Mahnmal

In Dinslaken und Voerde an die Reichspogromnacht erinnern

Kirsten Eden und Sylvia Lindemann begleitet die Veranstaltung mit Musik. Gedenkstunde am Mahnmal für die Opfer der Pogromnacht im Stadtpark am Freitag, 09.11.2018 in Dinslaken. ***Local Caption*** Foto: Markus Joosten / FUNKE Foto Services

Kirsten Eden und Sylvia Lindemann begleitet die Veranstaltung mit Musik. Gedenkstunde am Mahnmal für die Opfer der Pogromnacht im Stadtpark am Freitag, 09.11.2018 in Dinslaken. ***Local Caption*** Foto: Markus Joosten / FUNKE Foto Services

Foto: Markus Joosten

Dinslaken.   Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Dinslaken gedachten am Mahnmal der jüdischen Opfer. Im Fokus: Leopold Strauß und das Waisenhaus.

Sanfte Gitarren- und Flötenklänge dringen in die Gehörgänge. Einige Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Dinslaken singen mit ernster Miene das jüdische Volkslied „Shalom Chaverim“, auf Deutsch bedeutet es: Friede sei mit euch, Freunde. Währenddessen gehen andere nach vorne und legen bedächtig Gedenksteine am Leiterwagen-Mahnmal im Stadtpark nieder. Symbole wie Herzen, Friedenszeichen oder die Aufschrift „Hoffnung“ zieren die Steine – damit haben die Schülerinnen und Schüler am Freitagmorgen an die Reichspogromnacht erinnert. „Das hat einen ganz hohen Stellenwert, es darf nicht aufhören, sich daran zu erinnern“, sagt Sylvia Lindemann, Bildungsgangsleitung für die Erzieherinnen und Erzieher des Berufskollegs.

Zum 80. Mal jährt sich 2018 das Geschehen, das sich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 im damaligen Deutschen Reich zutrug. Das Nazi-Regime organisierte Gewaltmaßnahmen gegen Juden: Synagogen wurden angezündet, jüdische Friedhöfe und Geschäfte zerstört und viele tausende Juden deportiert. Auf der Gedenkveranstaltung, die diesmal die angehenden Erzieherinnen und Erzieher des Berufskollegs gestalteten, werden die Gräueltaten in Dinslaken besonders an zwei Beispielen verdeutlicht: durch Leopold Strauß und das jüdische Waisenhaus.

Leopold Strauß war Lehrer

Leopold Strauß war Jude und Lehrer der Vorgängerschule des Berufskollegs. Am Morgen des 10. Novembers wurde sein Haus gestürmt und verwüstet. Dabei wurde auch der Lehrer selbst verletzt und starb im darauffolgendem Jahr an den Spätfolgen. Auch das jüdische Waisenhaus, das damals das Zentrum der Neustraße bildete, wurde heimgesucht. Die Nazis plünderten und demolierten die Inneneinrichtung. Einige Kinder wurden mitgenommen, für Experimente missbraucht oder kamen später in Vernichtungslagern zu Tode.

Die Schülerinnen und Schüler blicken auf der Veranstaltung nicht nur in die Vergangenheit, sondern greifen die Geschehnisse auch für die Gegenwart auf, dabei richtet die Schülerin Anna Isik Fragen an die Lauschenden: „Warum müssen Menschen 2018 in Angst leben? Wie kann die Welt gerechter und nicht rechter werden?“

Im Vorfeld sind die Schüler in die jüdische Kultur eingetaucht, haben unter anderem eine Synagoge in Duisburg besucht. „Wir haben viel über das Judentum gelernt“, sagt Schülerin Emely Richter. Dabei machten sich die Jugendlichen auch viele Gedanken über Respekt im Schulalltag. Gemeinsam tragen sie am Mahnmal am Ende eine fiktive Geschichte über eine Außenseiterin vor, die in ihrem Traum vielen Menschen begegnet, die ihr Hoffnung zusprechen und Lebensweisheiten mit auf den Weg geben, wie „Sprich die Wahrheit, wo sonst Lüge herrscht.“ Als sie am nächsten Morgen aufwacht, möchte sie die Ratschläge beherzigen und mit ihren Mitschülern schaffen, die Welt besser zu machen.

>>>Info: Näheres zur Reichspogromnacht

Weitere Informationen und Hintergründe zur Reichspogromnacht gibt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung unter http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/68670/9-november-1938-08-11-2011.

Kirchengemeinden, Gymnasium und Stadt gedenken in Voerde 

Schüler des Gymnasiums Voerde berichten aus Sicht des Direktors des Dinslakener Waisenhauses: von der „Judenparade“ in der Dinslakener Innenstadt, von den heulenden Sirenen, die auf die brennende Synagoge hinwiesen. Mit diesen Berichten führten sie gestern Abend im Sitzungssaal im Rathaus Voerde vor Augen, was für jüdische Menschen vor 80 Jahren grausame Realität war. Zu einer Gedenkfeier an die Reichspogromnacht hatten die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden aus Voerde in Kooperation mit Gymnasium und der Stadt eingeladen.

Es wird in Zukunft weniger Menschen geben, die als Zeitzeugen berichten können, was in der Nacht vom 9. auf den 10. November geschehen ist. Bürgermeister Dirk Haarmann betont in seiner Rede, dass es umso wichtiger sei, sich in Erinnerung zu rufen, wozu Menschen in der Lage sind, etwa wenn sich Ideologien in falsche Richtungen entwickelten. Voerdes Bürgermeister spricht von einem „Tag der schonungslosen Erinnerung“, betont vor allem die Verantwortung, die damit einhergeht. An die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums gewandt sagt er: „Ihr stellt euch dem Thema, ihr lehnt euch nicht zurück.“

Projektkurs des Gymnasiums erarbeitete Plakate und Vorträge

Der Projektkurs „Dass Auschwitz sich nicht wiederhole“ unter Leitung von Lehrer Pascal Druschke hat Plakate mit Informationen zu Stationen der Judenverfolgung erstellt und im Ratssaal aufgehangen. Neun der insgesamt 25 Schüler aus der Jahrgangsstufe 11 präsentieren darüber hinaus Historie, Zeitzeugenberichte und lesen Gedichte vor. Zwischen den Vorträgen ertönt Klaviermusik von Inge Weßler.

Markus Gehling von der Gemeinde St. Peter und Paul erzählt, dass er vor Wochen auch über Facebook zu der Veranstaltung eingeladen hatte und ihm Widerstand entgegengeschlagen sei. Beiträge wie „Das ist so lange her, lasst uns in Ruhe damit“ bis hin zu „Beweise mir, dass es das überhaupt gab“ hätten ihn erreicht. „Ich habe einen Beweis“, sagt Markus Gehling. Der Pastoralreferent hat ein Buch, das von einem Zeitzeugen geschrieben wurde, mitgebracht. Im Anschluss startet er die Aufnahme eines Gebets in hebräischer Sprache und liest danach die deutsche Übersetzung vor. In Gedenken an die Opfer des Holocaust.

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