Kultur

„Jazz in Dinslaken“-Reihe startet intuitiv und ohne Vorgaben

Ins intuitive Spiel vertieft: Markus Stockhausen am Flügelhorn (r.). Matin Stegner (Viola, l.) und Bassist Michelangelo Flammia.

Ins intuitive Spiel vertieft: Markus Stockhausen am Flügelhorn (r.). Matin Stegner (Viola, l.) und Bassist Michelangelo Flammia.

Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Markus Stockhausen erschuf mit siebenköpfigem Ensemble rein intuitiv ohne vorgegebenes Notenmaterial atmosphärische Musik voller neuer Ideen.

Vor dem Eintauchen ins „Wild Life“ steht die Erschaffung der Klangwelt. Erste Klänge entstehen, weil Menschen Holz und Metall in Schwingung versetzen. Töne hallen nach, finden ein Echo, werden multipliziert, weil elektronische Prozesse denselben akustischen Phänomenen unterworfen sind. Auf der Bühne des Ledigenheims entsteht so ein erstes zartes Klanggebilde, es weitet sich zu einem Klangraum aus, und mit jeder weiteren Expansion, füllt er sich mit neuen Ideen, Themen, Rhythmen und Melodielinien.

„Wild Life“ nennt Markus Stockhausen sein aktuelles Projekt, mit dem er die Jazz in Dinslaken Saison 2019 / 2020 am Freitagabend im Ledigenheim eröffnete. Die zeitliche und räumliche Nähe zu einem Konzert am Vorabend in Köln habe es nur möglich gemacht, dass Stockhausen auch das Publikum in Dinslaken am Erlebnis der intuitiven Musik teilhaben konnte. „Ein langgehegter Wunsch“, so Thomas Termath, Vorsitzender der Jazz Initiative Dinslaken und ein konzeptionell perfekter Start in die neue Saison.

Das Ein und Alles

Denn was bei der Improvisation im Jazz eine Freiheit innerhalb eines mehr oder weniger klar umrissenen Rahmens ist, ist bei der intuitiven Musik das Ein und Alles. Es gibt keine Noten, keine vorgegeben Themen. Die Musik entsteht allein im Hier und Jetzt aus dem Miteinander der schöpferischen Kraft jedes Einzelnen. Karl-Heinz Stockhausen hat den Begriff 1968 geprägt, seine Söhne (neben Markus Stockhausen wirkt auch Simon Stockhausen an „Wild Life“ mit) verfolgen die Idee weiter.

Auf der Bühne des Ledigeheims agierten neben Markus Stockhausen (Trompete, Piccolo-Trompete, Flügelhorm, Electronics) und Simon Stockhausen (Sopransaxophon, Keyboards, Elecrtronics), Florian Weber (Piano Electronics), Martin Stehner (Viola, Electronics), Michelangelo Flammia (E-Bass), Christian Thomé (Schlagzeug, Electronics,) und Bodek Jahnke /Schlagzeug, Percussion, Tabla, Bambusflöte). Schon die Tatsache, dass fast jeder der sieben Musiker sowohl klassische wie synthetische Instrumente bediente, zeigt, dass es hier keine künstliche Trennung zwischen den Tonerzeugungsarten gibt. Sie bedingen sich gegenseitig, um die Intention – das Schaffen von Atmosphäre, Raum, fließende akustische Prozesse und das Erwecken von Stimmungen durch musikalische Harmonie klangliche Realität werden zu lassen. Zwei Sets spielen die sieben Musiker, nur im zweiten ist eine Zäsur zwischen den ineinander verschwimmenden musikalischen Passagen so groß, dass das Publikum eine Gelegenheit findet, kräftig zu applaudieren.

Ist die Klangwelt einmal erschaffen, erwachen die Charaktere der Instrumente zum Leben

„Wild Life“: Das sind Fauna und Flora. Ist die Klangwelt einmal erschaffen, erwachen die Charaktere der Instrumente darin zum Leben. Stockhausen sanftes Flügelhorn streicht zwischen den Beats der beiden Schlagzeuger. Zwischen den Saiten und dem rasch gestrichenen Bogen huschen die Töne von Stegners Viola, wenn sie sich nicht niederlassen und dann ihren leicht melancholischen Gesang erklingen lassen. Das Piano möchte wissen, das es als mechanisches Instrument eine Vorstufe zu Keyboard und Synthesizer ist und wiederholt minimalistische Muster.

Mit der Expansion des Raumes dringt Musik aus aller Welt ins Klanggebilde auf der Bühne ein. Bodek Janke klopft mit den Fingerspitzen filigrane Rhythmen auf seine indischen Tablas, Bass und Schlagzeug zitieren Lateinamerikanisches.

Alles geschieht intuitiv, aus dem Moment heraus

Das alles geschieht intuitiv, aus dem Moment heraus, eingewoben in eine große, unendliche „Melodie“. Die Musik be- und entschleunigt sich, man hört Motive, Themen, längere Soli, aber die Musiker agieren nicht zielgerichtet im Dialog miteinander, sondern bringen sich individuell genau so ein, dass das große Ganze im Fluss gehalten wird. Eine beeindruckende Leistung.

Denn dieses Wild Life steckt voller Leben, voller Überraschungen. Es ist Werden und Vergehen und wieder Werden. Die „Artenvielfalt“ der Klangfarben und musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten scheint unerschöpflich.

Vogelgezwitscher, ein Trio aus Flügelhorn, Saxophon, Viola, zwei helle Flageoletttöne der letztgenannten, Stille. Das Publikum lässt diese Stille nachklingen, bis der Applaus aufbrandet.

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