Corona-Krise

Voerde: Förderschulmutter ärgert sich über Landesregierung

Hildegard Frintrop freut sich, dass ihre Tochter Antonia die Waldschule ab sofort wieder an einzelnen Tagen besuchen kann.

Hildegard Frintrop freut sich, dass ihre Tochter Antonia die Waldschule ab sofort wieder an einzelnen Tagen besuchen kann.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Voerde/Hünxe.  Mutter einer Förderschülerin ärgert sich, dass über die Corona-Situation von Familien mit behinderten Kindern erst zuletzt gesprochen wurde.

Dass sie nicht jammern möchte, hätte Hildegard Frintrop gar nicht zu erwähnen brauchen: Anhand ihrer Worte, die Optimismus ausdrücken, an dem Lachen, das zwischen einzelnen Sätzen immer wieder zu hören ist, wird das sofort klar – selbst durchs Telefon. Und das, obwohl die Voerderin davon erzählt, dass sie sich in den vergangenen Wochen, seit die Corona-Krise unser aller Alltag verändert hat, ein ums andere Mal geärgert hat. Über die Politik, über den öffentlich geführten Diskurs. „Darüber, dass wir momentan überhaupt keine Lobby haben, einfach vergessen werden.“

Mit „Wir“ meint Frintrop all die Eltern mit behinderten Kindern, die eine Förderschule besuchen. So wie ihre 18-jährige Tochter Antonia. Sie hat das congenitale Rett-Syndrom, einen sehr seltenen Gen-Defekt. „Das Syndrom zeichnet sich dadurch aus, dass Antonia schwer geistig behindert und auch körperlich – gerade was die Motorik anbelangt – stark eingeschränkt ist“, erklärt Frintrop. „Sie ist etwa auf dem Stand von einer Zweijährigen.“

Betrieb an Förderschulen ruhte, bis jetzt

Normalerweise besucht Antonia die Waldschule in Bucholtwelmen, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Doch das war aufgrund der Auswirkungen der Corona-Krise bis jetzt nicht möglich.

Der Schulbetrieb ruhte, wird erst – das stellte sich nach dem Telefonat mit Hildegard Frintrop heraus – ab Montag, 25. Mai, wieder aufgenommen (Näheres zum Vorgehen der Waldschule siehe unten). Dafür hatte Frintrop Verständnis. „Was ich aber völlig unverständlich finde, ist, dass in der Öffentlichkeit in keiner Weise auf unsere Kinder beziehungsweise die Situation in den entsprechenden Familien eingegangen wurde“, sagt sie.

Verärgert, dass immer nur über Kinder gesprochen wird, die eine Regelschule besuchen

Sie ärgert, dass sowohl bei der Diskussion um die Kitas als auch bei der um die Schule immer nur die Rede von den Kindern gewesen sei, die eine Regelschule besuchen „und nicht von den Kindern, die auf eine Förderschule gehen. Die Förderschulen wurden lange überhaupt nicht erwähnt. Uns wurden keinerlei Perspektiven aufgezeigt, geschweige denn in irgendeiner Art für Entlastung gesorgt.“ Und diese Entlastung sei für Eltern mit Förderschulkindern von sehr großer Bedeutung.

„Ich zum Beispiel kann Antonia nicht einen Moment lang aus den Augen lassen, weil sie unter anderem über keinerlei Gefahrenbewusstsein verfügt“, erzählt Frintrop. Sie für eine Zeit „vor dem Fernsehen zu parken“ gehe auch nicht, „da Antonia überhaupt nicht umsetzen kann, was da passiert und demzufolge auch keinerlei Interesse daran hat“.

Familie Frintrop ist trotz allem in glücklicher Lage

Für Hildegard Frintrop und ihren Mann, die „noch in der glücklichen Lage sind, dass wir zu zweit sind, beide ‘nur’ einen Minijob haben und deshalb zeitlich flexibler als viele andere Eltern sind“, bedeutet das: „Wir mussten sie in den vergangenen Wochen den ganzen Tag über beschäftigen, im Rahmen der stark eingeschränkten Möglichkeiten – denn auch viele Therapieangebote waren lange nicht möglich.“ Stattdessen seien sie viel draußen gewesen, hätten das Glück, einen eigenen Garten zum Spielen und gutes Wetter gehabt zu haben.

Auch die Waldschule habe sie in der schulfreien Zeit sehr gut unterstützt, lobt Frintrop: Die Lehrer hätten wöchentlich Aufgaben und Materialien, wie zum Beispiel ein Steckspiel zur Förderung der Feinmotorik für Antonia vorbeigebracht. „Aber die mühsam aufgebaute Tagesstruktur, die in der Schule selbstverständlich ist, ist natürlich trotzdem komplett weggefallen“, erzählt Frintrop. „Und Antonia vermisst das: die Struktur, die Schule, ihren Alltag dort.“ Deshalb ist Hildegard Frintrop nun froh, dass Antonia wenigstens an einzelnen Tagen in die Waldschule zurückkehren wird. „Auch das ist schon toll. Jede Stunde Schulbetrieb ist eine kleine Entlastung für uns alle“, sagt sie.

>> FÜNF BIS SECHS MAL PRÄSENZUNTERRICHT

  • Förderschulen mit den Schwerpunkten Geistige Entwicklung sowie Körperliche und motorische Entwicklung dürfen in NRW ab heute wieder den Unterricht aufnehmen. Das gab das Schulministerium am 19. Mai bekannt. Die Waldschule hat in Folge dessen 32 Gruppen mit maximal fünf Schülern gebildet, die bis Schuljahresende je fünf bis sechs Tage Präsenzunterricht haben.
  • Jede Gruppe ist in sich konstant und mit zwei festgelegten Lehrern versorgt. „So können wir ein Mindestmaß an Kontinuität bieten“, erklärt Rektorin Edda Bimmermann-Dorn in einem Beitrag auf der Homepage der Waldschule. Der Bustransport sei vom Schulträger – das ist der Kreis Wesel – beauftragt worden, das Mittagessen werde ebenfalls durch den Kreis geliefert. Die Förderschüler sollen einen Mund-Nasen-Schutz mit zur Schule bringen: Er soll beim Bustransport getragen werden, im Unterricht hingegen muss er das nicht.
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