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Tresor auf Schienen - Dinslaken entging einem Unglück

Aufwändige Bergung: Unbekannte hatten in der Nacht zu Donnerstag einen Geldautomaten aus dem Bahnhof Dinslaken auf die Schienen gelegt. Eine Güterzuglok prallte darauf und entgleiste.

Foto: Heinrich Jung

Aufwändige Bergung: Unbekannte hatten in der Nacht zu Donnerstag einen Geldautomaten aus dem Bahnhof Dinslaken auf die Schienen gelegt. Eine Güterzuglok prallte darauf und entgleiste. Foto: Heinrich Jung

Dinslaken.   Kriminelle wollten in Dinslaken einen geraubten Geldautomaten durch einen Güterzug aufbrechen. Stadt ging an Unglück vorbei.

Dinslaken hatte noch Glück. Ein Güterzug, der Flüssiggas und Kältemittel, explosive Gefahrgüter also, geladen hatte, ist in der Nacht zu Donnerstag am Bahnhof mitten in der Stadt entgleist. Zum Glück sind keine Gefahrstoffe ausgetreten, niemand wurde verletzt. Was alles hätte passieren können „das möchte ich mir gar nicht vorstellen“ sagt Uwe Eßelborn, Sprecher der Bundespolizei.

Auch, wie es zu dem Unfall gekommen war, konnte sich bis Donnerstag niemand vorstellen: Unbekannte hatten in der Nacht den Geldautomaten aus dem Bahnhofsgebäude auf die Schienen gelegt. Der Schweizer Zug, der aus den Niederlanden kam, kollidierte mit dem 500 Kilo schweren Automaten, der Triebwagen wurde durch die Wucht aus den Gleisen gehoben. Für Stunden fuhr kein Zug, auch ein Ersatzverkehr kam nur schwer ins Rollen.

Das Geld lag auf den Schienen

Ziel war wohl, so die Polizei, den Tresor durch den Aufprall zu öffnen. Diese Rechnung ging auf: Das Gerät wurde auseinandergerissen, die Scheine verteilten sich auf den Gleisen. Allerdings flüchteten die Täter laut Polizei ohne Beute.

Der Lokführer – der ebenso wie seine beiden Begleiter unverletzt blieb – sagte aus, dass ich die Unbekannten nicht an die Scheine herangetraut hätten. Die Polizei sammelte das Geld ein. Wieviel Geld in dem Automaten steckte, konnte das Trierer Unternehmen Cardpoint gestern nicht sagen. Nur, dass der Automat im Boden gesichert gewesen sei. Gestern ragten nur die abgetrennten Stromkabel aus der Wand.

Keine Videoüberwachung im Bahnhof

Im Bahnhof sind keine Kameras installiert. Deswegen ist nicht klar, wie die Täter den Geldautomaten bis ans Gleis bekommen haben. Möglicherweise

haben sie den neuen Aufzug benutzt. Oben angelangt haben sie den Tresor noch mehrere hundert Meter über den Bahnsteig in Richtung Wesel transportiert. Dort, wo die Gleise im Dunkeln liegen, warfen sie den Automaten auf die Schienen. Der Zugführer hatte wohl keine Chance, das Hindernis zu erkennen. Züge dürfen dort bis zu 100 Stundenkilometer fahren.

Der Zug kam erst nach einigen hundert Metern, kurz vor der Brücke über die Hünxer Straße, zum Stehen. Der Geldautomat wurde auf den Bahnsteig geschleudert. Ins Gleisbett hat er Löcher gerissen, neben den Schienen haben die Räder des Zuges Spuren ins Gleisbett gefräst. Ein Hubschrauber machte Luftbildaufnahmen von dem Schaden. Die Gleise müssen auf einer Strecke von 200 Metern erneuert werden, 1700 Schwellen muss die Bahn ersetzen. Auch der Bahnsteig hat Schaden genommen und wird ebenfalls teilweise erneuert. Die Arbeiten dazu beginnen heute und sollen Montag, 4.30 Uhr, beendet sein. Es sei denn, der angekündigte Schnee bremst sie aus.

Sachschaden geht in die Hunderttausende

Der Triebwagen wurde durch den Aufprall erheblich geschädigt. Der

Bergungswagen der Bahn rückte mittags an. Wie lange die Bergung dauern würde, konnte die Bahn am Donnerstag nicht sagen. Die Arbeiten seien schwierig, ein Rad ist gebrochen, der Triebwagen muss angehoben werden. Der Sachschaden gehe in die Hunderttausende, so Eßelborn.

Mehr als erstaunt war Kreisbrandmeister Udo Zurmühlen, als er zufällig von dem Vorfall erfuhr. Die Bahn hat weder die Feuerwehr in Dinslaken noch die Feuerwehr-Kreisleitstelle informiert geschweige denn alarmiert – trotz der gefährlichen Fracht. Das wäre aber, so Zurmühlen, „die Aufgabe der Notruf-Leitstelle der Bahn gewesen.“

Güterzugwagen hätten explodieren können

Die Feuerwehren seien auf derartige Szenarien vorbereitet. Wenn Flüssiggas ausgetreten wäre und sich entzündet hätte, hätten die Wagen explodieren können. Zurmühlen will das Versäumnis beim Arbeitskreis Streckensicherheit ansprechen – auch mit Blick auf die Inbetriebnahme des dritten Gleises auf der Betuwe-Linie. Es habe „zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden“, so begründet die Bahn ihr Schwiegen. Schließlich sei nur der Triebwagen entgleist.

