Gauland-Rede

Voerder Gymnasiasten schreiben AfD-Politiker Gauland

Oberstufenschüler des Gymnasiums Voerde haben dem Chef der AfD-Bundestagsfraktion, Alexander Gauland, nach dessen umstrittenen Äußerungen zur Nazi-Zeit einen offenen Brief geschrieben.

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Oberstufenschüler des Gymnasiums Voerde haben dem Chef der AfD-Bundestagsfraktion, Alexander Gauland, nach dessen umstrittenen Äußerungen zur Nazi-Zeit einen offenen Brief geschrieben. Foto: privat

Voerde.   Gymnasiasten haben AfD-Politiker Gauland nach dessen umstrittenen Aussagen zur NS-Zeit einen Brief geschrieben und finden darin deutliche Worte.

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Auf die umstrittenen Äußerungen von Alexander Gauland zur Nazi-Zeit haben Oberstufenschüler des Voerder Gymnasiums mit einem offenen Brief an den AfD-Politiker reagiert. Anfang September hatte er bei einem „Kyffhäuser-Treffen“ seiner Partei in Thüringen eine Neubewertung auch der Taten der Wehrmacht gefordert. Gauland erklärte: Wenn Franzosen und Briten stolz auf ihren Kaiser oder den Kriegspremier Winston Churchill seien, „haben wir das Recht, stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Die Rede löste Empörung aus. Die Schüler des Leistungskurses Geschichte, Jahrgangsstufe 12, am Voerder Gymnasium sahen es als „ihre Pflicht an“, zu den Aussagen Gaulands, der dem nationalkonservativen Flügel der AfD zugerechnet wird, „Stellung zu beziehen“, wie in dem offenen Brief zu lesen ist.

Das Zitat, in dem der Chef der AfD-Bundestagsfraktion das Recht der Deutschen betont, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“, hat Constantin Böckhaus, Lehrer am Gymnasium Voerde, als Aufhänger für eine Unterrichtssequenz zur Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg im Geschichts-Leistungskurs der Jahrgangsstufe 12 aufgegriffen. Die Oberstufenschüler recherchierten zu diesem Thema und stießen dabei auf verschiedene Verbrechen der Wehrmacht, wie Böckhaus erläutert. Nach Auswertung der Ergebnisse bekamen die Gymnasiasten den Auftrag, auf Gaulands Rede eine Art Leserbrief zu verfassen, was sie in vier Gruppen taten.

Gauland wurde der offene Brief am Dienstag per Mail zugesandt

Aus den vier Beiträgen wurde schließlich ein Brief formuliert, der Gauland am Dienstag per Mail zugesandt wurde und ihn bald auch auf dem Postweg erreichen dürfte. Alle Schüler des Geschichts-Leistungskurses haben ihn unterschrieben. „Wir wollen damit einen Beitrag leisten, dass solche Äußerungen wie die Gaulands nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben dürfen“, betont Jan Krüssmann, einer der Verfasser.

In ihrem Schreiben finden die Gymnasiasten deutliche Worte für die Rede Gaulands, mit der sie sich intensiv beschäftigt und die sie analysiert hatten. Bezogen auf besagtes Ausgangszitat stellen sie fest: „Von einem kollektiven Stolz auf die Wehrmachtssoldaten zu sprechen, verhöhnt unserer Meinung nach die vielen Opfer der deutschen Kriegsverbrechen.“

Die deutsche Wehrmacht sei im Kriegsverlauf „massiv an Kriegsverbrechen beteiligt“ gewesen. Dazu zählten „die Beteiligung an der gezielt betriebenen ethnischen Ausrottung durch Massenerschießungen, Misshandlungen und Deportationen im besetzten Polen. Der Krieg gegen die Zivilbevölkerung in der besetzten Sowjetunion. Hunderte Beispiele für Zerstörung von Dörfern und willkürlicher Exekution von unschuldigen Zivilisten, zum Beispiel im besetzten Griechenland“. Sicher sei nicht jeder Soldat an diesen Verbrechen beteiligt gewesen – sicher „aber auch nicht keiner“.

Die Gymnasiasten halten Gauland in ihrem offenen Brief neben Geschichtsverdrehungen auch Widersprüche in dessen beim „Kyffhäuser-Treffen“ seiner Partei gehaltenen Rede vor: Dort habe er zum einen „sehr wortreich den angeblichen Verlust von Kultur- und Geschichtsbewusstsein“ beklagt, aber zum anderen „die Verbrechen“ der deutschen Wehrmacht in seiner „,Geschichtserinnerung’ bewusst“ ausgeblendet, was in seiner folgenden Aussage zur NS-Diktatur gipfele: „Man muss uns diese zwölf Jahre jetzt nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr. Und das sprechen wir auch aus.“

Schüler verweisen auf Verantwortung, dafür einzutreten, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt

Auf der einen Seite „einen Stolz für ,Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen’ zu reklamieren, also beide Weltkriege ausdrücklich in die Vergangenheitserinnerung miteinzubeziehen, auf der anderen Seite aber ,diese zwölf Jahre’ aus dem Geschichtsbewusstsein entfernen zu wollen“, geht für die Gymnasiasten „nicht zusammen“.

Heute lebende Deutsche hätten keine Schuld an den Verbrechen ihrer Vorfahren, aber sie hätten sehr wohl eine Verantwortung, „dafür einzutreten, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt“, schreiben die Oberstufenschüler weiter und werden erneut deutlich: Gauland und weite Teile der AfD würden diese Verantwortung mit Füßen treten. Sie generierten Aufmerksamkeit durch „kalkulierte Tabubrüche“, und mit Äußerungen wie jener von Anfang September gäben sie „rechtsextremen Kreisen die Bestätigung, nach der diese suchen, um ihre Themen gesellschaftlich wieder salonfähig zu machen“.

Die Aussagen Gaulands bezeichnen die Gymnasiasten als „unvereinbar mit der historischen Verantwortung“, die „wir von unseren Vorfahren, neben den kulturellen Leistungen, die Sie ja in Ihrer Rede so hinlänglich betonen, eben auch geerbt haben“. (P.K.)

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