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Wie Landwirte in Voerde-Götterswickerhamm zu Krediten kamen

Vor 150 Jahren trafen sich in dem Haus neben der Kirche, damals noch die Gaststätte „Lindenhof“, 28 Männer zur Gründung des Vorschussvereins.

Foto: Heiko Kempken

Vor 150 Jahren trafen sich in dem Haus neben der Kirche, damals noch die Gaststätte „Lindenhof“, 28 Männer zur Gründung des Vorschussvereins. Foto: Heiko Kempken

Voerde.   Vor 150 Jahren gründeten 28 Männer aus der Not heraus den Götterswickerhammer Vorschussverein, ältester Zweig der heutigen Volksbank Rhein-Lippe.

Wir schreiben das Jahr 1867 – an diesem Wintertag finden sich in der Gaststätte „Lindenhof“ an der Dammstraße neben der Kirche 28 Männer ein, um gemeinsam aus der Not eine Tugend zu machen: Heute auf den Tag genau vor 150 Jahren gründen sie den Götterswickerhammer Vorschussverein, Vorläufer der späteren Volksbank Voerde, ältester Zweig im Geschäftsbereich der heutigen Volksbank Rhein-Lippe – und die erste ländliche Kreditgenossenschaft im Rheinland.

Bürgermeister von der Mark wurde mit dem Amt betraut, das heute dem des Aufsichtsratsvorsitzenden entspricht

26 Landwirte gehörten zum Kreis derer, die bei der Geburtsstunde dabei waren. Dazu Bürgermeister von der Mark, der mit dem Amt betraut wurde, das heute dem des Aufsichtsratsvorsitzenden entspricht. Zum Vereinsvorsteher, die Aufgabe hat heute der Volksbank-Vorstand inne, wählte die Versammlung Lehrer Eickhoff.

Es war die Not der Bauern, derentwegen an jenem 28. Dezember 1867 in Götterswickerhamm ein Vorschussverein aus der Taufe gehoben wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts, nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon, hatten die Minister Stein und Hardenberg weitreichende Reformen angestoßen: Die Bauernbefreiung, die Abschaffung der Leibeigenschaft und der Zünfte und die Einführung der Gewerbefreiheit hätten für große Veränderungen in der Landwirtschaft und im Handwerk gesorgt, erläutert Gerd Hüsken, Vorstandsmitglied der Volksbank Rhein-Lippe.

Niemand fühlte sich damals für die Finanzierung der Landwirtschaft zuständig

Die „nun freien“ Bauern mussten selbst für die Vorfinanzierung ihres Saatgutes und anderer Anschaffungen wie etwa den Kauf von Ochsen aufkommen. Doch in der Landwirtschaft war das Kapital ausgesprochen knapp. Niemand habe sich damals für deren Finanzierung zuständig gefühlt, erklärt Hüsken. Zwar gab es seinerzeit schon Großbanken, die aber waren nur in Großstädten vertreten und „hatten kein Interesse daran“, Landwirten einen Kredit zu geben. Die Sparkassen hätten sich damals „fast ausschließlich auf das Sparen“ konzentriert. Kredite hätten sie nur „gegen hohe Auflagen“ gewähren dürfen, erklärt Hüsken. Blieb den Bauern also nur noch, „zu den privaten Geldverleihern, den Wucherern“ zu gehen – was dazu geführt habe, dass der Erfolg ihrer Arbeit dem Wucherer zugefallen sei und in der Landwirtschaft größte Not und Hungernot geherrscht habe.

Also entschlossen sich in Götterswickerhamm „beherzte Männer“, so steht es auf einer Tafel am Haus der ehemaligen Gaststätte „Lindenhof“ geschrieben, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, quasi „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu leisten. Die 28 Gründer des Vorschussvereins und alle, die später noch dazu kamen, hätten sich zu einer Solidargemeinschaft zusammengeschlossen, erläutert Hüsken. 20 Taler, die in monatlichen Raten zu 15 Groschen einzuzahlen waren, wurden als notwendige Kapitaleinlage (heute Geschäftsguthaben) pro Mitglied festgelegt. Der wichtigste Grundsatz war, dass alle ursprünglichen und späteren Mitglieder mit ihrem gesamten Vermögen für den Verein haften.

Die maximale Kreditsumme wurde auf 500 Taler festgelegt

„Was einer nicht schafft, das vermögen viele“ – getreu diesem Motto war es ihm schließlich möglich, „als seriöser Geschäftspartner aufzutreten“, wohlhabende Bürger konnten gefragt werden, ob sie ihr Geld anlegen wollten. Der Weg zu den Großbanken war geebnet, nachdem der Vorschussverein die Basis für seine Kreditwürdigkeit gelegt hatte. Nun konnte er sich dort Geld leihen. Das Geschäft war auch für die Großbanken interessant geworden, wie Hüsken erklärt. Die maximale Kreditsumme wurde damals auf 500 Taler festgelegt. Damit konnten alle Mitglieder des Vereins ihr Saatgut vorfinanzieren und Investitionen tätigen, „ohne dass private Geldverleiher sie in den Ruin trieben“.

Aus dem Götterswickerhammer Vorschussverein wurde sehr schnell eine „richtige Bank“, wie Hüsken berichtet. In den 1920er Jahren war sie eine von fast 25 000 Kreditgenossenschaften in Deutschland. Danach wurde damit begonnen, diese langsam zu größeren Einheiten zusammenzuschließen. Bis heute sind noch knapp 1000 Genossenschaften übrig geblieben. (P.K.)

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