Tausende Reisende waren von Ausfällen und Verspätungen betroffen

Ganz ungewollt riss ein Kunde des Bahnhofs-Cafés Donnerstag früh den Witz des Tages: Ob er seinen Kaffee auch mit EC-Karte zahlen könne, wollte er von Verkäuferin Sedef Selik-Demirel wissen: Der Geldautomat sei nicht mehr da.

Tausende Reisende waren von den Zugausfällen und Verspätungen infolge des entgleisten Zuges betroffen – 44 Passagierzüge von vier Regionallinien fuhren gar nicht oder verspätet, drei Züge des Fernverkehrs von und in die Niederlande mussten umgeleitet werden.

Sechs Stunden war die Strecke gesperrt, erst um 8.30 Uhr fuhr der erste Zug wieder ein. Sowohl die Bahnen Richtung Wesel als auch die Richtung Duisburg mussten sich ein Gleis teilen. Die Bahn hatte einen Notfallmanager am Gleis, der Auskunft erteilte und beruhigte. Unten im Bahnhof bekam Sedef Celik-Demirel schon einen trockenen Mund: „Den ganzen Tag muss ich erzählen, was passiert ist.“ Um drei Uhr nachts hatte sie ihren Dienst im Cafe angetreten.

Zuerst sollte der ganze Bahnhof gesperrt werden

„Die wollten erst den ganzen Bahnhof sperren“, erzählt sie. Dann war das Café doch freigegeben. Manuela Künzel wohnt in Friedrichsfeld und arbeitet im Service-Center der Bahn in Dinslaken. Gestern kam sie mit dem Auto – eine Stunde eher als sonst – und stand fortan Kunden Rede und Antwort. „Ich muss um 9.10 Uhr in Sterkrade sein“, seufzte Sabine Buschmann oben am Gleis 2 um 9.50 Uhr. Keine Chance. Eine andere junge Frau musste dringend nach Wesel. „Zur Ausbildung“, sagte sie, und bat Manuela Künzel um eine Bescheinigung für den Arbeitgeber. Das war etwa um 20 Minuten nach 9 Uhr. 40 Minuten später stand sie noch immer am Gleis.

Nur Abellio konnte einen Notverkehr organisieren

Das Problem: Der Deutschen Bahn gelang es nicht, einen Notverkehr mit Bussen auf die Beine zu stellen: „Wir haben keine Bus-Kapazitäten bekommen“, sagte ein Sprecher. Der Anbieter Abellio fand schließlich einen Betreiber, der ab 6 Uhr zwischen Wesel und Oberhausen einen Bus einsetzte und von 7.30 Uhr an auch auf der Verbindung Wesel-Bocholt. Beides wurde aber gegen 9 Uhr, als wieder erste Züge zwischen Wesel und Oberhausen fahren konnten, eingestellt. Sehr zum Unmut vieler Wartender in Dinslaken.

Bis Montag wird es wegen der Bauarbeiten an Gleisen und Bahnsteig Probleme geben, kündigt die Bahn an – mindestens, denn der angekündigte Schnee könnte die Arbeiten laut Bahn verzögern.

Diese Rechte haben Fahrgäste

Ob ein Tresor auf den Gleisen oder Schnee und Eis: Ist die Bahn zu spät oder fällt gar aus, haben Kunden unter Umständen ein Anrecht auf Erstattung, wenn sie ihre „Fahrgastrechte“ einfordern. Vorausgesetzt ist, dass ein Zug bei Ankunft am Zielbahnhof mindestens 60 Minuten Verspätung hatte. Dann werden 25 Prozent der Fahrkartenkosten erstattet. Bei 120 Minuten Verspätung die Hälfte. Dauer-Pendler mit Monatsticket jedoch können nur 1,50 Euro pro Verspätungsfahrt geltend machen – und müssen Verspätungen sogar „sammeln“, weil Beträge unter 4 Euro nicht ausgezahlt werden. Wer nachts zwischen 0 und 5 Uhr auf der Strecke bleibt, kann ein Taxi nehmen. Kosten bis 80 Euro für das „alternative Verkehrsmittel“ muss das Bahnunternehmen auf Antrag erstatten. Infos dazu gibt es im Internet unter www.fahrgastrechte.info und bei der www.schlichtungsstelle-nahverkehr.de. Bei DB und bei Abellio kann man sich Erstattungs-Formulare aus dem Internet herunterladen unter www.bahn.de oder www.abellio.de („Unsere Garantien“).

Der Geldautomat war offenbar nur angeklebt

136 mal haben Kriminelle 2016 in NRW Geldautomaten gesprengt. Ein Rekord. Sprengen war im Bahnhof Dinslaken nicht nötig - die Täter schleppten den dortigen Geldautomaten davon. Laut Bundespolizei wog er 500 Kilogramm. Inhalt angeblich 25 000 Euro. Der Automat des Unternehmens Cardpoint war nach eigenen Angaben „gesichert“. Allerdings nicht an der Wand, sondern am Boden. Vieles deutet darauf hin, dass der Automat jedoch nicht verankert durch Dübel, sondern auf die Steinfliesen geklebt war. Die Diebe trennten nur die Stromleitung ab. (aha/dae/dpa)

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