meter vom Rhein entfernt. Und eben der Rhein.

38. Welches ist Ihr Lieblingseis und wo gibt es das?
Stracciatella. In der Neutor-Galerie.

39. Wie viele Freunde haben Sie aktuell auf Facebook?
‘Ne ganze Menge, ich weiß es nicht. Aran Huber wollte die Zahl vor unserem Gespräch nachgucken, hat sie aber auf ihrem Profil nicht gefunden.

40. Kennen Sie die alle?
Ja. Ich nehme niemanden an, mit dem ich noch nie persönlich gesprochen habe.

41. Wie und wofür nutzen Sie Facebook bei der Wehr?
Ich selbst kümmere mich nicht um den Facebook-Auftritt. Aber jeder Löschzug hat da so seinen Experten. Fakt ist: Man kann darüber auf sich aufmerksam machen und sich präsentieren.

42. Mit welchem Satz würden Sie heute für die Feuerwehr Werbung machen?
Einer für alle – alle für einen.

43. Wie lange dürfen Sie höchstens brauchen, bis Sie bei einem Einsatz sind?
Laut Alarmausrufeordnung: Acht Minuten bis zum Einsatzort. Das ist ein Richtwert für dicht besiedelte Gebiete NRWs, habe ich bereits eingangs erfahren. Ist die Feuerwehr nach dieser Zeit da, könnten selbst Personen mit einer Kohlenmonoxidvergiftung noch mit einem blauen Auge davonkommen und gerettet werden, wird mir erklärt.

44. Brauchen Sie auch mal länger?
Ähm. Wir haben Randgebiete . . .

45. Kommt es oft vor, dass sich jemand nach einem Einsatz bei Ihnen bedankt?
Es kommt vor. Aber ob das jetzt oft ist? Ich glaube nicht. Aber wir freuen uns natürlich immer, wenn sich jemand bedankt. Weil wir auch erfahren: Was ist aus der Sache geworden, wie wurde weiter verfahren,. . . Ein Dankeschön tut der Seele auch mal ganz gut.

46. Etwas, das Sie gerne noch gefragt worden wären?
Ich glaube, wir haben über viele Dinge geredet.

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