Syrien-Konflikt

Geflüchtete Syrer bangen in Dinslaken um Verwandte in Afrin

Foto: Lars Fröhlich

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Dinslaken.   Vier geflüchtete syrische Kurden haben in Dinslaken Zuflucht gefunden. Sie haben Angst um ihre Eltern und Verwandten, die in Afrin sind.

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„Afrin ist für mich das Paradies auf Erden. Die Menschen, der Geruch von Narzissen im Frühling, die Düfte der Oliven und Walnüsse“, beschreibt Juslin Kanaan ihre Gefühle für die Heimat. Vor zwei Jahren ist sie aus Syrien geflohen, wie auch die Geschichtsdozentin Sherin Hasan, der Maler und Lackierer Asaad Ibrahim und der Arzt Yasar Ajijo. Sie kommen aus Aleppo und Damaskus, ihre Familien aber leben in Afrin, waren vor Jahren von Aleppo dorthin geflohen. „Weil es in der Kleinstadt sicherer ist“, war die Meinung von Juslins Eltern.

Seit 48 Tagen wissen sie, dass dies ein Fehler war. Denn am 20. Januar begann die türkische Militäroffensive, seit diesem Tag schlagen in Afrin und den umliegenden Dörfern die Granaten ein, rücken die türkischen Soldaten auf syrischem Boden vor. „Ganze Dörfer sind in Schutt und Asche gelegt auch ein Teil von Afrin“, erzählen Asaad Ibrahim und Yasar Ajijo mit bebender Stimme. „Warum schießen die Türken auf Zivilisten. Die Menschen dort wollen doch nur in Frieden leben.“

Vorwürfe gegen Erdogan

Der türkische Präsident Erdogan habe durch seine Kriegserklärung die bislang friedliche Stadt in ein Desaster gestürzt, pflichtet Yuslin Kanaan bei. Ständig, so erfährt sie von den Eltern, flögen Kampfflugzeuge über die Stadt, die Menschen verkriechen sich in ihren Häusern oder verstecken sich in Grotten und Höhlen, um sicher vor den Bomben zu sein.

„Wir sind Kurden, aber wir sind keine Terroristen, wir haben ein Recht auf ein friedliches Leben“, erzählt Asaad Ibrahim. Er klingt ruhig, fast emotionslos, als er den türkischen Präsidenten anklagt, mit Islamisten und Terroristen gemeinsame Sache zu machen, ihnen über Jahre Waffen geliefert zu haben. Ein jeder in Afrin wüsste das.

Afrin so groß wie Dinslaken

Aus seinen Worten klingt kein Hass, obwohl oder vielleicht gerade weil er in den Tagen und Wochen seiner Flucht zu viel erlebt hat. Vielleicht auch, weil sie alle am Tisch in der Redaktion der NRZ wissen, was Hass aus Menschen machen kann.

Afrin sei etwa so groß wie Dinslaken, nur ländlicher geprägt, beschreiben sie ihre Heimat. Mit Olivenhainen, deren Ernte ihnen ein wenig Wohlstand beschert. Operation Olivenzweig, so nennt die Türkei ihren Kriegseinsatz in Syrien. Es klingt makaber, ist doch der Olivenzweig ein Symbol des Friedens. Doch mit Frieden habe Erdogans Kriegseinsatz nicht zu tun. „Sie haben unsere Olivenernte gestohlen und niemand hilft“, klagt Ajijo an.

Die Menschen wach rütteln

„Wir möchten mit unserer Geschichte die Menschen aufrütteln, damit sie die Menschen in Afrin nicht vergessen“, wirft Käthi Klein ein. Klein und ihre Mitstreiterin Ruth Ratajczak kümmern sich über das Projekt für Geflüchtete der St. Vincentiusgemeinde vor allem um geflüchtete Frauen. „In Dinslaken haben viele syrische Kurden Aufnahme gefunden, deren Familien in Afrin leben.“ Den Krieg stoppen und den Menschen helfen, sei ihr Ziel, so Klein.

Die Augen von Sherin Hasan füllen sich mit Tränen. Sie bangt um das Leben ihrer Mutter, macht sich Vorwürfe, sie nicht in Dinslaken behalten zu haben. Denn ihre Mutter war Ende vergangenen Jahres mit einem Touristenvisum eingereist, um ihre Tochter in Dinslaken zu besuchen. Kurz vor der Militäroffensive war sie zurück nach Afrin gereist.

Lebensbedingungen sind katastrophal

Jetzt kommt sie, wie viele andere nicht mehr heraus. Afrin sei einkesselt, erzählt Sherin Hasan. Es fehlt an allem, an Wasser, Lebensmitteln, an Arznei und Verbandmaterial. Im Krankenhaus würden kaum noch Kranke behandelt, die Verletzten gingen vor. Sherin Hasans Schwager liegt verletzt auf der Intensivstation – seine medizinische Betreuung? „Die Ärzte tun, was sie unter diesen Bedingungen tun können.“

Auf engstem Raum lebten die Familien zusammen, manchmal auch mit völlig Fremden. Nichts kommt rein oder raus – „es sei denn, du besitzt 1300 Euro pro Person, dann bringen Schlepper dich nach Aleppo“, berichtet Yasar Ajijo. Das könne kaum jemand bezahlen.

Angst um die Stadt

Juslin Kanaan versucht, den Kopfpreis für ihre Eltern zusammenzubekommen. 50 Kilometer sind es von Afrin nach Aleppo, viel Geld für eine solche Strecke, aber “es hat sich eine Art Mafia dort entwickelt“, sagt Asaad Ibrahim.

Seine Eltern haben keine Zweitwohnung in Aleppo, sie müssen ausharren, bis zum bitteren Ende. „Den Menschen läuft die Zeit davon. Ein Genozid bahnt sich dort an, von der türkischen Armee und ihren islamistischen Schergen angezettelt, in zwei, drei Monaten gibt es Afrin und die Menschen dort nicht mehr“, ist er sich sicher.

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