Geschichte

Zur Schau gestellt im Stürmerkasten

Fünf Stolpersteine in der Neustraße erinnern an jüdische Familien, die in der Nazizeit in Dinslaken verfolgt wurden.

Fünf Stolpersteine in der Neustraße erinnern an jüdische Familien, die in der Nazizeit in Dinslaken verfolgt wurden.

Foto: Heiko Kempken / WAZ FotoPool

Dinslaken.   Wie ein Fotograf 1935 in Dinslaken Menschen anklagte, die bei Juden einkauften, erzählt ein Aufsatz von Anne Prior, der Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine für Dinslaken e.V.“

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Aus heutiger Sicht ist es nur schwer zu verstehen, dass jemand Menschen in Verruf bringen will, indem er ihren Einkauf bei jüdischen Geschäftsleuten fotografisch dokumentiert und die Bilder öffentlich ausstellt. Auf die Spur einer solchen Tat kam Anne Prior, als sie im November 2010 den Begleitband der internationalen Wanderausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“ studierte. Durch eine in dem Band veröffentliche Fotografie wurde die Dinslakenerin und Vorsitzende des Vereins „Stolpersteine für Dinslaken e.V. “ auf einen Fotobestand im Stadtarchiv Nürnberg aufmerksam.

„Dort liegt der Bestand des antisemitischen, vom fränkischen Gauleiter Julius Streicher herausgegebenen Blattes „Der Stürmer.“ Dieser enthält wiederum einen Bestand „Dinslaken“. Hier wurde fotografisch ein Vorgang dokumentiert, der sich im Sommer 1935 in Dinslaken abspielte. Außerdem wurden Briefe Dinslakener Bürger und der NSDAP-Kreisleitung Dinslakens an die Redaktion des „Stürmer“ vom zuständigen Archivar ermittelt.“

Diese Bilder und den dazugehörigen historischen Hintergrund hat Prior in einem Aufsatz mit dem Titel „Warum kauften diese Volksgenossen beim Zigarrenjuden Wolf?“ im Band 28 der im Göttinger Wallstein Verlag erscheinenden „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“ vorgestellt.

Nachforschungen über die Motive

Der Fotograf Hans Georg Käbel hat Ende Juni 1935 die Kundschaft einiger jüdischer Geschäftsleute auf der Neustraße (damals Schlageterstraße) und Bahnstraße (damals Braunaustraße) fotografiert. Für einige Tage waren diese Bilder im „Stürmerkasten“ am Neutor zu sehen. Anne Prior hat sich unter anderem an das Bundesarchiv in Berlin und verschiedene Kommunalarchive gewandt, um etwas über den Fotografen und seine Motive herauszubekommen. Keinesfalls dürfe man diese Einzelaktion losgelöst von der damaligen antisemisch aufgeladenen Stimmung des Sommers 1935 sehen, dessen Höhepunkt die Verabschiedung der „Nürnberger Gesetze“ auf dem NSDAP-Parteitag im September bildeten.

In den Niederlanden überlebt

Opfer der Aktion werden die Besitzer des Textilgeschäfts Salmon, des Schuhhauses Davids, der Zigarrenhandlung Wolf und Metzgermeister Sally Stahl. Für das Ehepaar Salmon wurden bereits im Februar 2012 Stolpersteine durch Gunter Demnig verlegt, an Berta Davids und ihre Kinder sowie an die Familie Wolf sollen ab April 2013 Stolpersteine in der Neustraße erinnern. Die Recherchen für den Aufsatz fließen auch in die Erinnerungsarbeit des Vereins mit ein. So konnte das genaue Todesdatum von Zigarrenhändler David Wolf, der mit seiner Familie nach Köln floh und dort 1938 verstarb, mit Hilfe der Synagogengemeinde Köln ermittelt werden. Außerdem kam die erstaunliche Tatsache zutage, dass die ehemalige Schuhhausbesitzerin Berta Davids mit ihrer Tochter Henriette die Zeit der Verfolgung in den Niederlanden im Versteck überlebte.

Zwölf historische Bilder aus der Neustraße, dem Neutor sowie Bahnstraße und Fr.-Ebert-Straße aus dem Jahre 1935 werden einer interessierten Öffentlichkeit nun erstmals vorgestellt. Der Fotograf ist Laie, was der Betrachter den Bildern ansieht. Dennoch sind die Bilder von Wert für die Stadtgeschichte, da sie nicht nur eine antisemitische Aktion des Jahres 1935 dokumentieren, sondern eben auch ehemals so bekannte im jüdischen Besitz befindliche Einzelhandels-geschäfte zeigen, die zum Teil jahrzehntelang das Bild der Neustraße prägten.

Auch ein Bild des „Saalbau Rau“, in der die Kinder des jüdischen Waisenhauses nach dem Pogrom im November 1938 übernachten mussten, zählt dazu. „Vor dieser Gaststätte hat Käbel zwei Frauen aus der jüdischen Gemeinde Dinslakens fotografiert. Das lässt zumindest der antisemitische Text vermuten, den er dazu verfasste. Das ist überhaupt sehr abstoßend, die dazugehörigen, vom Fotografen verfassten Texte“ so Anne Prior.

Von der Partei abgelehnt

Hans Georg Käbel war Neubürger Dinslakens und bei der hiesigen DAF-Kreiswaltung beschäftigt. In die HJ war er bereits 1930 als Siebzehnjähriger eingetreten, der NSDAP-Eintritt erfolgte 1932. Allerdings gehörte er der Partei 1935 nicht mehr an - wegen ausstehender Parteibeiträge. In Dinslaken ergab sich für ihn ein beruflicher Neuanfang, allerdings war ein hauptamtliches Arbeitsverhältnis bei der DAF ohne Parteibuch nicht möglich. „Offenbar wollte er mit seiner „Stürmerkastenaktion“ bei der NSDAP Eindruck machen - was ihm zunächst auch gelang“, so Anne Prior weiter. Im November 1935 trat Käbel, der inzwischen wieder der NSDAP angehörte, aus der Partei aus. Der Grund: seine Herkunft als nichtehelicher Sohn einer „arischen“ Mutter und eines jüdischen Vaters war bekannt geworden. Käbel beteuerte, davon nichts gewusst zu haben. Schließlich zog er von Dinslaken fort, nach Duisburg. Von Duisburg aus startete er Versuche, wieder in die Partei aufgenommen zu werden, was NSDAP-Gau- und Kreisleitung jedoch ablehnten.

All dies wird in dem Aufsatz von Anne Prior ausführlich dargestellt und analysiert. Der Text richtet sich in erster Linie an ein Fachpublikum, ist aber dennoch auch für historisch interessierte Laien gut lesbar.

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