Theater

Dinslaken: Vom Kinderzimmer aufs Piratenschiff

Marie Förster spielt nicht nur die „Jenny Hübner“, sondern auch alle anderen Rollen von der neunjährigen Leseratte Olga bis hin zum fiesen Piratenkapitän Braunbart.

Foto: BHB

Marie Förster spielt nicht nur die „Jenny Hübner“, sondern auch alle anderen Rollen von der neunjährigen Leseratte Olga bis hin zum fiesen Piratenkapitän Braunbart. Foto: BHB

Dinslaken.   Bei „Jenny Hübner greift ein“ geht es vom Kinderzimmer aufs Piratenschiff. Nicht nur Darstellerin Marie Förster ist sehr wandlungsfähig.

Fiese Piraten, böse Zauberer. Man mag sie, solange sie in sicherer Entfernung bleiben. Wie gefährlich es ist, wenn Charaktere aus einem Buch in die Wirklichkeit heraus gelesen werden können, zeigt die Burghofbühne mit ihrer „Tintenherz“-Produktion. Dass es ebenso heikel ist, wenn man zwischen die Buchseiten hinein in eine Abenteuergeschichte gesogen wird, zeigt Hartmut El Kurdi in seinem Einpersonenstück für Kinder ab acht Jahren. Am Freitag fand die Burghofbühnen-Premiere mit Marie Förster im Tenterhof statt. Regie führte Nadja Blank.

Die junge Frau erhält ihre Aufträge per altmodischem Telefon

„Jenny Hübner greift ein“: Der Titel ist Konzept. Die junge Frau erhält ihre Aufträge per altmodischem Telefon. Gerade ist es Olga, die gerettet werden muss. Die Neunjährige hat nachts heimlich in einem alten, zerlesenen Piratenbuch geschmökert und ist prompt durch die lose Bindung hindurch auf der „Hinkenden Seekuh“ gelandet. Hier muss sie es nun an der Seite des bärigen, aber gemütlichen Schiffskochs Smutje und der niedlichen Schiffsratte Peter Pelz mit dem wirklich üblen Kapitän Braunbart aufnehmen. Die pfiffige Olga macht ihre Sache sogar sehr gut. Aber irgendwann kommt jeder an einen Punkt, an dem er auf Hilfe angewiesen ist. Und das ist der Moment, an dem Jenny Hübner eingreift. Und auch das kann diese nicht allein.

Denn während es so eine Sache damit ist, tatsächlich von einer Lektüre, mag sie noch so fesselnd sein, nicht nur gefühlt in die Geschichte hinein gesogen zu werden, im Theater ist die Interaktion zwischen Fiktion und Realität ein Kinderspiel. Jenny Hübners Einsatzort ist die Remise, das Publikum braucht sie, um Braunbarts Psyche mit einem gemeinsam gesungenen Piratenschlaflied zu brechen und danach mit einem „Ritual“ Olga vom Piratenschiff auf der Ostsee zur Zeit der Hanse in die Gegenwart zu holen.

Die Zuschauer im Tenterhof waren keine Grundschulkinder, sondern Jugendliche

Theater als interaktives Spiel, als gelebte Phantasie. Darum ging es in der Premiere. Denn die Zuschauer im Tenterhof waren keine Grundschulkinder, sondern Jugendliche. Abonnenten der Studio-Stürmer-Reihe, Achtklässler des OHG. Theaterinteressierte, die Burghofbühnen-Intendant Mirko Schombert aufforderte, sich das Kinderstück als solches unter dem Gesichtspunkt anzusehen, wie es gemacht wird. In dieser Hinsicht bietet gerade ein Einpersonenstück viel.

Es beginnt schon mit der Eingangsmusik, die Christian Grifa im Kontrast zu den Mitsing-Liedern und der filmisch-atmosphärischen Piratenmusik bewusst elektronisch modern und damit gegenwartsnah hält. Marie Förster im coolen Outfit der Jenny Hübner muss sich die Kulissenteile und Requisiten selbst auf die leere Bühne schaffen. Klasse, wie sie später eine kleine Panne in die Handlung einbaut. Ein paar Worte ans Publikum, ein erstes gemeinsames Singen, dann beginnt das Verwandlungsspiel.

Eine Plane ist eine Bettdecke, ist ein Strudel, ist ein Segel

Aus der coolen Jenny wird die neunjährige Olga und schließlich die gesamte Piratencrew. Spielt Förster den Braunbart, dessen Gesicht aussehen soll „wie eine eingetretene Kajütentür“, verzerren sich ihre Mundwinkel beängstigend, verbiegt sich ihr Körper und klappert und rasselt ihre Stimme. Ein Pirat verliert ständig sein Holzauge, der andere spricht Hamburger Dialekt und für die witzige Schiffsratte wird Förster noch zur Puppenspielerin.

So wandlungsfähig wie die Schauspielerin ist aber auch die Bühne. Eine Plane ist eine Bettdecke, ist ein Strudel, ist ein Segel. Irgendwann schaukelt eine komplette Piratenkogge auf der Bühne.

Längst ist auch das Publikum eingesogen ins Spiel. Die Remise hallt vom Stampfen des Publikums während des „Rituals“ wieder und zum Schluss spenden die Jugendlichen dem gesamten Team des Kinderstücks viel Applaus.

>>Info: Das Team auf und hinter der Bühne

Alle Rollen spielte Marie Förster.

Inszenierung und Bühne stammten von Nadja Blank, die Kostüme von Sandra Nierhaus.

Die Dramaturgie lag bei Anna Scherer. Regieassistentin war Larissa Belz.

Die Musik komponierte Christian Grifa.

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