Ein Berliner im Pott

Dinslaken.   Es war der Wunsch von Adnan Köse, Mitveranstalter einer neuen Veranstaltungsreihe im Ledigenheim zusammen mit dem Förderkreis St. Marien Lohberg, Dr. Hans Feldhoff und Martin Göbler, dass Günter Lamprecht am Sonntag aus seinem Erinnerungen „Ein höllisch Ding, das Leben“ läse. Schließlich handeln weite Teile des Buches von der Zeit des Schauspielers im Ruhrgebiet, einer Region, zu der er einen besonderen Draht habe, wie er den vielen Besuchern seiner Lesung im Ledigenheim erklärte. „Besonders Oberhausen“. Auf der dortigen Marktstraße hatte er über viele Jahre lang seinen Wohnsitz.

Es war der Wunsch von Adnan Köse, Mitveranstalter einer neuen Veranstaltungsreihe im Ledigenheim zusammen mit dem Förderkreis St. Marien Lohberg, Dr. Hans Feldhoff und Martin Göbler, dass Günter Lamprecht am Sonntag aus seinem Erinnerungen „Ein höllisch Ding, das Leben“ läse. Schließlich handeln weite Teile des Buches von der Zeit des Schauspielers im Ruhrgebiet, einer Region, zu der er einen besonderen Draht habe, wie er den vielen Besuchern seiner Lesung im Ledigenheim erklärte. „Besonders Oberhausen“. Auf der dortigen Marktstraße hatte er über viele Jahre lang seinen Wohnsitz.

Prägende Erfahrung

Aber um zu verstehen, wieso es zunächst lange dauerte, bis er sich an den „Pott“ gewöhnte und was schließlich ausschlaggebend für das Gefühl war, sich doch etwas heimisch zu fühlen, bedurfte es einiger Erläuterungen aus Lamprechts erstem Buch. In „Und wehmütig bin ich immer noch“ schildert er „Eine Jugend in Berlin“. Seine Jugend und Kindheit in einer Familie der Arbeiterklasse in den 30er und 40er Jahren.

Eine prägende Erfahrung, die ganz offensichtlich nicht nur seine eigene Identität, sondern auch seinen Blick auf andere prägte, sei es großspurige Egomanen, privilegierte Selbstdarsteller oder „Krawattentheaterleute“. Auch seine Ablehnung der 68er, die den SPD-nahen Schauspieler gerne als „Arbeiterführer“ auf und vor der Bühne erlebt hätten, aber auf einen Mann trafen, für den harte Arbeit respektabverlangend, aber eben nicht politisch-idealisierend war, wird in diesem Kontext plausibel.

Geburt am 21. Januar 1930. Der Tag, an dem Pluto entdeckt wurde. Schien für Lamprecht ein Glücksstern? So sieht es aus, schaut man sich seine Karriere an, wie er als Orthopädiemechaniker ein Stipendium der Stadt Berlin für den Besuch der renommierten Max-Reinhard-Schauspielschule erhält. Wie er, ohne es überhaupt zu wollen, vom Fleck weg als Sparringspartner für ehrgeizigere Theaterschüler ans Bochumer Schauspielhaus engagiert wird, um dort die Glanzzeiten in der Nachkriegszeit zu erleben. Wie er immer wieder dank seines Talents auf die Füße fällt, auch wenn ihn eine Prügelei mit dem Intendanten des Staatstheaters Wiesbaden eine „rote Karte“, ein Engagementsverbot an anderen Spielstätten der Republik einbringt.

Und doch empfindet Lamprecht (fast) jeden Schritt als ein Sich-Entfernen. Tränenreich der Abschied von Berlin, schlaflos die erste Nacht in der Gewitterschwüle nach dem Gas der Kokereien stinkenden Bochum unter einem von den Stahlwerken glutrot erleuchteten Himmel. Das Schauspielhaus Bochum, die „Nummer drei der deutschen Theaterbundesliga“, verlässt er zugunsten des „Zweitligisten“ Oberhausen: „Stadttheaterleben pur, menschlicher, weil sich nicht jeder zum Höheren geboren empfand“.

Lamprecht steht dazu, zu weinen, selbst beim Schreiben seiner Erinnerungen. Raus mit den Gefühlen, danach ist es wieder gut. Das Gleiche gilt für seine Wut. Sei es über die Volkspolizisten mit ihren innerdeutschen Grenzschikanen auf der Transitstrecke West-Berlin - Helmstedt oder besagten Apo-Mitgliedern in Köln.

Und manchmal geht „das höllisch Ding“ auch den Zuhörern im Ledigenheim unter die Haut. Der Tod von Rainer Werner Fassbinder, den ein Bild-Reporter dem ahnungslosen Lamprecht mit einem „Ja haben sie das denn nicht gehört“ durchs Telefon zurief.

Und natürlich der 1. November 1999. In Bad Reichenhall erschießt ein jugendlicher Amokschütze fünf Menschen und sich selbst, Günter Lamprecht und seine Lebensgefährtin Claudia Amm gehören zu den Schwerverletzten der Bluttat. Gerechtigkeit für erlittenes Leid? „Da kann man nichts machen“, gibt Staranwalt Rolf Bossi auf.

Als Günter Lamprecht dies erzählt, hat er den sich selbst gesteckten Zeitrahmen schon längst um eine halbe Stunde überzogen. Eine Zeit, die wohl keinem einzigen im Saal zu lang war.

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