„Rendezvous nach Ladenschluss“

Trio Chamberjazz überzeugen bei Konzert in der Stadtkirche

Als Trio Chamberjazzhaben Matthias Keidel (Saxophon), Fritz Roppel (Bass) und Georg Dybowski (Gitarre) bereits mehrere CDs eingespielt. In der Stadtkirche boten sie als Zugabe eine Uraufführung.

Foto: Lars Fröhlich

Als Trio Chamberjazzhaben Matthias Keidel (Saxophon), Fritz Roppel (Bass) und Georg Dybowski (Gitarre) bereits mehrere CDs eingespielt. In der Stadtkirche boten sie als Zugabe eine Uraufführung. Foto: Lars Fröhlich

Dinslaken.   Im letzten „Rendezvous nach Ladenschluss“ der Saison ließ Trio Chamberjazz Texte von Kästner und Kracauer und eigene Kompositionen funkeln.

Es gibt Leute, die machen Jazz, und Leute, die Lesungen geben. Dass dies in Personalunion geschieht, ist dagegen eher ungewöhnlich. Matthias Keidel gehört zu jenen mit dieser Doppelbegabung. Er spielt Saxophon, komponiert. Und er trägt Texte vor. Kurt Tucholsky, Erich Kästner und Siegfried Kracauer waren seine ausgewählten Autoren am Dienstag in der letzten Ausgabe des „Rendezvous nach Ladenschluss“ in der Saison 2016/2017.

Mit seinen beiden Musikerkollegen Georg Dybowski (Gitarre) und Fritz Roppel (Bass) bot Matthias Keidel als Trio Chamberjazz einen atmosphärischen Mix aus Swing, Blues und folkigen Anleihen, als Rezitator wusste er das Publikum in der Ev. Stadtkirche in Dinslaken mit satirischen Spitzen und engagierten Schriften der 1920er- und 30er-Jahre nachdenklich zu stimmen.

Auch neugierige Beobachter des Alltags

„Wir werden hören: eigentlich sind die für uns“, kündigte Keidel Kästnergedichte wie „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen“ an. Mahnungen von Kästner gegen Rechts, Warnungen gegen die Finanzmultis, dass es nur vernünftig sei, Kapital zur Verbesserung der Welt zu nutzen, weil sonst die Benachteiligten doch irgendwann zurückschlagen könnten und dann mehr als nur Systeme erschüttert würden. Düster sind diese Texte in einer Zeit, wo die Rechte erstarkt, wo Herrschende mit dem Säbel rasseln und acht Männer so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit.

Aber die Autoren Kästner, Tucholsky und Kracauer waren nicht nur Seismographen politischer Erschütterungen ihrer eigenen und künftiger Zeiten, sie waren auch neugierige Beobachter des Alltags. Und dies machte sie noch in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts zu Flaneuren. Ein Typus, der im 19. Jahrhundert die Großstadt mit ihrem Menschengewimmel als ästhetisches wie anregendes Schauspiel erkannte und sich scheinbar ziellos treiben ließ, tatsächlich aber hinter jeder Straßenecke ein neues Bild, eine neue Erfahrung, eine neue Studie des modernen Menschen in seinem künstlichen, selbstgeschaffenen Lebensraum suchte. Texte über dieses Flanieren, diesem Jagen und Sammeln von Beobachtungen und Eindrücken in der Großstadt bildeten am Dienstag Abend die Klammer um Texte und Musik.

Publikum applaudiert eine Zugabe herbei

Die Turmuhr scheint wie ein Mond auf die billigen Palmen des Straßencafés. Heller funkeln die Rhythmen der Gitarre, schimmern die weichgespielten Klänge des Sopransaxophons über dem kraftvollen Bass. „Lichterschatten“ zaubert Chamberjazz in die Stadtkirche, lebhafter Jazz mit einer überraschenden Wendung zum Flamenco. Georg Dybowskis Spiel trägt den „Kammerjazz“ über weite Strecken: Akustikgitarren-Stücke, deren klangliches Spektrum durch Saxophon und Bass erweitert werden im Wechsel mit spielfreudigem, improvisiertem Jazz. Das Publikum applaudiert noch eine Zugabe herbei, dann endet das Rendezvous und damit schon wieder die Saison.

Am 22. Juni unterbricht das „Sommerrendezvous“ die Wartezeit bis Oktober mit „Irischen Impressionen“ und bei schönem Wetter mit einem Imbiss draußen.

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