Kultur

Premiere in Dinslaken: Oscar und die Dame in Rosa

Gezeichneter Superheld: Der neunjährige Oscar (Marlene Zimmer) hadert mit der Hilflosigkeit, mit der sein Umfeld auf sein Sterben reagiert.

Foto: Lars Fröhlich

Gezeichneter Superheld: Der neunjährige Oscar (Marlene Zimmer) hadert mit der Hilflosigkeit, mit der sein Umfeld auf sein Sterben reagiert. Foto: Lars Fröhlich

Dinslaken.   Marlene Zimmer beeindruckt als todkranker Junge in Adnan Köses Inszenierung „Oscar und die Dame in Rosa“ von Eric-Emmanuel Schmitt

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Ganz ohne Film made in Dinslaken kann Adnan Köse nicht. Bevor sich die Leinwand am Freitag hob und den Blick auf die Bühne des Ledigenheims freigab, sah man Marlene Zimmer in ihrer Rolle als „Oscar“ im St. Vinzenz-Hospital, die Kamera schweifte aus dem Fenster über das Panorama von Eppinghoven bis nach Götterswickerhamm. Ein letzter Blick in die Welt draußen.

Die nächsten 90 Minuten waren konzentriertes Kammerspiel. Eine kleine Bühne, nur die nötigsten Requisiten, eine einzelne Schauspielerin und das gesamte Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, mit Freud und Leid und mit seinen existenziellen Fragen nach dem Warum und dem Was komprimiert in 90 Minuten.

Ein neunjähriger Junge, der an Leukämie leidet

Adnan Köse erzählt Eric-Emanuel Schmitts „Oscar und die Dame in Rosa“ aus der Sicht des neunjährigen Jungen, der an Leukämie im Endstadium leidet. Dieser findet in einer älteren Ehrenamtlichen einen wahrlich guten Engel, der ihm nicht nur die Vorstellung schenkt, nichts im Leben verpasst zu haben, sondern ihn reifen lässt und in ihm einen vertrauensvollen Glauben an Gott weckt.

In den zwölf letzten Tagen des Jahres, den letzten in Oscars Leben, soll dieser in Briefen an Gott jeweils zehn Jahre eines Menschenlebens durchleben.

Ein Spiel aus Phantasie und Realität

In diesem Spiel aus Phantasie und Realität wird der Neunjährige erwachsen, findet in einer Mitpatientin die Liebe seines Lebens und stirbt schließlich innerlich erfüllt. Erst hier tritt der Perspektivwechsel auf: Marlene Zimmer nimmt Oscars Wollmütze ab, lässt die langen Haare über die Schulter fallen und wird zur „Dame in Rosa“.

Der Junge ist tot, aber er hat sie ebenso verwandelt wie sie ihn. Bis dahin erlebte das Publikum in der gut besuchten Premiere die Wandlung einer jungen Schauspielerin vom trotzigen Kind im Superman-Shirt zum erwachsenen Mann und schließlich zum altersweisen Greis.

Den Saal hat sie vollständig im Griff

Marlene Zimmer stampft mit den Füßen, leidet an schwindenden Kräften, erzählt jungenhaft von den Kumpels im Krankenhaus, ist kindlich unschuldig komisch, fragt, zweifelt, weint und verzeiht.

Den Saal hat sie vollständig im Griff, man spürt die Stille, die Emotionen der Zuschauer im Publikum, hört von Zeit zu Zeit diesen bestimmten Klang eines befreienden Lachens, bis sich mit dem Schlussapplaus alle Anwesenden erheben.

Selbst die Eltern verändern ihr Verhalten

Das Leben in 90 Minuten. Mehr als an seiner Krankheit leidet Oscar an den Schuldgefühlen, seinem Arzt „keine Freude mehr zu machen“. Selbst seine Eltern verändern ihr Verhalten, sie hatten immer ein Problem mit der Wahrheit. Nur „Oma Rosa“, eine Ehrenamtliche, die sich Oscar gegenüber kämpferisch als ehemalige Catcherin ausgibt, durchbricht die falschen Konventionen, gewinnt so das Vertrauen des Jungen.

Und: Glauben Oscars Eltern am Weihnachtsmann, „weil sie Idioten sind“, so glaubt „Oma Rosa“ an einen mitfühlenden, erfahrbaren und tröstenden Gott. Diesen hilft sie Oscar zu finden: Als körperlich, aber nicht seelisch leidenden am Kreuz, als Ansprechpartner in jedem Lebensabschnitt, als einer, der sich in den Wundern der Natur, im Sonnenaufgang, der die Nacht und die Kälte vertreibt und in den Mitmenschen offenbart.

„Jeder stirbt. Aber der erste, der geht, kann sich nicht erlauben, die anderen zu vergessen.“ Wenn Oscar tot ist, hat er Spuren in der Welt hinterlassen. Bei den Eltern, mit denen er sich versöhnt hat, bei seiner inzwischen geheilten Freundin, die er in einer schwierigen Lebenssituation beschützt hat, bei seinem Arzt, dem er den Druck nahm, „gottgleich“ sein zu müssen, und nicht zuletzt bei der namenlosen „Dame in Rosa“, die selbst gestärkt und getröstet aus den Erlebnissen hervorgeht.

Ein beeindruckendes, einfühlsam inszeniertes Stück mit einer beeindruckenden Darstellerin.

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