46 Fragen

46 Fragen an Schornsteinfeger Herbert Scholz aus Dinslaken

Der Dinslakener Herbert Scholz ist Schornsteinfeger im Duisburger Norden.

Foto: Heiko Kempken

Der Dinslakener Herbert Scholz ist Schornsteinfeger im Duisburger Norden. Foto: Heiko Kempken

Dinslaken.   Der Schornsteinfeger Herbert Scholz aus Dinslaken wünscht zum Jahreswechsel „Gesundheit, Glück, ein langes Leben . . . und immer was zu fegen“.

Herbert Scholz hat sich extra für das 46-Fragen-Interview dreckig gemacht. „Soll ja schön aussehen so aufm Foto nachher“, sagt der 64-Jährige erklärend. Der „Walsumer Jung“ ist Schornsteinfeger im Norden Duisburgs, in „Duisburch“, wie er selbst sagt. Seit 1975 lebt er in Dinslaken, den Beruf übt er seit 50 Jahren aus. Sein Händedruck zur Begrüßung ist kräftig-herzlich.

1. Warum bringt der Schornsteinfeger eigentlich Glück? In Italien – da kommt der Schornsteinfegerberuf her – da wurden kleine Kinder, zehn vielleicht elf Jahre alt, früher auf den Bauernhöfen durch die Schornsteine geschickt, um sie sauber zu machen. Und das empfanden die Bauern dann als Glück, da so ihre Scheunen und Häuser nicht abgebrannt sind.

2. Wie oft tragen Sie denn eigentlich den Zylinder?
Nicht jede Woche, aber immer wieder zu besonderen Anlässen: Bei Neujahrsempfängen, Hochzeiten oder Geburtstagen. Aber auch wenn ich selbst auf der Arbeit meine Feuerstättenschau tätige.

3. Warum sind Sie Schornsteinfeger geworden?
Das ist eine gute Frage. Ich hatte eigentlich mit 14 Jahren einen Lehrvertrag als technischer Zeichner unterschrieben. Und dann kam 14 Tage vor meiner Schulentlassung mein Klassenlehrer und hat mich zu einem Nachmittagsgespräch mit dem damals zuständigen Bezirksmeister und seinen Mitarbeitern eingeladen. Ich hab mir dann ‘ne Stunde angehört, was die mir erzählt haben und dann war für mich klar: Ich werd’ Schornsteinfeger. Ich muss raus, ich muss anne frische Luft, ich muss mit Leuten reden können, . . .

4. Hatten Sie mal einen Moment, wo Sie nicht mehr Schornsteinfeger sein wollten?
Ne, ich wüsste keinen. Doch. Ich hatte mal ‘nen Fall, wo vier Menschen ‘ne CO-Vergiftung hatten. Und dann fährste da natürlich schnell hin und auf dem Weg fragste dich die ganze Zeit: Hat der Mitarbeiter seine Arbeit richtig gemacht? Ich bin ja der Verantwortliche. Aber dann hat sich zum Glück herausgestellt, dass das nicht von uns kam, sondern dass der Eigentümer selbst an seiner Koksheizung rumgefummelt hat. Zum Glück sind auch alle am Leben geblieben.

5. Was wären Sie heute, wenn Sie kein Schornsteinfeger wären?
Technischer Zeichner. Oder auch Architekt. Bergmann durfte ich jedenfalls nicht werden, das hat mein Vater mir verboten . . .

6. Wie läuft so ein Arbeitstag bei Ihnen ab?
Morgens stehe ich so gegen 6.30 Uhr auf, dann geht’s erstmal ins Büro. Mein Mitarbeiter kommt auch zwischen 7 und 8, dann wird der Tag besprochen. Dann geht’s entweder weiter im Büro – ich muss Messberichte oder Rechnungen schreiben, muss Statistik machen und ein Kehrbuch führen . . . Oder aber ich hab Termine draußen, Abnahmen von Feuerstätten zum Beispiel.

7. Gibt es typische Berufskrankheiten?
Nö. Früher hatten viele Schornsteinfeger Hodenkrebs. Aber das ist keine anerkannte Berufskrankheit. Ich hatte so an Atemwegserkrankungen gedacht, werfe ich ein. Ne, gar nicht. Für die rußige Arbeit hatten wir früher ja das Mundtuch. Er zuppelt es hervor. Heute ist das nur noch schön.

8. Wie ist das mit Frauen in Ihrem Beruf?
Mittlerweile gibt es viele. Ich würde schätzen, dass unter 20 Schornsteinfegern eine Frau dabei ist. Wir haben im Regierungsbezirk Düsseldorf so 80 weibliche Auszubildende. Frauen lernen den Beruf immer mehr.

9. Was denken Sie, wenn jemand auf der Straße kommt und Sie berührt?
Ich umarme die Leute, ich lasse sie an meinen Knöpfen drehen, ich küss’ die, ich mache auch Fotos. Ob die jetzt 17 oder 70 sind.

10. Werden Sie oft angefasst?
Wenn ich in meiner Uniform rumlaufe, dann schon.

11. Werden Sie gerne angefasst?
Ich hab da keine Probleme mit.

12. Welche Eigenschaft muss ein Schornsteinfeger auf jeden Fall besitzen?
Er darf keine Höhenangst haben, er muss ehrlich sein, freundlich und höflich.

13. Und welche darf er auf keinen Fall haben?
Höhenangst.

14. Gas- oder Öl-Heizung: welche ist besser zu warten?
Eine Gasheizung. Da gibt es nicht so viele Rückstände wie bei Öl.

15. Und welche ist umweltfreundlicher?
Die Gasheizung.

16. Welche haben Sie zu Hause?
Wir haben Fernwärme. Nicht ich, sondern mein Eigentümer. Wir hatten früher ‘ne Ölheizung, dann hat er das umgestellt.

17. Nehmen Sie den Geruch von Ruß noch wahr?
Ja sicher! Dat riecht doch schön, nach Holz und so. Früher hat sich da auch niemand drüber aufgeregt. Heute . . .

18. Stimmt es, dass Schornsteinfeger früher rußgeschwärzter waren als heute?
Ja, deutlich. Schon vorher hat Scholz erzählt, dass er seine Hände nach dem ersten Einsatz im Kamin anderthalb Stunden waschen musste.

19. Ihre Wünsche für 2018?
Gesund bleiben, damit ich meinen Beruf weiter ausüben kann. Viel Spaß haben mit den drei Enkelkindern. Und, dass mein HSV nicht absteigt.

20. Was ändert sich für Sie im neuen Jahr?
Soll ich jetzt sagen: Ich möchte abnehmen? Wenn meine Frau das liest, dat glaubt die nicht. Was sich im neuen Jahr ändert? An für sich nichts. Wenn es so läuft wie im alten Jahr, bin ich hochzufrieden.

21. Wie viele Heizungen müssen Sie ab dem 1. Januar schätzungsweise mit einem neuen Effizienzlabel versehen?
Im letzten Jahr waren es 146. Ich sach ma: 150 bis 180.

22. Sind Sie schon mal in einem Kaminschacht stecken geblieben?
Mit dem Besen: sicher. Selbst: nein.

23. Wie eng ist es in so einem Kaminschacht?
Scholz nimmt die Arme zur Hilfe, streckt sie etwas von sich, um die Größe zu zeigen. Platzangst darf man nicht haben. Aber da müssen wir ja nicht mehr durch. Dat ist Schnee von gestern.

24. Bei wem würden Sie gern mal fegen?
Fegen? Bei wem... Er denkt nach, gibt schließlich eine scherzhafte Antwort. Nein, nein um Gottes Willen, das schreiben Sie jetzt aber besser nicht! Er überlegt wieder. Ah! Wissen Sie, wo ich gerne mal fegen würde: Auf den Dächern von Düsseldorf. Weil die Häuser da höher sind und man Düsseldorf von oben sieht. Das ist schon gigantisch.

25. Was war das Bizarrste, das bei ihnen jemals einen Schornstein verstopft hat?
Eine noch lebende Taube. Da war ich noch ein junger Bursche, hatte keine Handschuhe an. Da mach ich den Schieber auf, greife rein und dann bewegt sich da was. Ich hab mir fast inne Hose geschissen. Dann bin ich erstmal raus ausm Keller, hab erstmal Luft geholt. Es war schon klar, dass das nur ein Vogel sein kann – aber erschrocken hab ich mich trotzdem. Ansonsten gabs vielleicht mal einen Hammer, Steine, Beton.

26. Wie lange brauchen Sie nach einem Arbeitstag, um sauber zu sein?
Zehn Minuten. Wenn ich ein bisschen dreckiger bin, so wie heute, dann nehme ich Reinol und ‘nen Kupferlappen, mit dem Omma früher die Töpfe sauber gemacht hat. Dann werden die Hände eingeschmiert und dann geht das ab.

27. Können Sie Ihre Frau direkt begrüßen, wenn Sie von der Arbeit kommen oder müssen Sie erst mal duschen?
Meistens ist sie noch gar nicht zuhause, wenn ich komme. Wenn sie aber da ist, dann sage ich erst Guten Tach und gehe dann unter die Dusche.

28. Geben Sie bei der Arbeit die Hand zur Begrüßung?
Wenn die Finger dreckig sind, dann weniger. Wenn ich zu den Leuten nach Hause komme, dann schon mal – je nach Situation.

29. Und zum Abschied?
Da sach ich „Schönen Tach noch“ oder wie jetzt grad „Guten Rutsch ins neue Jahr“.

30. Sind Sie schwindelfrei?
Ja. Aber nur aufm Dach. Ich kann auch schonmal schwindeln. Notlügen nennt man das, glaube ich auch.

31. Sind Sie abergläubisch?
Ja. Wenn mir beispielsweise eine schwarze Katze begegnet, dann bin ich schon vorsichtig und überlege, ob das jetzt von links nach rechts oder andersrum sein muss.

