Fantastival

Sprach- und bildgewaltig: Malmsheimer beim Fantastival

Eigentlich ist es nicht Jochen Malmsheimers Art, durch die Blume zu sprechen. Auch in Dinslaken fand er gewählte, doch klare Worte.

Eigentlich ist es nicht Jochen Malmsheimers Art, durch die Blume zu sprechen. Auch in Dinslaken fand er gewählte, doch klare Worte.

Foto: Heiko Kempken / Heiko Kempken / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Jochen Malmsheimer präsentierte beim Fantastival in Dinslaken „Dogensuppe Herzogin – Ein Austopf mit Einlage“ - ein Plädoyer für das Lesen.

Reisebegleiter: Als Jochen Malmsheimer zum Fantastival nach Dinslaken fuhr, hörte er sich alte Aufnahmen von Hanns Dieter Hüsch an. Erinnerungen an einen, der hier den lieben Gott zu treffen pflegte, und der, ähnlich wie Malmsheimer, Sprache kunstvoll einzusetzen vermochte, um nuanciert formuliert klare und eindeutige Botschaften auszusprechen.

Malmsheimers Wortwahl besticht durch den Reichtum an teils fast vergessenem Vokabular, durch Wortverknüpfungen sowie durch einen Sprachfluss, den er mit tobender Stimme zum reißenden Redeschwall ansteigen lässt. „Dogensuppe Herzogin – Ein Austopf mit Einlage“ nennt Malmsheimer sein aktuelles Programm, ein Titel, dessen Bedeutung – und Bezug zu Hanns Dieter Hüsch – er am Dienstagabend erst in wortwörtlich letzter Minute aufklärte.

Sprach- und bildgewaltiger Parforceritt beim Fantastival

So viel vorab: Der Doge oder vielmehr dessen Stadt Venedig war das Ziel einer fiktiven Reisebusfahrt, zu der Malmsheimer sich durch seine Ehefrau gedrängt vorgab und an der er sein geneigtes Publikum im Burgtheater teilhaben ließ. Es wurde ein sprach- und bildgewaltiger Parforceritt durch die heutige Verflachung von Kleidung zu 50 Schattierungen von Beige und von Sprache zu Wortreihungen wie „Ey was für beschissen ist das“.

Jochen Malmsheimer hält dieser Realität die bunten Szenarien seiner blühenden Phantasie und eine Sprachkunst entgegen, die Ortsnamen zu Sinn-Klängen im Stil des „Jabberwocky“-Nonsensgedicht von Lewis Carroll orchestriert: „Cochem konnte er nicht, aber Essen. Dennoch schwebte sie auf Olpe Sieben: Soest die Liebe“.

Das Publikum versteht Malmsheimer – nur durch Zwischenapplaus bezeugen soll es das nicht: Das irritiert den Unwirschen. Er dagegen versteht vieles nicht mehr. Warum man sich aufgezeichnete Sprachnachrichten mit der „Piepse“ schickt statt zu reden, warum Kommunikation überhaupt immer schwieriger wird. Das Erstarken der Rechte, für Malmsheimer ist es eine Folge der fehlenden Bildung, zu der auch Charakter- und Herzensbildung gehört. Ignoranz und Intoleranz, sie werden durch Verdummung genährt.

Malmsheimer ruft seine alten Helden zusammen

Die Fahrt im Reisebus: Was wie eine Anekdote begann, wird zur Geschichte in der Geschichte. Malmsheimer ruft seine alten Helden von Odysseus bis Jim Knopf zusammen, und alles scheint möglich: Selbst der ernste Sherlock Holmes lacht sich über König Artus kaputt, wenn die beiden Shakespeare in verteilten Rollen lesen. Luther möchte sexy sein, und Long John Silver hat mal eine gute Idee: Weil die alten Helden zwar mit ihren Werten gegen die Bedrohung von Rechts kämpfen können, aber nur denen erscheinen, die lesen, muss Malmsheimer sie dem Publikum erst wieder nahebringen. Mit eben jener Busfahrt. Der Doge serviert die Suppe, die laut Hüsch die Herzen wärmt. Oder trickst Silver doch schon wieder einen Freund aus? Malmsheimer erzählt vom irren Trip und hinter der Bühne droht die Verhaftung nach PsychKG.

Doch zur Zugabe ist Malmsheimer wieder frei: Der Kampf gegen Rechts fordert einen großen Einsatz – Wahnsinn ist er aber nicht!