2000 Griffe in einer Woche

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ZEITREISE. Das Handwerk ist längst ausgestorben. Wie Wilhelm Jacobs im Wiescheider Kotten Messergriffe herstellte.

LANGENFELD. Der Schalenschneider-Kotten in Wiescheid - ursprünglich sollte er schon längst nicht mehr stehen. Nachdem der Schalenschneider Wilhelm Jacobs 1989 mit 90 Jahren gestorben war, sollte seine Werkstatt mit dem Originalinventar aus dem Jahr 1920 ursprünglich abgerissen werden. Mit dem Abbruch dieses technischen Denkmals wäre auch eine letzte Erinnerungen an ein inzwischen ausgestorbenes Handwerk gelöscht worden. Wie gut, dass der Kotten in einer "Vitrine" weiter existiert und uns nun zu einer Zeitreise einlädt:

Vom Baumstamm zum Messergriff

Ein Heft- und Schalenschneider stellte zwei unterschiedliche Messergriffe her: "Messerhefte" waren aus einem Stück Holz gefertigt und hatten einen Schlitz am oberen Ende, in den die Klinge eingesetzt wurde. "Messerschalen" bestanden aus zwei Griffteilen, die später mit der Klinge zusammengefügt wurden.

Dem Kulturellen Forum zu Folge arbeitete Wilhelm Jacobs in seiner Werkstatt mindestens 60 Stunden in der Woche und produzierte täglich rund 2000 Messergriffe. Er benutzte vorwiegend Buchen- und Kirschbaumholz, das er aus dem nahegelegenen Wald holte. Dann machte er sich an die Arbeit:

Mit der Zweigmann-Zugsäge kürzte Jacobs die Baumstämme auf eine tragbare Länge und brachte sie in seinen Kotten. Dort schnitt der Schalenschneider das Holz an der Kürzsäge auf die Länge der späteren Messergriffe zurecht.

Mit der Plattensäge machte er sich schließlich daran, die Stämme auf die Breite der Messergriffe zu bringen. Seinen rechteckigen Rohling nannte er in diesem Zustand einen "Platten". Auf die richtige Dicke brachte Wilhelm Jacobs die Platten mit der Kantensäge. So wurde aus einem "Platten" der "Kanten". Die Kanten kamen dann in den Trockenraum, wo sie auf einer Art Gitter, der sogenannten Trockenhürde rund acht Tage lang unter Wenden und Schütteln getrocknet wurden. Ein Ofen, der mit dem Abfall vom Sägen und Fräsen befeuert wurde, beschleunigte diesen Prozess.

Danach wurden die Holzkanten in eine Zange, den sogenannten Frässchuh, eingespannt. Darunter spannte Wilhelm Jacobs die Schablone, auch Façon genannt, die er selbst aus Eisenblech herstellte und die die spätere Form des Messergriffes vorgab. Mit 6000 Umdrehungen in der Minute formten die vier Klingen des Frässchus das Holzstück.

Nachdem er die Griffe mit der kleinsten Säge am unteren Ende auf die endgültige Länge gebracht hatte, bearbeitete der Schalenschneider das obere Ende des Griffes mit der Köpfmaschine. Als nächstes mussten die Griffe gefärbt oder gebeizt werden. Dazu kochte Wilhelm Jacobs die Griffe zwei bis drei Stunden lang mit Farbe oder Beize in einer alten Waschmaschine. Danach ließ er sie für den Rest des Tages bei niedriger Temperatur ziehen. Nach drei bis vier Tagen schnitt er ein Teststück an, um zu prüfen, ob die Griffe bis ins Holzinnere durchgefärbt waren, und ließ sie im Freien trocknen.

Nach der Wäsche in die Stahltrommel

In einer Stahltrommel, der sogenannten Rommel, wurden die Griffe zusammen mit Wachskugeln so bewegt, dass sie nach rund eineinhalb Stunden zur Gänze mit Wachs überzogen waren. Danach wurden die Wachskugeln gegen weiche Stofflappen ausgetauscht, die die Griffe nun blank polierten.

Dann erfolgte der letzte Schritt: Das obere Ende der Hefte schnitt Wilhelm Jacob mit der kleinsten Säge mittig ein und brachte die Griffe zum Reider, der Klinge und Griff zusammenführte. Ein Messer war entstanden.

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