Schule

„Dinslaken sollte stolz auf diese Schule sein“

Die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth machte sehr interessiert bei Lamya Kaddors Islamunterricht an der Sekundarschule Dinslaken mit.

Die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth machte sehr interessiert bei Lamya Kaddors Islamunterricht an der Sekundarschule Dinslaken mit.

Foto: Funke Foto Services

Dinslaken.   Claudia Roth besuchte am Mittwoch eine Islamstunde der Althoffschule und erfuhr dort vom drohenden Aus der Schule.

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„Macht die ihre Sache gut?“, fragte Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth gestern im Scherz, wies auf das Foto ihrer Parteikollegin Sylvia Löhrmann im Lehrertrakt – und erntete beredtes Schweigen. Die NRW-Bildungsministerin hatte der Schule 2012 zur Eröffnung ein Porträt geschenkt, gerahmt und gewidmet mit den Worten: „Alles Gute, Freude und Erfolg, mit den besten Wünschen für die Sekundarschule.“ Dass diese nun nach so kurzer Zeit in Dinslaken wieder in ihrer Existenz bedroht ist, das erfuhr Roth erst gestern. Eigentlich wollte sie lediglich den Islamunterricht von Lamya Kaddor, die sie aus vielen Talkshows kennt, einmal live erleben.

Bundestagsvizepräsidentin, ehemalige Parteivorsitzende der Grünen – vor allem aber: Ex-Bandmanagerin. Mit einem solchen Lebenslauf kann man sogar bei Jugendlichen punkten. Und so durfte sich Claudia Roth neben ein Mädchen in eine Schulbank setzen. Und meldete sich artig, wenn sie eine Frage hatte: „Wie macht Ihr das mit dem Fasten?“ etwa. Oder: „Gibt es im Islam etwas den zehn Geboten vergleichbares?“ Um den Vergleich zweier Gebete ging es in der Schulstunde: die Eröffnungssure des Korans und das christliche Vaterunser. Verblüffend ähnlich, stellten die kleinen und die große Schülerin fest, vom Amen am Ende des Gebets (Roth: „Da muss ich erst nach Dinslaken kommen, um zu lernen, was Amen heißt“) bis zum Gericht am Ende des Lebens. „Kommen dann Christen und Muslime in denselben Himmel?“, fragte die Politikerin und meinte auf Lamya Kaddors Nicken: „Dann ist der Himmel ja multikulti.“

Ob eine der Religionen und ihre Angehörigen mehr wert seien als andere? „Alle müssen gleich behandelt werden“, sagte ein Mädchen, egal, welche Religion, Volkszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung sie hätten, und dass Menschen wie der Attentäter von Orlando deswegen keine richtigen Muslime seien. Auch ums Fasten ging es – zwei Drittel des Kurses machen mit, außerdem um Fußball und Frauen in der Gesellschaft. Oder um beides. Lamya Kaddor spielte den Gebetsruf, vorgetragen von einer Frau, vor. Ungewohnt, fanden die Schüler. Ob sie sie als Vorbeterin akzeptieren würden, fragte die Lehrerin. „Das wäre ja wie ‘ne Kommentatorin beim Fußball“, witzelte ein Junge. Das wird seine Mitschülerin aus der letzten Reihe nicht gern hören. Sie möchte Imamin werden.

„Dinslaken und das Land sollten stolz auf diese Schule sein“, mahnte die Politikerin nach der Schulstunde an. Vom integrativen und humanitären Ansatz der Schule war sie begeistert, ebenso von der offenen Architektur im neuen Trakt. Das Bauschild steht noch am Schulhof, der im Herbst laut Schulleiter Silvio Husung einen überdachten Bereich bekommen soll — und schon werde die Schule infrage gestellt? „So etwas braucht doch Zeit und Sicherheit“, fand Claudia Roth. Dass derselbe Gutachter, der sich einst für die Schule ausgesprochen habe, nun deren Schließung empfiehlt, „kann ich nicht verstehen.“ Damit sprach sie Husung aus der Seele. „Mit fehlt die Unterstützung der Stadt — schon seit zwei Jahren“, sagte er und führte die Beschlüsse zur Aufstockung der Realschule an. „Das schwächt uns.“

Mit zwei Vorhaben verließ Claudia Roth Dinslaken wieder. Ihrer Kollegin Sylvia Löhrmann will sie empfehlen, die Sekundarschule noch einmal zu besuchen, „nicht nur zur Eröffnung“, und überhaupt Werbung für deren Erhalt machen. Und Angela Merkel soll sie einen Zettel von den Schülern übergeben: „Schöne Grüße“ haben ein paar Mädchen daraufgeschrieben und eine Handynummer. Vielleicht schickt die Kanzlerin mal eine SMS?

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