32. Haben Sie einen Glücksbringer?
Ja sicher. Meinen Schornsteinfeger und den Glückstaler. Haben Sie den beim letzten Mal etwa nicht gekriegt? Kaum sage ich „Ne“, nestelt Scholz schon an einer seiner Taschen herum und holt beides heraus. Geben Sie Ihrer Kollegin auch einen. Später werde ich Scholz zu seinem Auto begleiten, wo er mir dann Glücksbringer für die gesamte Redaktion mitgeben wird. Wenn das nichts wird in 2018!

33. Wann hatten Sie mal so richtig Glück?
Als ich meine Frau geheiratet habe und als unser Sohn zur Welt kam. Und natürlich auch mit unseren Enkelkindern.

34. Was macht Sie glücklich?
Scholz senkt seine Stimme, wird nachdenklich und überlegt. Dass alle gesund sind. Wenn alles rundum funktioniert. Beruflich sowie familiär. Glücklich bin ich auch, wenn der HSV gewinnt. Wenn ich Spaß mit den Enkelkindern habe. Weihnachten, das war wieder so herrlich . . . Er erinnert und erzählt. Von den strahlenden Augen, dem leuchtenden Tannenbaum . . . Ach, wenn ich so nachdenke: Ich bin eigentlich wunschlos glücklich. Wenn ich morgen vom Dach fallen würde, kann ich sagen: Ich hab gelebt.

35. Wie sehr nerven Sie die Fragen nach Schornsteinfegern als Glücksbringer?
Die nerven mich nicht. Wir sind doch Glücksbringer! Letztens, als ich mit meinem Mitarbeiter im Auto in unserem Bezirk unterwegs war, da lief da so ‘ne Kindergartengruppe, zwölf kleine Kinder, so alt wie unsere älteste... Die große Enkelin ist fünf. Dann haben wir angehalten und die Figürchen an die Kinder verteilt. Damit die auch nicht vergessen, dass es ja den Schornsteinfeger gibt.

36. Ferkel oder vierblättriges Kleeblatt?
Schornsteinfeger. Ich lache. Ich liebe aber alle Glückssymbole. Auch den Pfennig.

37. Sind Sie schon mal mit Ferkel und vierblättrigem Kleeblatt fotografiert worden?
Nö.

38. Wofür steht eigentlich das „schorn“ in Schornstein?
Hm. Das kann ich nicht beantworten. Ich habe selbst im Netz keine Antwort auf diese Frage gefunden.

39. Erzählen Sie mal einen Schornsteinfegerwitz.
Der Schornsteinfeger geht an der Kneipe vorbei. Und weiter, frage ich. Dann fällt der Groschen. Oh, ups, besser die nächste Frage. Aber nein, Scholz möchte noch einen Witz erzählen. Was haben wir, wenn drei Schornsteinfeger gleichzeitig in den Schnee pinkeln? In meinem Kopf läuft das „Jeopardy Theme“ – diese dumdidumdi-Wartemusik. Ich hab’s nicht so mit Witzen. Winter. Ah ja, natürlich. Jetzt aber besser zur nächsten Frage!

40. Die meistgestellte Frage an einen Schornsteinfeger lautet...?
Scholz überlegt länger. Weil ich schon älter bin, fragen mich die Leute oft: „Müssen Sie denn noch arbeiten?“ Ich muss nicht, aber ich will. Bis zum bitteren Ende, bis 2020.

41. Werden Schornsteinfegerkinder auch Schornsteinfeger?
In Scholz’ Fall ist das so: Sein Sohn Christian ist ebenfalls Schornsteinfeger, arbeitet mittlerweile in Bochum-Wattenscheid. Ja, das kommt häufiger mal vor.

42. Welche sind Ihnen die liebsten Kunden?
Ach, eigentlich alle. Meine Berchleute mag ich natürlich besonders. Aber alle.

43. Würden Sie lieber Rauchfangkehrer, Kaminkehrer, Kaminfeger oder anderswie genannt?
Bei uns sacht man ja oft noch Schorni. Oder „der Schwatte“. Aber Schornsteinfeger ist auch gut.

44. Schornsteinfeger und der Jahreswechsel – wie hängt das zusammen?
Wir sind Glücksbringer, wir wünschen ‘nen guten Rutsch oder auch ein frohes Neues!

45. Ihre Neujahrswünsche an unsere Dinslakener, Voerder und Hünxer?
Gesundheit, Glück, ein langes Leben – und immer was zu fegen.

46. Etwas, das Sie gerne noch gefragt worden wären?
Nö. Waren doch genug Fragen jetzt.


Ich begleite Scholz zu seinem Auto, die Kollegin macht noch ein smartes Foto. Viele Glücksbringer wandern in eine meiner Hände. Ein paar Sätze zum Abschied, eine Frau läuft vorbei. „Junge Dame!“, ruft Scholz ihr zu. „Haben Sie schon mal einen Schornsteinfeger umarmt?“ Sie drückt ihn feste, lächelt. „Jetzt ja.“ Scholz und ich, wir verabschieden uns mit einem kräftig-herzliche Händedruck. „Ich bin übrigens der Herbert“, sagt Scholz. Danke Herbert für das nette Gespräch! Und: Einen guten Rutsch!

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