DROGEN

„Cannabis enttabuisieren, Zugang zur Beratung erleichtern“

Stefan Sondermann und Ralf Heyden von der Drogenberatungsstelle der Diakonie empfehlen ein Umdenken beim Thema Cannabis.

Foto: Heiko Kempken

Stefan Sondermann und Ralf Heyden von der Drogenberatungsstelle der Diakonie empfehlen ein Umdenken beim Thema Cannabis.

Dinslaken.   Drogenberatung der Diakonie Dinslaken hat im Jahr 2016 Klienten beraten. 66 davon wegen Cannabis-Abhängigkeit. Gesetzeslage sei kontraproduktiv.

Alle Jahre wieder kommt dieses Thema wieder auf den Tisch und wird von Parteien und Organisationen diskutiert: Cannabis und eine mögliche Legalisierung oder Entkriminalisierung. 33 000 Personen waren 2016 bundesweit wegen dieser Droge in einer Suchtbehandlung. Die Dunkelziffer liegt deutlich darüber. Viele Statistiken kommen auf eine Zahl von einer halben Millionen Menschen, die regelmäßig Cannabis konsumieren.

„Vorweg müssen wir sagen, dass wir nicht für eine komplette Legalisierung sind, doch so wie die Gesetzeslage momentan ist, kann es nicht bleiben. Wir hatten 2016 insgesamt 247 Klienten, die ambulant oder in Therapie behandelt werden mussten. Davon 66 wegen einer akuten Abhängigkeit von Cannabis“, erzählt Stefan Sondermann, Drogenberater der Dinslakener Diakonie.

Mehr Suchtkranke als früher

Diese Zahl habe sich in den vergangenen Jahren etabliert und zeige keine signifikanten Veränderungen. „Wenn wir die Suchtkranken allerdings mit denen von vor ein paar Jahrzehnten betrachten, müssen wir sagen, dass die Menge deutlich gestiegen ist“, so Sondermann. Zudem sei der Wirkstoffgehalt des Cannabis, THC, deutlich gestiegen, von ungefähr acht Prozent auf Werte bis zu 20 Prozent. Dadurch entstehe auch eine höhere Abhängigkeitsgefahr.

„Unsere Klinik hier in Dinslaken ist eine Blaupause von den meisten anderen bundesweit. Auch dort liegen die Zahlen der Suchtbehandlungen in einem ähnlichen Bereich, wenn wir die Großstädte außen vor lassen“, fügt Ralf Heyden, ebenfalls Drogenberater der Diakonie, hinzu. Dinslaken sei keineswegs ein „Drogensumpf“, wie einige behaupten würden: „Dinslaken unterscheidet sich nicht von anderen Städten. Hier gibt es nicht mehr Drogenabhängige sowie keine besonderen Vertriebs- und Verteilungskanäle für Cannabis.“ Auch die Nähe zur holländischen Grenze spiele dabei keine Rolle.

Schwerwiegende Folgen in der Pubertät

Die größte Gruppe der Konsumenten von Cannabis bildete 2015, laut der deutschen Hauptstelle für Suchthilfe, die Gruppe der 18 bis 20-Jährigen mit 16,3 Prozent. „Wenn von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein regelmäßiger Konsum betrieben wird, kann das schwerwiegende Folgen haben. Das Gehirn verformt sich während der Pubertät noch und diese Entwicklung kann durch ein Gift von außen, wie Cannabis, gestört werden“, erklärt Heyden. Bei einem 30-Jährigen beispielsweise, der ab und zu Cannabis konsumiere, sei ein Gefährdungspotenzial deutlich geringer.

Abschreckung könnte im Wege stehen

Für die junge Altersgruppe sei es meistens über Kontakte im Freundeskreis gar kein Problem an die Droge heranzukommen. „Dadurch haben die Jugendlichen auch nicht das Gefühl etwas verbotenes zu tun und da setzt ein Problem an: Das Ziel von Drogenpolitik sollte sein, einen Konsum und eine Abhängigkeit zu verhindern. Gleichzeitig sollte aber auch, wenn jemand konsumiert, der Zugang zu Hilfesystemen und Aufklärung vereinfacht werden. Da könnte das momentane Gesetz mit der Methode der Abschreckung im Wege stehen“, führt Sondermann aus. Eine Enttabuisierung von Cannabis könne die Zugangswege zur Beratung und Behandlung erleichtern.

An Führerschein-Entzug müsse gedacht werden

Die Argumentation, Cannabis sei eine Einstiegsdroge und müsse deshalb verboten bleiben, teilen die Drogenberater nicht. „Am Anfang stehen bei den meisten Abhängigen immer Tabak oder Alkohol. Einige fangen mit Cannabis an und hören dann aber auch wieder auf“, sagt Sondermann.

Sollte allerdings der Schritt weg von einem kompletten Cannabis-Verbot gegangen werden, so merkt Heyden an: „Dann müssen sich ganz viele Bereiche angesehen werden, die eine neue Gesetzeslage brauchen. Eine Frage ist dann zum Beispiel, ab welchem Alter ist kiffen erlaubt und wie muss das Jugendschutzgesetzt dafür verändert werden?“ Für ihn steht eines außer Frage: „Wie ist es bei Cannabis beispielsweise mit einer Fahrerlaubnis? Jeder Konsum ist mit einem Rausch verbunden, daher müsste auch an Führerschein-Entzug gedacht werden.“


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Die Drogenberatung „Fachstelle Sucht“ der Diakonie ist zuständig für die Kommunen Dinslaken, Voerde und Hünxe. Die Angebote richten sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die illegale Drogen konsumieren, substituierte Personen, gefährdete oder abhängige Kinder und Jugendliche bis einschließlich 17 Jahre die Alkohol oder Tabak konsumieren, Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten im Umgang mit Medien (PC/Internet) sowie Angehörige, Freunde, Bekannte von Betroffenen und Interessierte.

Sie bietet Infos, Beratung, Begleitung, ambulante Maßnahmen, Suchtprävention, Fortbildung, Nachsorge und Vermittlung in Hilfeangebote. Das Angebot ist kostenfrei und anonym. Kontakt: 02064/434710 oder per Mail an drogenberatung@diakonie-din.de bzw www.kirchenkreis-dinslaken.ekir.de/dw/drogenberatung01.htm .

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