Vortrag

Jos de Bruin sprach in Dinslaken von Wölfen und Menschen

Lieber mal den Ball flachhalten: Jos de Bruin sprach im gut besuchten Dachstudio über belastbare Zahlen und Fakten über Wölfe und verbannte die Erzählungen vom Menschenfresser und Pferdereißer ins Reich der Märchen

Lieber mal den Ball flachhalten: Jos de Bruin sprach im gut besuchten Dachstudio über belastbare Zahlen und Fakten über Wölfe und verbannte die Erzählungen vom Menschenfresser und Pferdereißer ins Reich der Märchen

Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Jos de Bruins Vortrag im Dachstudio in Dinslaken lehrte auch vieles über die Entfremdung von der Natur. Wolfsexperte nannte viele Fakten.

Den ganzen Tag all inklusive versorgt auf dem Rasen abzuhängen, muss irgendwann auch langweilig sein. Die Kühe im Video jedenfalls können ihre offene Neugier nicht verhehlen. Sie schauen nicht nur äußerst interessiert über den Holzzaun, sie laufen sogar noch ein paar Schritte hinterher: Wann sieht man schon mal einen Menschen, der mit der einen Hand filmt, aber mit der anderen an einer roten Leine einen echten Wolf führt? Die Kühe gucken sich am Zaun die Nasen platt und die über 50 Besucher im Dachstudio Dinslaken staunen ebenfalls über die Szene, die ihnen Jos de Bruin auf der Leinwand präsentiert.

De Bruin ist der Mann, der den Wolf spazieren führte, ein Tier, das er bereits als Welpen an ihn gewöhnte. Denn einem Wolf die Scheu zu nehmen, ist eine Leistung wahrscheinlich vergleichbar damit, ein Smartphone zu bauen. Auf jeden Fall: Menschenwerk im Dienste der Verhaltensforschung. Echte Natur, ohne den Eingriff des Menschen, das ist etwas anderes und etwas, das nur die wenigsten Menschen kennen. Doch auch dafür ist Jos de Bruin, der Niederländer, der in Sonsbeck seine eigene Wolf-Auffangstation hat, zuständig. Präsentiert von Adnan Köse klärte er am Freitag im Dachstudio über die Verhaltensweisen des Wolfes auf – und über die des Menschen ebenso.

De Bruin nahm sich die Zeit und stellte den Kontext her

Denn es ist mit dem Wolf wie mit allem: Der Mensch sieht meist nur einen einzelnen Aspekt und nicht das große Ganze. De Bruin nahm sich die Zeit und stellte den Kontext her: den Wald und das Wild, das ökologische System, in dem der Wolf seine naturgemäße Funktion erfüllt: die Regulierung des Wildbestands. Dies übrigens besser zur Erhaltung der Art, als es der Mensch tue: De Bruin zeigt Statistiken, die belegen, dass Wölfe vor allem schwache junge, kranke und alte Tiere reißen – Jäger sähen es eher auf die gesunden, starken Tiere als Trophäen ab und entzögen damit die besten Gene der Reproduktion.

Doch in den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Rehe und der Wildschweine zu stark gestiegen. Eine Folge zeichnet sich gerade ab: Überpopulation begünstigt die Ausbreitung von Seuchen, im Osten droht die Ausbreitung der Schweinepest unter Wildschweinen mit möglichen fatalen Auswirkungen auf die Viehwirtschaft.

De Bruin: Auch gesundes Wild kann zum Problem werden

Aber auch gesundes Wild kann zum Problem werden. Wieder nennt de Bruin Fakten, beziffert den Schaden durch Rehe, Hirsche und Wildschweine für die Landwirtschaft auf jährlich 40 Millionen Euro. Der Wolfsforscher zeigt Fotos hier aus dem Wolfsgebiet zwischen Schermbeck und Hünxe: Elektrozäune, nicht gegen Wölfe, sondern gegen Rehe. Nun reißt Wölfin Gloria aber, und auch das ist Fakt, nicht nur Rehe, was sie soll, sondern immer wieder auch Schafe.

De Bruin wiederholt, was er bereits voriges Jahr bei einer Veranstaltung von Adnan Köse kritisiert hat: Ein Wolf muss ein halbes Jahr in einer Region nachgewiesen sein, damit Herdenbesitzer überhaupt Fördergelder für Schutzmaßnahmen beantragen dürfen. In dieser Zeit hat der Wolf das Schaf als Teil seines Speiseplans verinnerlicht. Der wirksamste Schutz seien ohnehin Herdenhunde, so de Bruin. Ihre Anschaffung auch bei Herden unter 100 Tieren werde nun vom Land NRW gefördert. Sie sind ein effizienter Schutz: „Der Wolf geht Streit aus dem Weg“, so Bruin. Denn Wölfe sind genetisch scheue Tiere.

Ein Wolf, den neugierige Kühe bestaunen können, ist ein Wolf, der zuvor vom Menschen gezähmt wurde. Und so ist der Abend vor allem auch ein Lehrstück über den Menschen: Über die Geschichten und Märchen, die er sich erzählt, über seine Eingriffe in die Natur und auch über den Schaden, den er anrichtet, wenn er glaubt, diese nach seinen Maßstäben beurteilen zu können. Er muss lernen, mit einem in sich balancierten Ökosystem zu leben.

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