Schulempfehlung

Schulempfehlung: Geteiltes Echo aus Dinslaken, Voerde, Hünxe

Um die verbindliche Schulempfehlung für Viertklässler ist eine heftige Debatte entbrannt.

Foto: Marcel Kusch

Um die verbindliche Schulempfehlung für Viertklässler ist eine heftige Debatte entbrannt. Foto: Marcel Kusch

Dinslaken/Voerde/Hünxe.   Was Leiter von Grund- und weiterführenden Schulen über eine mögliche Rückkehr zur verbindlichen Schulempfehlung sagen.

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NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) zieht die Rückkehr zur verbindlichen Schulempfehlung für Viertklässler beim Wechsel auf weiterführende Schulen in Erwägung. Ihr Vorstoß sorgt für Diskussionen und spaltet Eltern- und Lehrerschaft. Wie bewerten hiesige Schulen das Ansinnen der Ministerin? Die NRZ fragte nach.

Das sagen Schulleiteraus Dinslaken

Der Schulleiter des Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG), Thomas Nett, kann sich zu dem Thema noch nicht klar positionieren. „Ich befürchte einfach, dass es da keine allgemeingültige Lösung gibt“, sagt er. „Einerseits vertrauen wir dem Grundschulgutachten erstmal – schließlich haben das pädagogische Fachkräfte erstellt, die die Kinder über dreineinhalb Jahre kennengelernt und begleitet haben.“ Andererseits gebe es in der Praxis immer wieder Fälle, in denen das Grundschulgutachten und die Entwicklung des Kindes in entgegengesetzte Richtungen verliefen. „Wir hatten auch schon Schüler mit einer eingeschränkten Realschulempfehlung, die sich super entwickelt haben“, sagt Nett. Die Prognosefunktion der Gutachten hält der THG-Schulleiter generell für „schwierig“. Nett: „Die Gutachten der Schulen müssten auf eine solide Basis gestellt werden.“

Astrid Weidler, Schulleiterin am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG), glaubt nicht, „dass sich das Gesetz einfach so zurückdrehen lässt“. Die Landesschulpolitik habe in den vergangenen Jahren den Elternwillen immer mehr zählen lassen. „Ich glaube, der Widerstand der Eltern würde zu groß werden, wenn es zur verbindlichen Schulempfehlung zurückginge.“ Am OHG werde das Grundschulgutachten sehr ernst genommen. „Ich glaube ganz fest an die Kompetenz der Gutachten“, sagt Weidler. Deshalb rate sie Kindern mit einer Realschulempfehlung und ihren Eltern bei den Anmeldegesprächen auch, „sich nochmal bei der empfohlenen Schulform beraten zu lassen“. Bei den vergangenen Gesprächen habe es an der Schule zwei oder drei solcher Fälle gegeben. Zwei weitere wichtige Pfeiler mit denen am OHG geprüft werde, ob das Kind auf die Schule passe: Die Lust zu lesen und die Bereitschaft, regelmäßig Vokabeln zu lernen. Weidler: „Das klingt zwar sehr banal, aber das sind zwei Dinge die wirklich wichtig sind.“

Das sagen Schulleiteraus Voerde

Grundsätzlich befürwortet Gerd Kube eine verbindliche Schulempfehlung. Eltern sollten sich daran halten, findet der Leiter des Gymnasiums Voerde. Allerdings sieht er das Problem, dass NRW „keine Kultur der verbindlichen Schulempfehlung“ habe, es dort seiner Meinung nach dafür eine fehlende Akzeptanz gibt – im Gegensatz zu anderen Bundesländern, „wo das gut funktioniert“. Seine Schule sieht Kube bei Wiedereinführung der verpflichtenden Schulempfehlung, die zuletzt zwischen 2006 und 2011 in NRW galt, ohnehin nur in einem geringen Maße betroffen. Das Gros der Viertklässler, das dort angemeldet wird, habe eine Gymnasial- oder eingeschränkte Gymnasialempfehlung.

Ganz selten würden Kinder mit Hauptschulempfehlung angemeldet, wovon 100 Prozent die Erprobungsstufe nicht schaffen und nach Klasse sechs auf eine andere Schulform wechseln müssen. Bei Kindern, die trotz Empfehlung für den Besuch einer Realschule an das Voerder Gymnasium kommen – um die drei bis fünf – sei dies in zwei Drittel aller Fälle so, wie Kube weiter ausführt. Statt an einem Gymnasium früh zu scheitern, böte der Besuch einer niedrigeren Schulform für die Kinder die Chance, sich zu entwickeln: Von den Realschülern, die nach Klasse zehn das Gymnasium besuchen, hätten die allermeisten das Abitur geschafft.

Beate Brill wäre „wohler“ dabei, wenn die Entscheidung, welche weiterführende Schule ein Kind besuchen soll, am Ende in der Hand der Eltern bleibt. Sie würden in ganz vielen Fällen gefragt, warum soll ihr Wille bei einer derart wichtigen Entscheidung nicht gelten, gibt die Leiterin der Erich-Kästner-Schule in Voerde zu bedenken. Die Grundschulen könnten auch nicht immer eindeutig sagen, wie sich ein Kind entwickelt. Es gibt Schüler, die „die Kurve kriegen“, bei anderen ist der Fall umgekehrt. An ihrer Grundschule sieht Beate Brill ohnehin keine große Diskrepanz zwischen der Empfehlung und dem, was die Eltern für ihr Kind wollen. Nur in Ausnahmefällen falle deren Entscheidung komplett anders aus. Die Schule stehe mit den Eltern in einem sehr engen Austausch, es gebe mehrere Beratungsgespräche.

Das sagen Schulleiteraus Hünxe

„Das ist eher ein Thema im Bereich Gymnasien und Realschulen. Uns berührt diese Diskussion als Schulform weniger“, sagt Klaus Ginter, Leiter der Gesamtschule Hünxe. „Wir nehmen Kinder mit allen Empfehlungen auf.“ Dennoch sei eine mögliche Nichtreife fürs Gymnasium „als weitere Auswirkung auch bei uns zu spüren“, so Ginter. Jährlich gebe es um die 120 Anfragen zum Quereinstieg an der Gesamtschule Hünxe. „Die meisten Interessenten können wir aus Platzgründen nicht aufnehmen.“ Der Wechselwunsch sei ausgeprägt vorhanden.

„Bei der Schulkonferenz sprechen wir darüber. Aus meiner Sicht soll unsere Schulempfehlung wieder mehr Gewicht bekommen. Ich wäre froh, wenn es so käme“, sagt Barbara Kehr, Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule „Am Dicken Stein“ in Bruckhausen. „Es wäre schade, wenn Eltern sich über unsere Empfehlung hinwegsetzen und später dann ihr Kind vom Gymnasium wieder abmelden.“

>> HINTERGRUND

  • Zwischen 2006 und 2011 galt die von Schwarz-Gelb eingeführte verbindliche Grundschulempfehlung. Bei einer eingeschränkten Empfehlung für das Gymnasium mussten Eltern zu einem Beratungsgespräch in die Schule. Danach entschieden die Eltern. Hatte das Kind keine Empfehlung für das Gymnasium, musste es an einem dreitägigen Prognoseunterricht teilnehmen. Ein dreiköpfiges Gremium entschied.
  • Rot-Grün schaffte dieses Verfahren 2011 ab. Förmliche Schulempfehlungen gibt es weiterhin, aber der Wille der Eltern zählt.

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