Trödelmarkt

Auf Entdeckungsreise beim Parkmarkt in Dinslaken-Lohberg

Reges Treiben herrschte unterm Wasserturm, wo man zwischen Secondhand-Kleidung und so manchen Raritäten ins Gespräch kam.

Reges Treiben herrschte unterm Wasserturm, wo man zwischen Secondhand-Kleidung und so manchen Raritäten ins Gespräch kam.

Foto: Jochen Emde / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Der Parkmarkt versteht sich als soziales Kunstprojekt. Hier findet man nicht nur Rares, sondern auch die Geschichten und die Geschichte dazu.

Zum vierten Mal hat Jule Osten mit dem Verein Parkwerk Privatleute aufgerufen, ihre Schränke und Keller zu durchforsten und etwas Leckeres zu kochen oder zu backen: Der Parkmarkt ist kein gewöhnlicher Trödelmarkt, sondern der klassische Flohmarkt als soziales Kunstprojekt, dass die Menschen im Stadtteil über den Tisch hinweg ins Gespräch bringen möchte.

Deshalb wird die Standmiete auch in Naturalien „gezahlt“, deshalb gehören zum Markt auch Livemusik und Kunst. Letzteres zeigen Urban Arts und der Deutsche Kinderschutzbund mit Bildern rund um den Bergbau.

Handgenähte und genietete Kostüme

Aber genauso anschauliche Bilder vom Leben hier in der Region geben die Dinge, die an den Ständen angeboten werden, begibt man sich nur auf die Suche nach Geschichten und Geschichte.

Gleich am ersten Stand werde ich fündig. Neben einer Figur des schönen wie gefährlichen „Sephiroth“ aus „Final Fantasy“ liegt ein Kettenhemd. In Damengröße. Und nicht nur das. Anja Korjagin war Mitglied der inzwischen aufgelöster LARP-Gruppe „Mummenschanz“. Aber die Tage, als sie als Walküre hoch zu Ross trabte, sind vorbei, nun verkauft sie handgenähtes und genietetes Kostüm aus dickem, echten Leder. Sieht toll aus, ist aber leider eine Nummer zu groß.

Secondhand-Kleidung, Lichtschwerter, Urlaub-Souvenirs und Sammlertassen

Ich schlendere weiter, vorbei an Secondhand-Kleidung und Lichtschwertern, Urlaub-Souvenirs und Sammlertassen. Solches Porzellan war früher der Stolz in der Vitrine – vor dem „Coffee-to-go“. Heute ist es aus der Mode gekommen. „Aber zum Wegwerfen zu schade“ finden die Igelbuschs aus Oberhausen.

Was heute Action-Figuren sind, waren früher Zinnsoldaten. Und auch diese wurden, als Kinder anfingen, mit Plastikspielzeug zu spielen, Sammlerstücke. Christfried Brandenberg goss nicht einfach nur historische Armeen, er schnitt selbst Formen aus Schiefer, erzählen seine Frau und Tochter. Einige dieser Zinnfiguren bieten sie an ihrem Stand an. Das Kernstück der Sammlung aber ist geschlossen an ein Privatmuseum nach Bremen gegangen und hält dort die Erinnerung an Brandenberg wach.

Bergwerkskumpel bietet Memorabilien an

Guido ist Bergwerkskumpel, lernte in Lohberg. Er bietet Memorabilien an, von der echten Versteinerung eines Farns aus Ibbenbüren bis zur CD mit Remixen des Steigerlieds, die es nur für RAG-Mitarbeiter gab. Mir aber hat es ein Quartett-Spiel aus den 50ern angetan: Komponisten: Das muss die Musikwissenschaftlerin haben. Und auch beim Buch über Kloster Kamp an einem anderen Stand schlage ich zu: Das schön gestaltete Werk von 1913 kenne ich von Recherchen im Stadtarchiv.

Geschichten, Geschichte, Gespräche. Nicht nur ich fühle mich in der Atmosphäre wohl. Grenzt das an Zauberei? Christian Hegemann kommt beim Zauberkasten von 1969 ins Schwärmen. Kauft ihn aber nicht, zieht mich stattdessen zu einem anderen Stand. Dorthin hat der ehemalige Zauberkünstler einen Kartentrick verschenkt, den er mir nun ein letztes Mal noch einmal selber vorführt.

Happy End gibt’s unterm Wasserturm auch für Antagonisten aus Videospielen

Als Jule Osten und ich uns dann zum Gespräch in den Liegestühlen niederlassen, schaltet sich Ferhad Bayfidad mit ein: „Die Leute sind hungrig auf so etwas“, erklärt er Osten - ohne zunächst zu wissen, dass sie es ist, die den Parkmarkt – erstmalig zu späterer Stunde und erweitert um einen Kindertrödelmarkt – ins Leben gerufen hat. Für sie geht es von Lohberg nach Bremen und dann nach Portland, Maine, USA.

Auch für Anja Korjagins „Sephiroth“ soll es weiter gehen. Ein junger Mann strahlt, als er Figur und Zubehör in Empfang nimmt: „Er wird zwar nicht Charaktere aus seinem Universum, aber viele aus anderen finden.“ Happy End unterm Wasserturm – selbst für Antagonisten aus Videospielen.

>> KUNST ALS SOZIALES PROJEKT

  • Der Verein Parkwerk veranstaltete den Parkmarkt bereits zum vierten Mal mit der Berliner Künstlerin Jule Osten. Sie hat den klassischen Flohmarkt zum sozialen Kunstprojekt erhoben.
  • Parkwerk selbst ist als Verein aus einem solchen Projekt von Jeanne van Heeswijk, Britt Jürgensen und Marcel van der Meijs hervorgegangen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben