NRZ-Serie: Die Urlaubsmacher

Dinslakener ist Schlepperfahrer am Flughafen Düsseldorf

Der Dinslakener Mark Frankenthal arbeitet als Schlepperfahrer auf dem Rollfeld des Düsseldorfer Flughafens.

Foto: Felix Heyder

Der Dinslakener Mark Frankenthal arbeitet als Schlepperfahrer auf dem Rollfeld des Düsseldorfer Flughafens. Foto: Felix Heyder

Dinslaken/Düsseldorf.   Mark Frankenthal arbeitet als Schlepperfahrer auf dem Rollfeld des Düsseldorfer Airports.Der frühere Schlosser der Zeche Lohberg schiebt die Flugzeuge vom Gate in Richtung Startbahn

Der Aufkleber „Hägar der Schreckliche“ am Armaturenbrett muss etwas mit der Wucht des Fahrzeuges zu tun haben: 400 PS mit 7,2 Liter Hubraum und 14 Tonnen Gewicht sind nötig, um einen Jet zu bewegen. Am Steuer sitzt ein Dinslakener.

Mark Frankenthal, ehemaliger Schlosser der früheren Zeche Lohberg, arbeitet als Schlepperfahrer für die Lufthansa-Tochter LEOS am Flughafen Düsseldorf. Er schiebt die Flugzeuge auf dem Rollfeld an die Start- oder Parkstelle. „Hägar der Schreckliche“ ist ein mittelgroßes Schleppfahrzeug – wie mag da bloß der größte mit 60 Tonnen Gewicht heißen?

Auf dem Rollfeld ist es laut

Die Triebwerke des Airbus 330 drehen sich schon im Leerlauf – 2,50 Meter große Schrauben. Motoren laufen, etwas piept: Es ist laut. Aus den Fenstern hoch oben über dem Rollfeld schauen stille Gesichter. Sie warten auf den Abflug. Manche hatten einen stressigen Vormittag. Ihr Air-Berlin-Flug nach New York wurde abgesagt, sie mussten auf die Lufthansa-Maschine umbuchen.

Mark Frankenthal kann die Gesichter nur erahnen. „Um sie zu sehen, müsste man schon ein Stück weg gehen.“ Der 46-Jährige in Sicherheitsweste marschiert in die entgegengesetzte Richtung: unter das Flugzeug. Kein Flieger startet, ohne dass der Schlepperfahrer die letzte Abnahme genehmigt hat.

Über Funk mit dem Piloten verbunden

Der Dinslakener setzt die Kopfhörer auf. Über ein Funkmodul ist er in Kontakt mit dem Piloten, der 15 Meter über ihm im Cockpit sitzt. Frankenthal läuft um das Flugzeug herum: 60 Meter Länge, 60 Meter Flügel-Spannweite – viel zu kontrollieren.

Genau beäugt er die glänzende Außenhülle des Fliegers: „Sind beim Packen Dellen entstanden? Läuft irgendwo Flüssigkeit aus? Ist noch eine Klappe offen?“ Die letzte Klappe vor dem Abflug schließt der Dinslakener selbst. Später.

240 Tonnen Gewicht

Jetzt schwingt er sich in das weiße Schlepperfahrzeug – und hebt damit das Vorderrad des Jets leicht an. Die 230 Fluggäste, die Crew, Kraftstoff, Wagenladungen voll Gepäck (etwa 240 Tonnen Gewicht) schiebt – im Fachjargon „pusht“ – Mark Frankenthal nun Richtung Rollfeld.

Der Flieger ist voll, wegen der Umbuchung. „Den Unterschied bemerkt man“, sagt er nachher, „wie ein vollgepacktes Auto vor dem Urlaub“. Die Fluggäste oben können den Wagen vor der Nase des Fliegers nicht sehen. Sie merken nur: Es geht los. Ganz gemächlich rollt das Flugzeug mit Frankenthals Hilfe rückwärts. Denn das können auch die modernsten Jets nicht: aus eigenem Antrieb rückwärts fahren.

Rückwärts einparken für Fortgeschrittene

Mit Frankenthals Hilfe können sie sogar wenden: Rückwärts einparken für Fortgeschrittene. Mit Anhänger in XXXL. Ein besonders guter Autofahrer sei er deswegen nicht, sagt der Hiesfelder bescheiden. „Und unseren Anhänger haben wir letztes Jahr verkauft. Die meisten Arbeiten am Haus waren fertig.“

Nach etwa 100 Metern hat er die Maschine auf die richtige Spur gebracht, schließt die letzte Klappe, zieht den letzten Stift. „Remove before Flight“ steht Weiß auf Rot darauf. Der Stift, der „Steering Pin“, hat bis dahin die Lenkung des Vorderrades blockiert. Frankenthal winkt dem Kapitän mit dem Stift, sagt „Guten Flug“ ins Headset. Die meisten Piloten bedanken sich dann, erzählt er.

Schlepperfahrer: ein eher schweigsamer Job

Bei all dem Lärm hat er einen eher schweigsamen Job. Manchmal, wenn er keinen Hubschlepper, sondern ein Fahrzeug mit Stange fährt, läuft ein Ramp Agent (ein Mechaniker) mit, der den Schlepper einweist. Manchmal ein paar Worte mit den Kollegen, die fürs Beladen der Maschinen zuständig sind. Ansonsten „fährt man ja allein“. „Mitfahren verboten“ befiehlt ein Schild an dem Fahrzeug. Für die Reporter macht der Flughafen eine Ausnahme. Eine Eurowings-Maschine nach Venedig wird beladen. Die Passagiere steigen aus dem Bus.

„Ich werde immer wieder gefragt, ob ich bei dem Job nicht ständig Fernweh habe“, erzählt er und gibt die Antwort direkt hinterher: „Habe ich aber nicht.“ Ja, er war auch schon mit dem Flieger auf den Malediven. Aber am liebsten macht er Familienurlaub auf Texel. Nach 22 Jahren auf dem Rollfeld kann Frankenthal zielstrebige Vielflieger und unsichere Touristen unterscheiden. Auch Promis hat er hier schon gesehen. Wenige hundert Meter weiter wartet der schwarzgelbe „Mannschaftsairbus“ des BVB. Tatsächlich fliege die Mannschaft häufiger damit, sagt Frankenthal. Und dass es unter den Kollegen Schalke-Fans gibt, „die nicht so gerne pushen“.

In Düsseldorf startet alle 60 bis 90 Sekunden ein Flieger

Alle 60 oder 90 Sekunden startet ein Flieger in Düsseldorf, sagt Florian Graenzdoerffer, NRW-Sprecher der Lufthansa. Dass Zeit Geld ist, bekommen auch Frankenthal und seine 48 Kollegen zu spüren. Die Maschinen bekommen Zeiträume, in denen sie starten sollen. Wird ein solcher Slot nach vorne verschoben, hat es der Pilot plötzlich eilig. „Dann könnte es sein, dass ich von der Maschine hier weggerufen werde und erst zu einer anderen muss.“

Trotzdem: Mit dem früheren Job unter Tage möchte er nicht tauschen. „Das war auch eine schöne Zeit“, erinnert er sich aber. Als er sich vor 22 Jahren umschulen ließ, zeichnete sich das Ende der Zeche erst für Insider ab. Seinen Job auf dem Rollfeld liebt er.

An die Zuschauer hat Mark Frankenthal sich gewöhnt

Dass er immer Zuschauer hat – auf der Aussichtsplattform, an Fenstern, hinter Bildschirmen – daran hat Frankenthal sich gewöhnt, war mit seinen drei Kindern sogar einmal selbst auf der Plattform. „Ich bin immer draußen und auch wenn die Abläufe hier jeden Tag ähnlich sind, geschieht doch immer etwas Unvorhergesehenes.“ Neulich hatte ein Flieger nach der Landung Probleme mit der Lenkung und musste von der Landebahn geschleppt werden.

Und dann landet ja auch noch der A 380, der Riesen-Airbus, in Düsseldorf. „Da kann man so gut drunter hergucken“, sagt der Fahrer pragmatisch. Dann kommt einer der beiden 60 Tonnen schweren, großen Stangen-Schlepper zum Einsatz. Der hat auch einen Aufkleber: „Malmö oder so“, sagt Frankenthal. Das heißt aber nichts. „Haben wohl die Mechaniker aufgeklebt.“

>> NEUER JOB FÜR EHEMALIGE BERGLEUTE

  • Die 1995 gegründete Lufthansa LEOS (Lufthansa Engineering and Operational Services GmbH) beschäftigt an ihren Standorten Frankfurt, München, Düsseldorf und Hamburg rund 300 Mitarbeiter. In Düsseldorf sind es 49 – darunter sind laut Teamleiter Jörg Lach einige ehemalige Bergleute. Der Duisburger gehört selbst dazu. Zum Fuhrpark gehören in Düsseldorf sieben Hubschlepper und neun Stangenschlepper. Allein die Abschleppstangen wiegen bis zu 300 Kilo.
  • Gearbeitet wird in Schichten – auch nachts. Zwar darf am Düsseldorfer Flughafen nachts kein Flugzeug starten oder landen – aber Reparaturen werden in dieser Zeit durchgeführt und auch dafür müssen die Flugzeuge manövriert werden.
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