Gesetzesentwurf

So kommt die Azubi-Mindestvergütung in Dinslaken an

Von der Mindestausbildungsvergütung sollen Azubis profitieren, die bislang nur eine geringe Entlohnung erhalten. Die Vergütungen unterscheiden sich je nach Branche stark.

Von der Mindestausbildungsvergütung sollen Azubis profitieren, die bislang nur eine geringe Entlohnung erhalten. Die Vergütungen unterscheiden sich je nach Branche stark.

Foto: Christoph Schmidt

Dinslaken.   Wie viel sollen Azubis verdienen? Der Gesetzesentwurf für eine Gehaltsuntergrenze ist umstritten. Betriebe in der Region zahlen oft bereits mehr.

Mindestens 515 Euro im ersten Ausbildungsjahr: Die umstrittene Untergrenze der Vergütung für Azubis soll 2020 kommen – und die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Ist der Gesetzesvorschlag der Bundesregierung nun ein Meilenstein oder Angriff auf die Tarifautonomie?

Reinhard Bittner, Personalleiter und Prokurist des Verpackungsherstellers Signode in Dinslaken – der derzeit drei Industriekaufleute ausbildet – sieht in einer Mindestvergütung einen „klaren Eingriff in die Tarifautonomie“.

Dabei würde der geplante Mindestsatz die Firma Signode gar nicht betreffen. Das Unternehmen, das derzeit Auszubildende sucht, zahle „nach dem neusten Elektro- und Metall-Branchentarifvertrag“ im ersten Jahr bereits über 900 Euro, im zweiten und im dritten Jahr über 1000, legt Reinhard Bittner offen. Also deutlich mehr als die geplante Gehaltsuntergrenze vorsieht.

Investition in die Zukunft

Und das, um nötige Fachkräfte anzuwerben. Die Vergütung stelle eine Wertschätzung der Auszubildenden und eine Investition in die Zukunft des Unternehmens dar, sagt Reinhard Bittner. Auszubildende sollten nicht als Last, sondern als Hilfe begriffen werden.

Der Unternehmerverband Duisburg ist ebenfalls der Meinung, dass Arbeitgeber und Tarifpartner die Vergütungen ganz ohne „staatliche Eingriffe“ aushandeln sollten, sagt Jennifer Middelkamp, Sprecherin der Unternehmerverbandsgruppe. „Die Betriebe unternehmen heute unglaublich viel, um an Fachkräfte zu kommen.“

Vergütung je nach Branche

Das spiegele sich in der Ausbildungsvergütung wieder. Es komme aber stark auf die Branche an. Auch Reinhard Bittner findet: „Die Unterschiede in der Ausbildungsvergütung sind schon heftig.“

Laut Kreishandwerkerschaft Wesel verdienten Auszubildende im Friseurhandwerk etwa 510 Euro im ersten Jahr, im Elektrobetrieb sind es 650 Euro. Im Bauhauptgewerbe hingegen gebe es im ersten Lehrjahr bereits 850 Euro pro Monat und im letzten sogar 1580 Euro.

Vergütungen selbst aushandeln

Doch hätten hohe Azubi-Vergütungen nicht zwangsläufig zur Folge, dass auch mehr Auszubildende in unbeliebten Branche tätig würden, sagt Holger Benninghoff, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Wesel. „Im Baugewerbe sind die Vergütungen hoch, man findet aber schwer Nachwuchs.“

Hilfreicher wäre es, wenn Berufsausbildungen, duale Studiengänge und Hochschulausbildungen „die selbe Wertschätzung“ erfahren würden. Statt eine Mindestausbildungsvergütung festzulegen, solle die Politik lieber dort ansetzen, findet Holger Benninghoff. „Wir sind gut aufgestellt, die Vergütungen selbst auszuhandeln.“

Gehaltsuntergrenze als Meilenstein?

Verdi-Landesjugendsekretär Felix Olbertz begrüßt die Mindestausbildungsvergütung grundsätzlich, die für ihn nicht im Konflikt zur Tarifautonomie steht. Er hofft auf eine Aufwertung niedrig vergüteter Ausbildungen durch die Mindestvergütung, etwa im Bereich des Friseur- oder Architekturwesens oder im privaten Omnibusgewerbe.

„Das ist ein Meilenstein“, sagt Felix Olbertz. Die Gehaltsuntergrenze garantiere „ein Mindestmaß an Verbesserung des Lebensstandards“ für Auszubildende, deren Vergütungen nicht bereits über der Gehaltsuntergrenze liegen. Von dem Gesetzesentwurf würden vor allem Bereiche profitieren, in denen kein Tarifvertrag gelte oder dieser „nicht so gut“ ausgehandelt sei.

Nicht alle Auszubildenden profitieren

Andere Ausbildungen, wie die für Physiotherapeuten oder medizinisch-technische Assistenten hätten jedoch nichts von dem Gesetz, kritisiert Felix Olbertz. Denn für diese Ausbildungen würden häufig keine Vergütungen gezahlt.

Auch die Höhe der Mindestvergütung ist dem Jugendsekretär noch zu niedrig. Die Gewerkschaft Verdi hatte zuvor eine Vergütung von 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütungen, also derzeit 660 Euro, gefordert. „Die Vergütung soll den Azubis ein eigenständiges Leben ermöglichen“, sagt Felix Olbertz. Das erreiche der vom Kabinett gebilligte Gesetzesentwurf nicht.

Der Entwurf von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) war am Mittwoch im Rahmen der Reform des Berufsbildungsgesetzes beschlossen worden. Er sieht vor, dass die Mindestvergütung für das erste Ausbildungsjahr jährlich steigen soll. 2021 sollen Azubis im ersten Lehrjahr mindestens 550 Euro bekommen, 2022 dann 585 Euro und im Jahr darauf 620 Euro.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben