Kultur

Geschichten aus dem Périgord begeisterten in Voerde

Nicht die Dordogne, sondern der Rhein: die Buchhändlerin Sabine Friemond-Kund und der Schriftsteller Martin Walker vor Beginn der Lesung auf einer Bank vor dem Strandhaus Ahr.

Nicht die Dordogne, sondern der Rhein: die Buchhändlerin Sabine Friemond-Kund und der Schriftsteller Martin Walker vor Beginn der Lesung auf einer Bank vor dem Strandhaus Ahr.

Foto: Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Voerde.  Martin Walker, Journalist, Historiker und Krimiautor, las auf Einladung der Lesezeit! im Strandhaus Ahr. Ein Genuss für Sinne und Geist.

Ruhig fließt er Rhein, in der einbrechenden Dämmerung liegt die herbstliche Niederrheinlandschaft in Sepiafarben. Drinnen im Strandhaus Ahr geht es dagegen bunt her: Rund 70 Gäste versuchen, gleichzeitig mit Tellern voll leuchtend roter Tomatencreme-Häppchen, dunkel-rot gefüllten Weingläsern und ihrem vielfach bunten, meist jedoch türkisfarbenen Mund-Nasen-Schutz zu hantieren. Und dann sind der nun nachtschwarze Rhein und die Schatten der Coronapandemie vergessen: Wichtig ist es nur, Wein im Glas und noch den Geschmack des Essens auf der Zunge zu haben. Denn wenn Martin Walker, der berühmteste Schotte des südwestfranzösischen Périgord, aus seinem 12. Bruno-Krimi „The Body in the Castle Well“ liest, ist dies ein Erlebnis nicht nur für den Geist, sondern auch für alle Sinne, insbesondere die Geschmacksnerven.

Musikalischer Nachteil

Sabine Friemond-Kund, Buchhändlerin, selbst Krimiautorin und an diesem Abend Walkers „schöne, deutsche Stimme“, ergänzte die Lesung um Passagen der deutschen Übersetzung „Der Connaisseur“. Diese hätte der Autor der Bruno-Krimis durchaus selbst lesen können, sein Deutsch ist ganz hervorragend. Trotz des musikalischen Nachteils.

Wie bitte? „Natürlich!“ Walkers Blick schweift auf die Litfaßsäule mit den Konzertplakaten im großen Veranstaltungsraum des Strandhauses: „Meine Freunde haben ihr Englisch, das viel besser ist als mein Deutsch, mit Elvis, den Beatles und den Stones gelernt. Und was habt Ihr Deutschen meiner Generation musikalisch gebracht? James Last!“

Die Aktivitäten der Josephine Baker

Da erscheint es in einem ganz anderen Licht, dass Martin Walker nun über Josephine Baker, die Amerikanerin in Paris, schreibt. Über die soziale Anklage im Lied „Sous les ponts de Paris“, aber auch über ihre Aktivitäten für die Résistance und ihren Traum, in ihrem Schloss Les Milandes Kinder aller Kontinente in einer Welt frei von Rassismus aufwachsen zu sehen. Letzteres gehört zu Geschichten, für die Martin Walker spürbar brennt, sie zu erzählen.

Hier gibt es mehr Artikel aus Dinslaken, Hünxe und VoerdeJa, es gibt einen Mord für den Chef de Police, im Brunnen miaut ein kleines Kätzchen und aus dem Wasser ragt das Bein einer jungen, hochtalentierten Kunsthistorikerin, aber eigentlich dreht sich doch alles um die Welt um den Tatort herum, Brunos – und seit 1999 Walkers – Périgord. Die fiktive Krimihandlung, die dem Historiker und Vollblutjournalisten das Tableau für profund recherchierte und nun akribisch ins Detail gehende authentische Berichte über die Kunst, Kultur, Lebensart und Geschichte des Périgord bietet. „Aber das wollten sie jetzt bestimmt nicht alles wissen“, endet einer der Charaktere seine Ausführungen über die Falknerei gegenüber Bruno, der den Mann eigentlich als einen der potenziell Verdächtigen befragen möchte...

Das Schnäppchen seines Lebens

Aber die Leserschaft – an diesem Abend das Publikum im Strandhaus Ahr – möchte es hören. Hören, sehen, erlesen. Denn erlesen sind Walkers Ausflüge in die Kunstgeschichte – es geht um einen barocken Valentin de Bourgogne, den ein jüdischer Kunsthändler als Tarnung vor den Nazis absichtlich schlecht suprematistisch übermalte, wovon sich ein Kunsthistoriker auf einem Brüsseler Flohmarkt nicht täuschen ließ und das Schnäppchen seines Lebens machte. Erlesen aber sind auch die Speisen, die das Périgord zu bieten hat und die Walker mit der gleichen Farbigkeit und Plastizität zu beschreiben vermag wie Josephine Bakers Bananenröckchen, das, wie man erfährt, aus einst gelben und heute welk-braunen Stoffstreifen besteht.

Martin Walker und Sabine Friemond-Kund agieren als Team, sie duzen sich hinter der Plexiglasscheibe, die angesichts dieser unbefangenen Nähe auch gegenüber dem Publikum immer durchlässiger erscheint. Und am Ende steht ein Fest, Bruno kocht, kredenzt und tischt einen Wein nach dem nächsten auf. Nur gut, dass auch im Strandhaus alle kulinarisch versorgt sind! Martin Walker setzt sein Glas ab, springt auf, spricht und singt Cole Porters „Just one of those things“. Was für ein Abend!

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