Gepanschte Krebs-Mittel

Wie Markus Gehling mit dem Apotheker-Skandal umgeht

Auch Markus Gehling hat Mittwoch an der Demonstration „Gemeinsam gegen den Krebs“ in Bottrop teilgenommen. Seine Medikamente stammten aus der „Alten Apotheke“, die heute einen anderen Besitzer hat. Foto:Michael Korte

Auch Markus Gehling hat Mittwoch an der Demonstration „Gemeinsam gegen den Krebs“ in Bottrop teilgenommen. Seine Medikamente stammten aus der „Alten Apotheke“, die heute einen anderen Besitzer hat. Foto:Michael Korte

Voerde/Bottrop.   Zwei Krebs-Medikamente des Voerders stehen auf der Liste der gepanschten Mittel. Wir haben mit ihm über seine Empfindungen gesprochen.

Als Markus Gehling 2014 am Non Hodgkin-Syndrom, einem aggressiven Lymphdrüsenkrebs, erkrankte, ging der Pastoralreferent der katholischen Kirchengemeinde St. Peter und Paul sehr offen mit seiner Krankheit um. Zehn Monate musste er der Arbeit fern bleiben, durfte wegen der Behandlung nicht unter Leute. Behandelt wurde mit sechs Zyklen Chemo- und Antikörpertherapie. Zwei seiner vier Medikamente stehen auf der Liste der von dem Bottroper Apotheker mutmaßlich gepanschten Medikamente und Zytostatika. Markus Gehling gilt als geheilt. Mittwoch hat er an der Demo in Bottrop teilgenommen.

Was haben Sie empfunden, als Sie von den gepanschten Medikamenten gehört haben? Was haben Sie gemacht?

Markus Gehling: Erst habe ich gedacht: Das kann doch gar nicht sein. Da gibt es doch Kontrollen, da wird ein einmaliger Fehler passiert sein. Aber nach einigen Tagen war ja klar, dass da wirklich kriminelle Energie dahinter steckte. Ich bin zum Arzt gegangen, ich hatte sowieso einen Termin, und habe gefragt, was das nun bedeutet. Er hat mich beruhigt und gemeint, dass die Behandlung bei mir ja angeschlagen habe und ich mir deswegen keine Sorgen machen müsse. Und er würde die Nachsorge sehr genau nehmen. Das war wohl dann auch der Grund, eine weitere CT-Untersuchung zu machen.

„Ich fühle mich betrogen“

Hat Sie das beruhigt?

Markus Gehling: Zufrieden bin ich trotzdem nicht. Ich fühle mich schon betrogen. Und Krebs ist ein komplexes Phänomen. Da sind Körper und Psyche eng verwoben. Die Unsicherheit und Gefährdung des eigenen Lebens ist einem schon sehr präsent. Das kann man bis zu einem gewissen Grad wegdenken und als Christ vielleicht auch wegbeten. Aber dieses Unsicherheitsgefühl wird gesteigert, wenn man weiß, dass man offenbar nicht einmal einem Apotheker vertrauen kann.

Ich glaube, ich hatte die ganze Angelegenheit auch über die zehn Monate, die das jetzt bekannt ist, eher verdrängt. Aber Schritt für Schritt ist das Problem ja auch näher gerückt. Erst sollten es nur fünf Wirkstoffe sein, die gepanscht wurden, heute weiß man, dass es viel mehr waren (unter anderem auch „meine“). Und dann gab es einige Informationen über die Schicksale von Menschen, die gestorben sind, und wo die Angehörigen heute keine Informationen bekommen, ob es an falschen Dosierungen lag.

60 000 Zytostatika sollen falsch hergestellt worden sein. Manch einer argumentiert ja, man könne heute nicht mehr nachweisen, welcher Patient wie genau betroffen ist. Aber das stimmt ja nicht. Es gibt einen, der da helfen könnte, das ist der Apotheker selbst. Er könnte gestehen, er könnte auf den Tisch legen, was er getan hat und so könnten auch viele Patienten genauer wissen, was geschehen ist und inwieweit genau sie betroffen sind.

„Eine Frau erzählte mir vom Sterben ihres Mannes“

Sie haben am Mittwoch an der Demonstration „Gemeinsam gegen Krebs“ in Bottrop teilgenommen. Wie war das?

Markus Gehling: Als ich zum ersten Mal vor der Apotheke in Bottrop stand, ein wirklich schönes, beeindruckendes Gebäude in so einem neobarocken Gründerzeitstil mit einer Figur des Apostels Jakobus in der Fassade ist mir das noch mal besonders klar geworden. Schon das Gebäude strahlt Seriosität aus. Da geht man gerne rein. Und dann, hinter den Kulissen passieren solche Dinge. Unfassbar! Eine Frau erzählte mir vom Sterben ihres Mannes. Sie hatte sich immer gewundert, dass die Therapie so wenige Nebenwirkungen hatte. Aber der Arzt hat sie beruhigt: „Das liegt an der positiven Energie Ihres Mannes. So ist das richtig.“ Und jetzt muss sie mit der Unsicherheit leben, ob man noch etwas hätte verhindern können, wenn man damals anders reagiert hätte.

„Das Verschweigen nutzt nur den Tätern“

Das Recherchezentrum Correctiv hat im Internet eine Suchmaske veröffentlicht, die nach Postleitzahl die Ärzte ausgibt, die von der Apotheke beliefert wurden. Halten Sie eine solche Veröffentlichung für sinnvoll?

Markus Gehling: Mir wäre lieber, wenn das nicht notwendig gewesen wäre. Wenn die Ärzte von sich aus offensiv auf ihre Patienten zugegangen wären. Es nervt, wenn andere Menschen entscheiden, was man mir zumuten kann und was nicht. Ich war da auch während meiner Erkrankung für Offenheit, ich will wissen, woran ich bin, und nicht künstlich in Sicherheit gewiegt werden. Das Verschweigen nutzt nur den Tätern, ohne öffentliche Diskussion wird sich auch insgesamt nichts ändern. Nur wenn die Fehler im System offen gelegt werden, könnten z.B. bessere Kontrollen durchgesetzt werden.

Ich finde die Veröffentlichung ist in guter Weise geschehen. Man muss selbst die Postleitzahl seines Arztes eintippen. Wer nichts wissen will, kann das ja einfach sein lassen. Aber davon ab, viele Patienten sollten doch auch schon deshalb informiert sein, weil sie an die Alte Apotheke ihren Eigenanteil gezahlt haben.

Ich habe bei der Demo den Gesprächen der Leute um mich herum zugehört und alle beklagten, wie schlecht die Information bisher war, wie wenig man als Patient erfahren hat, während der „gute Ruf“ der Apotheke mit allen Mitteln geschützt wird.

„In der benachbarten Kirche gab es eine Aktion: ‘Fürchtet euch nicht!’

Haben Sie einen Rat für andere Betroffene, wie sie mit der Situation umgehen können?

Markus Gehling: Ich weiß nicht, ob man allgemein Rat geben kann. Mir hat das etwas gebracht, mit einigen der Leute da reden zu können. Auch wenn ich „nur“ ihre Geschichte angehört habe. Gestern waren auch der Oberbürgermeister und der Gesundheitsdezernent da. Das hat den Bottroper Betroffenen gut getan. Dass da Leute sind, die hinter einem stehen. In der benachbarten Kirche gab es eine Aktion: „Fürchtet euch nicht!“ Das fand ich auch einen guten Zuspruch.

Interview: Anja Hasenjürgen

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