Aufbruchstimmung in Dinslaken

Dinslaken.  Nach der Währungsreform 1923 stabilisierte sich die wirtschaftliche und politische Lage im Reich und auch in Dinslaken. Auf nationaler Ebene tolerierte die SPD wechselnde bürgerliche (Minderheits-)Regierungen und stellte ab 1928 mit Hermann Müller den Kanzler einer großen Koalition von SPD, DDP, Zentrum DVP und BVP. Eine positive Grundstimmung wuchs, die Wirtschaft wuchs mit dem enormen Konsum-Nachholbedarf der Bevölkerung, auch der Export nahm wieder Fahrt auf.

Auch in Dinslaken lief es wirtschaftlich gut: Die Zeche Lohberg beschäftigte 1923/24 fast 4000 Bergleute, das Walzwerk über 2000 Arbeiter. Es entstanden viele kleinere und mittlere Betriebe. Die Stadt wuchs dynamisch, so waren im Jahre 1925 nur noch etwa 15 Prozent der Einwohner in Dinslaken geboren!

Dr. Hoffmann von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) wurde am 6. Oktober 1924 zum Bürgermeister gewählt – mit den Stimmen der SPD. Die SPD stellte ab 1925 mit Christian Fielenbach den ersten Beigeordneten. Im Kreis Dinslaken amtierte von 1920 bis 1930 der altgediente Sozialdemokrat Wilhelm Schluchtmann als Landrat. Schluchtmann, der durch sein mutiges Auftreten und seinen siebenmonatigen Gefängnisaufenthalt in der Zeit der Ruhrbesetzung durch Franzosen und Belgier hohes Ansehen erworben hatte, konnte dies 1927/28 noch steigern, als es ihm gelang, den Kreis Dinslaken gegen (fast) alle Abtrennungsversuche von Duisburg, Oberhausen, Wesel und Recklinghausen zu verteidigen

Schluchtmann propagierte 1928 das Projekt „Industriegroßstadt Dinslaken“ als Gegenpol zu den großen Industriestandorten Duisburg und Oberhausen. In der Stadt wurden viele Infrastrukturprojekte aufgelegt, zum Teil gegen Ende der zwanziger Jahre über beschäftigungspolitische Notstandsmaßnahmen abgewickelt: Das Freibad in Hiesfeld wurde gebaut, ebenso weitere Sportanlagen wie das Jahn-Stadion in Hiesfeld. Die Straßenbahn nach Hiesfeld nahm ihren Betrieb auf. Der Stadtpark wurde überplant, nach 1933 entstand das Burgtheater. Der Wohnungsbau nahm Aufschwung, es entstanden neue Schulgebäude.

Im politischen Leben Dinslakens sind ab 1925 drei politische Lager zu erkennen, die jeweils etwa ein Drittel der Wähler vertreten: Zum einen die bürgerliche Mitte bestehend aus dem Zentrum, der DDP, der DVP, ab 1929 kamen noch die Partei der Haus- und Grundbesitzer hinzu sowie die Reichspartei des deutschen Mittelstandes.

Die Sozialdemokratie bildete das zweite politische Lager, sie arbeitete in fast allen wichtigen Entscheidungen mit dem bürgerlichen Lager zusammen. Die Partei hatte damals in Dinslaken etwa 80 – 90 Mitglieder, Parteiversammlungen fanden vierzehntägig im Parteilokal, der Gaststätte Rau, statt. Die SPD hatte gute Kontakte zur bürgerlich orientierten jüdischen Gemeinde, die SPD galt in „jüdischen Fragen“ als zuverlässig. Die radikale KPD mit ihren zum Teil militanten Vorfeldorganisationen wie dem Roten Frontkämpferbund bildete das dritte Lager in Dinslaken, sie hatte ihren Organisationsschwerpunkt im „Roten Lohberg“.

Die äußerste Rechte, die Nazis und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) blieben – an den Wahlergebnissen gemessen – hier kommunalpolitisch zunächst bedeutungslos. Aber die Nazis – unterstützt durch SA-Gruppen aus Voerde und Hamborn – traten schon Mitte der Zwanziger Jahre auf: So hielt die Ortsgruppe Kreis Dinslaken-Rees am 5. Dezember 1926 eine Kundgebung auf dem Neutorplatz ab. Im Anschluss gab es erste Anfeindungen gegen jüdische Geschäfte an der Neustraße.

Als Reaktion auf das immer stärkere Auftreten der SA, aber auch gegen militante Verbände der KPD, gründeten SPD, Zentrum und weitere bürgerliche Parteien 1924 das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, das sich als Verteidigungsorganisation für die Republik verstand, sie gegen Anfeindungen von Links und Rechts schützen wollte.

In Dinslaken war diese Organisation, die ab 1931 auch „Eiserne Front“ genannt wurde, mitgliederstark und gut organisiert. Sie bildete einen Gegenpol zur SA. Der Vorstand des Dinslakener Reichsbanners war stark sozialdemokratisch geprägt. So war Hans Voigtmann erster Vorsitzender, der Nachkriegsbürgermeister Wilhelm Lantermann erster Schriftführer und Otto Fischer technischer Leiter.

In den entscheidenden historischen Phasen, beim sogenannten „Preußenschlag“ und der Machtübernahme der Nazis am 30. Januar 1933, blieb das Reichsbanner wie große Teile der SPD passiv-abwartend: Man rechnete mit einem schnellen Ende des „Nazi-Spuks“ - eine verhängnisvolle Fehleinschätzung !

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